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Die Welt · 1903-01-09 · 2 (9.1.1903) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
2 (9.1.1903)
Article
Polenpresse und Zionismus
Date
1903-01-09
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 2 ^Die s> Welt" Seite 3 Juden durch und begründete schliesslich den Zionismus als eine historisch notwendige Bewegung, die weder eine Laune seiner Führer, noch auch eine Folge des Antisemitismus, sondern eine lebendige, sonnenklare Wahrheit sei, die man vergeblich bu bekämpfen sucht. Dem Zauber von Sokolows Rede konnte sich nicht einmal der voreingenommene polnische Journalist entziehen. Er überströmt einfach von Lobeserhebungen für diesen Mann und seine Bede und muss eingestehen, dass die anwesende jüdische Intelligenz — nach dem rauschenden, ja frenetischen Beifallsstürme zu schliessen — überzeugt und gewonnen wurde. Von sich selbst tann der Mann der Presse nicht dasselbe behaupten. Es lam als Saulus und ging als Saulus von dannen. „Man zeigte uns nur die Idee, das Abstraktum, aber nicht das Wesen des Zionismus, wie er ausschaut nach seiner Verpflanzung in die Massen." Angesichts dessen wagen wir nicht viel, wenn wir den Verdacht aussprechen, unser Gewährsmann schliesse aus der Tatsache, dass die polnische Presse zur Versammlung geladen wurde, man habe ihr einen ad hoc zugestutzten Zionismus gezeigt. Diesbezüglich können wir ihm den Rat erteilen, einmal eine ZioiistenVersammlung zu überraschen oder einer solchen Versammlung in Oesterreich, Rumänien, England oder Ameriki^taizuwohnen. Für so dumm halten wir ihn übrigens nicmv dass er annehmen könnte, die englischen, .rumänischen, deutschen oder amerikanischen Juden sähen ihr Heil in der Präponderanz des Judentums auf dem Gebiete des ehemaligen Polen. „Amicus Piato, sed magis amica veritas" — schliesst der Korrespondent des „Sic wo Polskie" — „die Wahrheit, die man vor uns verbarg, indem man uns Sand in die Augen streute . . . Auf diesem Wege gelangen wir zu keiner Verständigung 18 Der letzteren Meinung sind auch die Zionisten. Auf dem Wege des Misstrauens und der Verdrehung der Tatsachen gelangen wir wirklich zu keiner Verständigung, wohl aber auf dem Wege der Aussprache, des gegenseitigen Vertrauens und der Aufrichtigkeit. Diesen Weg sind die Warschauer Zionisten gegangen. Wenn auch das nicht der richtige Weg ist, so gibt es überhaupt keinen, der zur Verständigung führt. Und die Zionisten sind wahrlich nicht diejenigen, denen es vor dieser Eventualität bange zu werden braucht ... e. f. wz. Die Scheinformen Im rumänischen Staate — Dokumente zur rumänischen Judenfrage. In Rumänien ist die Zivilisation und die moderne Kultur in grossen Ehren — auf dem Papier. Wenn man die rumänische Verfassumg, Ministerreden und offiziösen Leitartikel liest, so gibt es zwischen den entwickeltesten Weltstaaten Europas und Rumänien keine wesentlichen Unterschiede. Die rumänische Staatsverfassung ist von den Franzosen und Belgiern entlehnt und in Eile zusammengekittet. Das «Justizsystem und die Jurisprüdenz sind eine Uebersetzung des französischen Gesetzkodex ins Rumänische, und Administrationswesen., Schule, Armee, Theater, Politik, die politischen Parteien und Schlagworte, alles ist Pariser Waire, von den in Paris studierenden Bojarensöhnchen importiert. Diese Zivilisation auf Papier geht so weit, dass die Rumänen ihr Land „das Belgien des Ostens* nennen und ihie Hauptstadt Bukarest Paris — eine ArtParis Nummer zwei, dieHauptstadt eines Belgien Nummer zwei. Aber sobald man üfcer das Schriftstück, die Zeitungs- Prahlrede hinüber insLanl schaut, verändert sich das Bild sofort! Die französischen Formen erweisen sich als gar zu stark ins Rumänische »übersetzt", sie sind zur Karikatur geworden. Die Unterschiede zwischen Rumänien