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Die Welt · 1902-12-26 · 52 (26.12.1902) · p. 27

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
52 (26.12.1902)
Article
Die sozialen Aufgaben der Kultusgemeinde
Date
1902-12-26
Page
27 (sequence 2)
Language
German
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- 27 — sammenhänge zwischen der Terelendung der Judenmassen und (Jer Stellung und dem Ansehen der Gemeinde unterschätzen und daher auch die Mitverantwortung der Gemeindevertretung für das Zugrundegehen so vieler, lebenstüchtiger, ehrlicher Existenzen nicht empfinden. Damit soll nicht vielleicht das Prinzip ausgesprochen werden, die Kultusgemeinde habe die Pflicht, allen bedrohten oder schwachen Existenzen auf die Beine zu helfen, das würde ihre moralischen und materiellen Mittel um ein Unendliches übersteigen, was aber möglich ist, und den Kähmen des vorhandenen Statutes gewiss nicht überschrei-, tet, ist der planmässige Ausbau der Wohltätigkeitsaktionen, sowie die Unterstützung aller Bestrebungen, die eine Vorbeugung oder Hemmung des wirtschaftlichen Niederganges unter den Juden bezwecken. Hierzu wird in erster Linie eine Institution endlich ins Leben gerufen werden müssen, die oft angeregt, diskutiert und selbst schon versucht, bis nun aber noch immer nicht in erfolgreicher Weise in Angriff genommen wurde: eine gewisse Zentralisation der Armenpflege! Das Almosengeben, das, wie es bis nun geübt wird, viele Härten und Ungerechtigkeiten gegen die Verschämten und Bescheidenen im Gefolge hat, müsste unter bestimmten Gesichtspunkten in ein System gebracht werden, das als Ziel hat, ausser dort, wo die augenblickliche Not milde Gaben unbedingt erfordert, die verfügbaren Mittel zu dauernden Hilfeleistungen zu verwenden, zu Einrichtungen, die nicht nur einzelnen, schon ganz elenden, sondern auch der gefährdeten Masse zugute kommen. Der Anarchie des berufsmässigen Sehnorrertums auf Kosten so vieler zurückgewiesener TTnterstützungswürdiger soll wirksam entgegengetreten werden, was nur durch Anlage eines Zentral-Katasters möglich ist. Eine Verständigung, die absolut noch kein Aufgeben der Selbständigkeit bedeutet, der einzelnen philanthropischen Vereine auf Initiative und unter Leitung der Kultusgemeinde könnte hier bald zu dem gewünschten Ziele führen, umsomehr, als dieser Aneinandersehluss auch eine wirksame Kräftesammlung zur Schaffung statutarisch vorgesehener grösserer Wohlfahrtsinstitutionen darstellen würde. Die Schaffung dieses Zentral-Katasters wäre auch yom Standpunkte der Begründung eines jüdischen Zentralstatistischen Amtes, das gleichfalls zu den Aufgaben der Kultusgemeinde gehört, wärmstens zu begrüssen. Jüdische Statistik gehört heute zu den wichtigsten Voraussetzungen sozialer Hilfsaktionen im grösseren Stile, sie ist eine Notwendigkeit für die jüdischen Körperschaften, die die Juden vertreten oder für die sie wirken wollen. Es sind bereits ernst« Anfänge nach dieser Eichtung hin vorhanden. In Berlin ist eine Zentralstelle für jüdische Statistik, die in allen Ländern arbeitende Kommissionen hat. Was aber solch einer Konimission nur unter den grössten Opfern zugänglich ist, steht den Kultusgemeinden leicht zur Verfügung; das sachliche Material, die Arbeitskräfte, das Geld und der autoritative Einfluss, der bei statistischen Erhebungen, so weit sie nicht Steuergelder betreffen, wirkungsvoll und notwendig ist. Das Arbeitsgebiet der Kultusgemeinden auf diesem Felde ist bedeutend und die voraussichtlichen wissenschaftlichen und praktischen Erfolge sind nicht zu unterschätzen. Nicht nur die Schul- und Kultusverhältnisse werden klar werden, auch die Formel „es geht uns sehr schlecht" wird noch weiter in Ziffern und Daten aufgelöst werden können. Die elenden Wohnungs- und Arbeitsverhältnisse unter den Aermsten unseres Volkes, denen schon jetzt ein grösseres- Augenmerk zugewendet werden sollte, sollen den Kompetenten und Interessenten in einer Weise bekannt werden, die es ermöglicht, die