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Die Welt · 1902-12-26 · 52 (26.12.1902) · p. 20

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
52 (26.12.1902)
Article
Herrn Stourdza's Dementirspritze
Date
1902-12-26
Page
20 (sequence 2)
Language
German
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— 20 — haupt alle anderen Blätter mit Ausnahme der Offiziösen, über ein unglaubliches Agitationsmittel wahrend der letzen Gemeinde- Avahlcn in Jassy berichtet. Ich wiederhole, dieses Agitationsmittel schien mir so außergewöhnlich, dass ich gezögert habe, es den Lesern der „Welt" bekanntzugeben, und auf ein Dementi wartete; aber das Dementi ist nicht gekommen. Also scheint der Vorfall wahr zu sein oder richtiger, er ist wahr und doch nicht dementier worden! Vieh leicht wird das erst jetzt der Fall werden, wenn das Ausland davon Kenntnis erhalten haben wird. Der Jassyer Korrespondent des „Universal" telegraphierte seiner Zeitung folgendes: ,,In der gestrigen Versammlung der Nationalliberalen, an welcher auch Ministerpräsident Stourdza teilnahm, spielte sich ein Ereignis ab, welches bei den Anwesenden und der Bevölkerung unserer Stadt die grösste Verblüffung hervorrief. Nachdem der Ministerpräsident seine Rede geredet hatte, erhob sich aus einer Loge (die Versammlung wurde in einem Theater abgehalten) Frau Servastos (die bekannte Urheberin der antisemitischen »Strassenkra walle im Jahre 1809) und richtete an die Versammlung eine glühende antisemitische Ansprache, die mit den Worten schloss: „Wählet nicht die Konservativen, die den Juden Bevorzugung versprochen haben!" (Anspielung an die bekannten Artikel Take Jonescus in „La Roumanie".) Nach Frau Servastos sprach auch Herr Tarabutza (ein gewerbsmässiger Antisemit und anderer Bandenführer aus dem Jahre 1899) und unterstützte aufs Eifrigste die Liste des Herrn Stourdza, » indem er die Konservativen als „Philosemiten" bezeichnete." ,,Evenimentalre, das Hauptorgan der Konservativen in Jassy, weis noch zu berichten, dass in den auf die genannte Versammlung folgenden Tagen in den Judenquartieren von Jassy eine wahre Panik geherrscht habe und — was als interessantes Detail nicht übersehen werden darf — dass Herr Stourdza während der Rede der Frau Servastos den Saal verlassen hatte. In diesem kleinen Zuge ist das Wesen der Politik des Herrn Stourdza charakterisiert, besser charakterisiert, als es spaltenlange Ausführungen zu tun vermöchten. Zum besseren Verständnis sei noch daran erinnert, dass die Zeitungen, die nach den Strassenkrawallen von 1899 von einer Teilnahme der Regierung an denselben gesprochen haben, mit Dementis bedacht worden sind — natürlich nur die ausländischen Zeitungen. P1 e b e. We1r.@bi-oi)lk. Internationaler Schülerbriefwechsel. Vor einigen Jahren hatte e^n französischer Schulmann den Gedanken, für den zum Studium fremder Sprachen notwendigen, siber nur in den wenigsten "Fällen durchführbaren Aufenthalt im fremden Lahde einen geeigneten Ersatz durch eine regelmässige, international organisierte Schülerkorrespondenz zu schaffen. Den Schülern sollte dadurch Gelegenheit gegeben werden, ans der trockenen Theorie des Lehrbuches heraus die Sprache praktisch zu verwenden, mit gleichstrebenden Schülern fremder Länder in einen Gedankenaustausch zu treten und auf diese Weise die fremde Sprache nicht nur angenehmer und auch nutzbringender zu erlernen, sondern auch Einblicke in das Leben und in die Anschauungen fremder Völker zu gewinnen. Es ist mit dieser Idee gewissermassen ein auf Gegenseitigkeit beruhendes internationales Erziehungsmittel ins Leben gerufen worden. Schüler aller Lancier treteii miteinander in geistigen Verkehr und bieten sich gegenseitig Gelegenheit, sich in ihrer Sprache auszubilden und sich näher kennen zu lernen. Für das Sprachstudium selbst wird Hier die Möglichkeit geboten, dass der an dieser Internationalen Korrespondenz beteiligte Schüler die wirkliche Sprache des Lebens, nicht die Buchsprache erlernt. Im Jahre 1897 regte Prof. S. Mielle in Paris, der seit 1892 mit dem Internationalen Schülerbriefwechsel verschiedene Versuche angestellt hatte, in einer pädasrosrisehen IRevue die internationale Organisation eines solchen Schülerbriefwechsels an. Es gelang ihm noch im selben Jahre, die Gründung einer englischen und deutsehen Zentralstelle zu veranlassen. In London nahm der bekannte Publizist Stead, der Herausgeber der ..Review of Reviews", die Leitung in die Hand und in Deutschland begründete der bekannte Neuphilologe Martin Hartmann in Leipzig die „Deutsche Zentralstelle für internationalen Briefwechsel". Die erste Liste französischer Korrespondenten, die Mielle im Jänner 1897 zusammenbrachte, führte 100 französische Knaben und 15 französische Mädchen auf, die in Korrespondenz zu treten geneigt waren. Die englische Zentrale vermochte