Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-01-02 · 1 (2.1.1903) · p. 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
1 (2.1.1903)
Article
Die Märchen meiner Mutter
Date
1903-01-02
Page
20 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316016-3327498--36690-3327573
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 20 „Die 2& Wfelt" Nr. * ihre jungen Augen. Sie gingen zusammen, in die Schule und dort träumten sie von eisernen Brücken, die unter Feindestross zusammenbrachen und von Brücken aus Spinngewebe, auf denen sich die Juden heldenmütig verteidigten ... Mit ihren Jahren wuchs ihre Libe und eines war vom andern ganz erfüllt. Und als der erste Sommer seine Rosen auf ihr Leben warf, löste er den Zauber und versprach sie zu seinem Weibe zu machen . . . Da zog aber der Hunger ins Land. Die Menschen mussten auswandern und mit ihnen auch er. Bevor er aber ging, presste er sie an seine keuchende Brust und besiegelte seinen Treuschwur mit einem Kuss auf ihre Lippen. Sie sah ihm nach, wie er wankenden Schrittes, das Bündel auf den Schultern, die Stadt verliess. Er dachte wohl stets an sie, doch die vielen Leiden, die er in seinen Wanderjahren auszustehen hatte, liessen ihr Bild in seinem Herzen allmählich erblassen. Das Geld, dessen Wert er kennen lernte, mordete seinen Jugendtraum. Sein reicher Arbeitgeber fand an ihm Gefallen und gab ihm seine einzige Tochter zur Frau. Und er nahm sie. — Doch sie wurden nicht glücklich. Sie siechte dahin und er litt unter grausamen Gewissensbissen. Des Nachts schreckten ihn die bösen Träume und des Tages ging er wie ein Schatten daher . . . Und auch mit den Geschäften ging es abwärts. Als zuletzt sein unschuldiges Kind von einer bösen Krankheit hingerafft wurde, da fuhr er zu einem weisen Rabbi, dem er unter Tränen seine Geschichte erzählte. „ Scheide von deiner Frau" — sagte der Rabbi — „und kehre zurück zur Geliebten deiner Jugend, denn sie ist dein Siwug*) —a Und er Hess sich von seiner Frau scheiden und kehrte zur Geliebten seiner Jugend zurück, denn sie war sein Siwug. Er fand sie in einer kalten Stube am Fenster sitzen. Als er eintrat, flog sie ihm entgegen und sprach: „Endlich bist du da —" „Mein liebes Kind —a * Es war einmal grosser Festtag im Himmel, man feierte oben die Wiederkehr des Chanuka-Festes. Die Engel führten die schönsten Reigen auf. jubelten und sangen zu den Klangen der sphärischen Musik. Alle Sonnen leuchteten. Und in diesen Lichtfluten spielten kleine Engelchen, tummelten sich auf dem in den prächtigsten Farben funkelnden Bo?.en und jauchzten aus voller Herzenslust. Gabriel sah, in Gedanken versunken, auf die kleinen Engelsfüsschen, wie sie sich behende auf den Lilienstengeln bewegten und auf die schimmernden Funken, die sie aus der Diele hervorzauberten. Er vergass an sein wichtiges Tagewerk. Und als ihm seine Pflichtvergessenheit zumBewusstsein kam, war es schon zu spät: die Seelen schwirrten ihm entp g-n. Hastig ergriff er je zwei und drängte sie zur Himmelspforte hinaus. Und er dachte immer dabei an das wunderbare Engelspiel, das ihn heute besonders ergötzte. Und so merkte er nicht, dass er zuletzt nur eine Seele ergriff und sie zur Erde entliess — Es war einmal ein unglücklicher Mann in den heissen Landen des Orients. Er war der einzige Sohn eines reichen Kaufmannes und hätte doch so leicht glücklich werden können. Er war der schönste Jüngling, der je auf Erden schritt. Sein Wuchs war schlank wie eine Pinie. Seine