vorhandenen Mittel am intensivsten und nutzbringendsten anzuwenden, ein Ziel, das übrigens aller Wohlfahrtsstatistik vorschwebt. Eine selbst oberflächliche Statistik der Postenlosigkeit würde z. B. den ursächlichen Zusammenhang zwischen der Inanspruchnahme der Wohltätigkeitsinstitute und der wirtschaftlichen Krise zeigen; es würde sich annähernd berechnen lassen, wie viel die Kultusgemeinden, private und öffentliche Wohltätigkeitskomitees jährlich ersparen könnten, wenn sie dem jüdischen Stellenvermittlungswesen, wo und wie es an sie herantritt, mehr Förderung und Interesse entgegenbrächten. Die moralischen und materiellen Vorteile würden ins Auge springen, die die systematische Unterstützung Postenloser, also die Konditionslosenversicherung der Handelsangestellten und Arbeiter, im Gefolge hätte. Wenn also die Forderung erhoben wird, mehr jüdischen Geist in die Gemeindestube dringen zu lassen, heisst das — dem privaten Geiste unserer wunderbaren mosaischen Gesetzgebung gemäss —: Kultus und die Wohltätigkeit dürfen nicht als Statutenparagraph behandelt, sie dürfen nicht aus dem Gesamtleben des Juden als einzelne Funktionen herausgerissen werden, weil es bei uns keine Grenzen gibt zwischen dem Leben der praktischen Wohlfahrt, der sozialen Gerechtigkeit und der religiösen Betätigung. Durch alle unsere Gesetze geht der grandiose Zug der modernsten Kulturerkenntnis, dass Staat und Gesellschaft sich vereinigen müssen — aus ethischen und egoistischen Motiven — die Bedingungen der Verarmung zu verringern, dem Elend vorzubeugen, Arbeits- und Gesundheits-, d. h. Existenzmöglichkeiten zu schaffen. Das erschlaffende Interesse an den Arbeiten der Gemeinde lässt sich aus der jüdischen Psyche leicht erklären. Der Jude will Anteil am Gesamtleben haben, er will Aufgaben zugewiesen erhalten, will produzieren, Gutes, Nützliches stiften helfen. Formen und Formengeist haben ihn nie befriedigt, nie zu halten vermocht, selbst wenn die Eitelkeit oder Bequemlichkeit eine Zeitlang solche intellektuelle Opfer zu bringen gewillt war. Wie das Alltagsringen und die kleinliche Not oft bedeutende Geister herabzerrte, so drücken die vielen und verantwortungsvollen administrativen und formalen Aufgaben der Kultusgemeinde auch den grossen, freien jüdischen Geist darin herab; kleinlich und engbrüstig erscheinen uns Männer, die das Judentum in Formeln pressen wollen, die sieh selbst von Formeln und Punkten nicht so weit erheben können, dass ihr Wirkungsfeld ein lebendiges, fruchtbares werde, dass ihre Tätigkeit Berührungspunkte und Interesse der Beteiligten finden lässt. Es handelt sich hier nicht um die Anführung aller jener sozialen Pflichten und Aufgaben, die den Kultusgemeinden zufallen. Nicht auf speziellen Forderungen, wie Vorschuss- und Kreditvereinen, KTankenpflegerinnenschulen, Volksküchen und Wärmestuben etc. wollen diese Zeilen hinweisen, klar und eindringlieh aber soll darin gesagt werden, dass die Juden nicht nur an einzelnen TTebelständen leiden, sondern mit einem ganzen Komplex von im Wirtschaftsleben, in der Gesell Schaftskonstellation und in den Kassen- und Sprachenverhältnissen begründeten Widerständen zu kämpfen haben, dass es keine jüdische soziale Frage gibt, die nicht auch mit den überlieferten Gesetzen innerlich zusammenhängt und dass die Juden schliesslich das Recht h^ben, die ernste Forderung zu erheben, dass eine Körperschaft, die eine Sammlung der besten geistigen und materiellen Kräfte der Judenheit darstellen soll, sieh nicht von grossen, jüdischen Wohlfahrtsaufgaben teilnahmslos abwendet, unter Vorwänden, die jüdischer Geist perhorreszieren sollte. Ein bekannter ausgezeichneter Religionsprofessor sagte einmal: ,,Mich kann ein mangelhafter und schlechter Lehrplan nicht davon abhalten, Gutes zu lehren. Wenn ich nichts als die Titel der Predigten Jellineks als Lehrplan hätte, ich wüsste damit das Judentum und den hohem jüdischen ©eist zu lehren."

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