und einem zivilisierten Staate erscheinen dann in ihrer riesenhaften Grösse und der wahre Kuiturzustand des Rumänenlandes in seiner ganzen Trostlosigkeit. Der erste, der diesen grossen Unterschied zwischen Inhalt und Form gesehen hat, war Herr J. L. Maiorescu, der „rumänische Lessing", wie man ihn in Rumänien nennt. Einheller Kopf und einer der gebildetsten Männer Rumäniens, bewies er in einer berühmt gebliebenen Artikelserie noch in den Siebzigerjahren, wie diese leeren Formen in der Literatur zur Bombastik, in der Geschichtsschreiberei zum lächerlichen Chauvinismus und in der Politik zum moralischen und ökonomischen Fallissement geworden sind. Natürlich wurde er von den literarischen und politischen Aufschneidern als Antipatriot, Atheist und Kosmopolit verschrieen und Herr J. L. M a i o r e s c u ist in diesem ungleichen Kampfe gegen ein ganzes Land unterlegen. An der Seite seines alten Freundes und politischen Führers Herrn P. P. Carp führt er den Kampf noch heute fort. Der alte Grundgedanke seines politischen Wirkens hat jetzt eine neue, aber wenig veränderte Modellierung erhalien. Auf dem Kongresse der Neu-Konservativen (Führung: Carp) der vor einigen Wochen in Bukarest abgehalten wurde, wurde das Programm der Gruppe von Herrn B. D e 1 avrancea in den geflügelten Worten zusammengefasst: In Rumänien muss ei n e U m w an dl u n g des nationalen Gewissens geschaffenwerd en.Wie wenig Anhänger dieses Programm bei den Wählern gefunden hat, das konnte man bei den Gemeinderatswahlen sehen. Die Carp'sche Partei erhielt eine lächerliche Stimmenzahl. Aber nicht den Kampf der Herren Carp und Maiorescu will ich hier schildern. Er soll nur zum besseren Verständnis der Verhältnisse in Rumänien beitragen. Die, rumänische Politik ist dunkel wie eine Sackgasse und doch hängt von ihr das Leben von 220.000 unserer Stammesgenossen ab. Was diese,, Umwandlung im nationalen Gewissen" der Rumänen, von welcher allein die Rettung des Landes nach der Meinung des Herrn P. P* Carp abhängt, ist, das wollen wir hier untersuchen. Das Hauptübel, unter welchem die rumänischen Juden verkommen, ist Rumäniens Doppelexistenz. Einerseits das offizielle, lügenhafte, geschminkte Rumänien, andererseits das wahre, rückständige, barbarische Rumänien. Von den 6 Millionen Einwohnern, mit welchen Rumänien in den geographischen Lehrbüchern verzeichnet ist, gehören nur ein paar hunderttausend zu denen, die einen König, Minister und Abgeordneten haben, der Rest, der grosse Restvon über5Millionen Leuten sind „Europäische Kaff ern % wie sie ein bekannter rumänischer Schriftsteller, Herr J. Theodores cu, genannt hat. Ausserhalb der Grenzen der rumänischen Städte lebt ein anderes fremdes Volk mit anderen Sitten, anderen Bedürfnissen und fast mit einer anderen Sprache. Die paar tausend sind von 124 Abgeordneten im Abgeordnetenhause vertreten, die 5 Millionen Kaff ern von 33 Abgeordneten und dies nur theoretisch, denn der vierte Wahlkörper, in welchem die rumänischen Bauern indirekt wählen, hört auf die Befehle der Distriktspräfekten und gehört immer der zur Zeit regierenden politischen Partei an, weshalb man ihn auch Colegiul Minciuna, der Scheinwahlkörper, nennt. In den Senat können sie nicht einmal pro forma, wie in das Abgeordnetenhaus wählen. Das Leben, welches diese Bauern führen, ist in der rumänischen Literatur ausführlieh beschrieben. Es ist, mit wenigen Ausnahmen, ein wahres Sklavenleben. Nach dem Unabhängigkeitskriege haben sie von ihren Autokraten nichts bekommen. Und der Umstand, dass sie Rumänen sind, trägt nicht zur Milderung ihrer Lage bei. Auch sind diese Autokraten nicht immer Rumänen. Echte rumänische Bojarenfamilien sind sehr wenige und diese nicht ganz blutrein, die meisten unter

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