Arme waren sehnig und stark, er vermochte in seinem Zorn ein wildes Tier mit einem Schlage zu töten. Und schwärzer als seine Augen war sein Haar. Und rot wie die reife Kirsche war sein Mund. *) Prädestinierter Ehegatte. Er hatte in seinem Leben keinen festen Halt und sein. Leben war von ewigem Sehnen erfüllt. Er sehnte sich und man wusste nicht wonach. Man sah ihn in mondhellen Nächten, mit Pfeil und Bogen bewaffnet, auf riffigen Hügeln nach Gemsen jagen und bei wütenden Stürmen in einem engen Nachen auf schäumender See in die Ferne rudern. Ein ewiges Sehnen trieb ihn umher — Sein Vater sagte ihm : „Reichtum wäre das grösste Glück auf Erden." Er opferte seine Zeit den Geschäften und das Geld floss ihm in Strömen zu. Er ward zum reichsten Manne des Landes. Tausend Sklaven und tausend Sklavinnen harrten im Schlosse seiner Befehle. Kein Ziegelstein stak in seiner Burg, sie war aus blankem Marmor gehauen. Und alle Geräte weren aus Gold und Silber und Jaspis. Er badete in Rosenöl und ass das Fleisch der seltensten Tiere* Im Keller lagen ihm tausende von Säcken mit Goldbarren gespickt — aber seine Sehnsucht stillte sich nicht. „Das Glück liegt im Geben, im Glücklichmachen anderer," sagte ihm ein Weiser. Da schenkte er eines Tages allen seinen Sklaven die Freiheit. Er liess alle Armen zusammenrufen und machte sie in einem Augenblick zu reichen Leuten. Tagelang stand er am Tore seiner Burg und verteilte das glänzende Gold. Es war zehn Meilen in der Runde kein Armer mehr zu sehen — und seine Sehnsucht wuchs. „Deine Sehnsucht ist das Weib,6* sagte ihm ein Derwisch. Die Worte des Erfahrenen leuchteten ihm ein. Er liess es weit und breit verkünden, dass er eine Lebensgefährtin wünsche. Die Reichsten und Vornehmsten des Landes schickten zu ihm ihre Töchter. Es waren Mädchen, schön wie Nymphen und anmutig wie Engel« Sie zogen an ihm in ihrer reizenden Keuschheit vorbei wie eine lebende Blumenschar. Doch er blieb unberührt von all Öer Pracht — >• , Und in einer finsteren Nacht verliess er geheimnisvoll sein Schloss, nur mit einem Derwischmantel bekleidet. Einsam zog er in die Wüste . . . * „Und nun ist ein Märchen zu Ende, Mutter — ich hätte dir noch was zu sagen . . . doch fürchte ich mich vor den heissen Tropfen, die aus deinen Augen auf meine Wange fallen/ „Sieh', draussen fällt der Schnee in so grossen Flocken zur Erde und mir ist in deiner Nähe so wohl, so wohl. Ach, Mutter, wenn ich immer bei dir bleiben könnte —" „Und nun will ich es dir sagen: . . . Mir kommt es vor, als wenn Gabriel auch meine Seele in so einer Feiertagsstimmung einsam zur Himmelspfortehinausgedrängt hätte —u „Denn die Sehnsucht zehrt an deinem Sohne in ruhelosen Nächten." „Weine nicht, Mütterchen. Lege deine zarte, weiche Mutterhand auf meinen Kopf und kraue mir das Haar. Denke nicht daran, dass ich gross geworden, denn ich bin ja immer dein Kind ..." David Rothblum. Heitere Ecke, Nur keine Furcht! Zwei Korpsstudenten trinken in einem vornehmen Restaurant ihr Bier, als ein polnischer Jude hereintritt und mit höflichem Gruss an ihrem Tisch Platz nimmt. Höchst aufgebracht schreit ihn einer der Studenten an: „Sie, wir sind Antisemiten!* „Macht nix, Herrleben," begütigt ihn der Jude, „solange sie sich ansändig benehmen, können sie ruhig sitzen bleiben." * Im Auskunftsbureau. „Bitte eine Auskunft über Tulpenthal!" „Kann ich bestens empfehlen, sehr feine Familie, steht direkt vor dem Taufen."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.