nur 70 Mädchen und 30 Knaben aufzustellen. Am 26. April 1897 vermochte die deutsche Zentrale nur 132 Schüler, die ausschliesslich sächsischen Lehranstalten angehörten, anzugeben. Seit dieser Zeit hat 3er Internationale Schülerbriefwechsel riesige Fortschritte gemacht. Nach dem Jahresberichte der deutschen Zentralstelle waren bereits Ende Juni 1897 1347 Schüler aus allen Teilen Deutschlands angemeldet, und Ende 1900 betrug die Zahl der aus dem deutschen Sprachgebiete Angemeldeten 7426, darunter 563 Erwachsene. Im Jahre 1901 liefen bei der deutschen Zentralstelle nicht weniger als 2120 Anmeldungen ein, darunter 1276 für französisch, 844 für englich. Ende 1901 konnten von den in diesem Jahre erfolgten Anmeldungen 12 Prozent noch nicht erledigt werden, da vom Auslande nicht genügend Korrespondenten für die deutsche Sprache angemeldet waren. Aehnlich gestaltete sich der Aufschwung in England und Frankreich. Im lahre 1900 wurden durch die englische Zentralstelle 9009 Schülerkorrespondenzen vermittelt. Im französischen Bureau waren bis zum 15. Jänner 1901 allein für England, Amerika und Italien 14 000 Brief Verbindungen hergestellt worden. Mittlerweile wurden Korrespondenzzentralen in Kanada und in den Vereinigten Staaten gegründet. Auch Italien und Spanien haben mit der Organisation solcher Zentralen begonnen. Belgien, Oesterreich, die Schweiz und Australien sind bei der Korrespondenz beteiligt. Die Korrespondenz geht so von statten, dass die Schüler abwechselnd in der Muttersprache und in der Sprache ihres Parthers korrespondieren. Die in derfremden Sprache begangenen Fehler werden vom Partner in seiner Muttersprache berichtigt. Es wird Gewicht darauf gelegt, dass die Schüler von der Schule aus veranlasst werden, die Briefe nicht bloss zu lesen, sondern auch in sprachlicher Beziehung als Lehrstoff zu behandeln. Besonders musterhafte Briefe sollen auch in der Klasse Gegenstand einer gemeinsameren Behandlung bilden. Die Briefe werden mindestens monatlieh einmal gewechselt, und es wird dem Korrespondenten zur Pflicht gemach"t, auf die Mitteilungen der Partner stets einzugehen, damit auf beiden Seiten ein dauernder Faden gesponnen werde. Wir freuen uns, mitteilen zu können, dass nun die hebräische Sprache in den internationalen B r i e f w e e h s e 1 einbezogen wird. Es ist dies ein Beweis für das lebhafte Interesse, welches die nationale Bewegung für die nationale Sprache der Juden erweckt hat. Ein Wunder der Gravierkunst. Wie die „Odesskija Nowosti" melden, hat der Einwohner von Odessa Hersch Herschenmann, ein junger Graveur, auf ein Getreidekorn die russische Nationalhymne graviert und das Kunstwerk dem Kaiser Nikolaus II. nach Livadia übersendet. Dieser Tage langte von der Kanzlei des Zaren die Mitteilung herab, dass Nikolaus II. den jüdischen Graveur für seine kunstvolle Arbeit durch Verleihung einer goldenen Uhr mit dem Reichswappen nebst goldener Kette ausgezeichnet hat. Sechsundfünfzig Millionen nebst Frau. In Nr. 843 der .,Kö1d. Zeitung, macht Herr H e p p in Frei-Weinheim bei Ostrich- Winkel bekanntSuche für die Tochter eines Grossindustriellen. 28 Jahre alt. israelitisch, doch freidenkend, welche als Mitgift 56 Millionen erhält, passende Partie." Hierzu bemerkt der „Kladderadatsch" in seiner letzten Nummer: „Da wird unter dem Feldgeschrei „Hepp Hepp! „ein grosses Wettlaufen von bankerotten Freiherren, Grafen und Fürsten stattfinden. Ueber einen Fall grosser Ehrlichkeit eine» Judenknaben berichten die „Odesskija Nowosti44 folgendes: Dieser Tage erschien auf dem Polizeirevier ein Knabe in einem dünnen Sommerpaletot und zeigte zitternd vor Frost an, dass er in der Nähe des Trödlermarktes ein Tuch gefunden habe, in welches ein Sparkassenbüchlein auf 205 Rbl. und 100 Rbl. bar eingewickelt war. Die Aufschrift des Büchleins lautete auf den Namen Afanassjewa Nowikow. Ein Herr, der gerade zugegen war, war über die Ehrlichkeit des armen Knaben verwundert und äusserte dies. Da antwortete ihm der Knabe mit Stolz: „Mein Herr, ich bin armer, aber ehrlicher Eltern Kind. Fremdes Gut habe ich nicht nötig, denn es bringt doch keinen Nutzen." Der Knabe erwies sich als der jüdische Lehrling Leiser Barnboim. Auf die Bemerkung, dass er den dritten Teil als Finderlohn beanspruchen könne, lehnte es der Knabe ab, dies ins Protokoll eintragen zu lassen, sondern bat nur, der Eigentümerin zu sagen, dass, wenn sie ihm einen getragenen Winterpaletot kaufen wolle, er dies mit Dank annehmen werde. Gt. Schlussstelnlegunjj am Damm von Assuan. (Ein neues Weltwunder im Pharaonenlande.) Das alte Land der Weltwunder, Egypten, ist um ein Werk reicher geworden, das keiner der antiken Schriftsteller, die Egypten beschrieben, gezögert hätte, in der Beihe der Weltwunder zu nennen; der Bruder des Königs

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