Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 52 (26.12.1902)
- Article
- Petersburg [Kommentar]
- Date
- 1902-12-26
- Page
- 19 (sequence 2)
- Language
- German
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— 19 ordinärsten Ausfalle gegen die Juden angesichts der ganzen Klasse: ,Du sollst lieber ein Handljud werden! Du sollst faule Kirschen verkaufen! Jud!" - derlei Ausdrücke bekomnieudie jüdischen Zöglinge immer zu hören." Balta. Das Betrübendste an allen den Erscheinungen aus dem Leb^H der jüdischen Schüler in den russischen rßar^.- £, i ^'#t < * *^ßfi l'|^r|^^ 4^. * , </*T $ J<%? ^9S»<% / ■ \ * V^/i?^ *~ ' ' f}, / ( Aus Leo Kobers Zyklus „Verwandschaffcen" IL Der Sohn. Schulen ist, dass man sogar der Errichtung von speziell jüdischen Schulen grosse Schwierigkeiten in den Weg legt. .Die Inhaberin einer jüdischen Privatschule für Mädchen in Balta, Frau C half in, hat der kompetenten Behörde ein Gesuch um Erlaubnis zur Errichtung einer sogenannten .Samstags-Schule für arme Judenmädchen überreicht. Dieser Tage erhielt sie vom Kurator des Kiewer Lehrbezirkes den Bescheid, dass ihr Gesuch zurückgewiesen wurde. * Kasan. Dank den Bemühungen der Kasan ei Zionisten entstand in Kasan vor kurzem eine Schule für Juden, deren Zukunft materiell durch die Opfer der Zionisten und der zahlungsfähigen Eltern der Kinder gesichert ward. Auch ein Lehrer ward gefunden, der sich als tüchtiger Pädagoge erwies, wiewohl er ein Handwerk ausübte. Es gelang ihm, in kurzer Zeit grosse Erfolge mit seiner Unterrichts- Methode rvnnpS n^aj? zu erzielen. Aber alle diese schönen Hoffnungen wurden mit einemmale vernichtet: der Lehrer wurde ausgewiesen, weil er als Handwerker kein Lehramt bekleiden dürfe. Alle von den Kasan er Juden angewandten Mittel, um die Rückgängigmachung der Ausweisungsordre zu erwirken, schlugen fehl. Er musste Kasan verlassen, die Schule rausste geschlossen werden. * Kiew. Den Besitzern der Waldungen im Gouvernement Kiew, den Juden Ettlanger und Tultschinsky, wurde vom Gouverneur von Kiew verboten, jüdische Angestellte in den von ihnen exploitierten Waldungen halten zu dürfen. Als Motiv dieses Verbotes wurde angegeben, dass keine Schwierigkeit bestehe, „christliche Beamte anzustellen. Der Senat hob zwar dieses;: Verbot auf, die Polizei beharrt jedoch auf dem Standpunkte des Gouverneurs von Kiew. •* . Woronesch. Nach vielen Gesuchen und Fürbitten wurde der Judengemeinde von Woronesch endlich gestattet, eine jüdische Synagoge erbauen zu dürfen. Und dank der Opferwilligkeit der Gemeinde wurde die Synagoge auch bereits erbaut und eingeweiht. Gleichzeitig mit der Synagoge wurde auch eine Bibliothek und ein sogenannter Mustercheder eröffuet, in welchem die Erziehung der Kinder bewährten Männern anvertraut wurde. Alle diese Erfolge aber verdankt die Judengemeinde von Woronesch ausschliesslich den dortigen Zionisten, welche im Vereine mit dem Rabbiner Eisenstaat den ganzen Lauf des Gemeindelebens wohltätig und wohltuend beeinflussen. Der Zionismus, sagt der „Woroneschskij Listok", erobert sich die Sympathien aller Schichten der jüdischen Bevölkerung immer mehr und mehr. Gt. Deutschland. An der Arbeit In einer Diskussion am letzten Kongresse schilderte Dr. Klee die Schwierigkeiten, mit denen die zionistische Agitation im Deutschen Reiche zu kämpfen hat. Die deutschländischen Assimilanten haben ein besonders dickes Fell und daraus lässt sich der Nationaljude nur schwer herausschälen. Daran arbeiten jetzt unsere deutschen Freunde mit Macht. Siehe die zionsfeindlichen Blätter. In das gesamte Judenleben Deutschlands greift der Zionismus so intensiv ein, dass die meisten Korrespondenzen dieser Blätter nolens volens über eine gute — meist eine gute — oder eine angeblich schlechte Tat der Zionisten berichten müssen. Dieser indirekte und der direkte Erfolg sehr zahlreicher zionistischer Vereinsgründungen ist nur der hochgespannten, systematisch ausgezeichnet geleiteten Propagandaarbeit zu verdanken, in der unsere zahlreichen reichsdeutschen Freunde an Selbstaufopferung und ernstem Streben wetteifern. Die wachsenden Aufgaben haben zur Gründung neuer Distrikts-Komitees geführt, die mit Eifer darangehen, unserer Bewegung jede grössere Stadt ihres Gebietes zu erobern. Allseits im Judentum sprosst das Leben. Schon konnten wir melden, dass einzelne orthodoxe Rabbiner sich uns angeschlossen haben, moderne folgen nach und auf dem Boden des Zionismus wird neu ein Bruderbund von Juden jeder Richtung geschlossen. Rumänien. Herrn Stourdza's Dementirspritze. Man kennt die Verteidigungsmethode des königl. rumän. Ministerpräsidenten Dimiter Stourdza. Wenn irgend etwas ihm Unliebsames aus den Dunkelheiten des „Belgien im Osten" (wie die rumäniscEen Patrioten ihr Vaterland mit Vorliebe emphatisch nennen) in der europäischen Presse zur Besprechung kommt, kann man ruhig und sicner — so sicher wie ein astronomisch berechnetes Gestirn zur bestimmten Zeit am Horizont erscheint — ein Stourdza'sches Dementi voraussehen. Alles, was nicht die Fortschritte der rumänischen Armee, Schule und Kultur konstatiert, wird dementiert. Im Zusammenhang damit ist es sicherlich interessant, dass alle Depeschen, die vom Auslande nach Rumänien kommen und nicht Weihrauch für das rumänische Ministerium, die Krone oder einflussreiche Bojaren enthalten, auf Grund gewisser Gesetzesparagraphen konfisziert werden — und wie dehnbar sind rumänische Gesetzesparagraphen! Aber während Herr Stourdza mit den ausländischen Zeitungen so streng verfährt, ist er gegenüber den inländischen von einer merkwürdigen Milde. Es ist überraschend, wie wenig Herr Stourdza in den rumänischen Zeitungen zu dementieren findet, wenn man auch der erklärlichen Geringschätzung eines so tiefen Kenners der rumänischen Oeffentlichkeit, wie es der greise Ministerpräsident ist, einen noch so grossen Teil daran zuschreiben mag. Man fühlt sich geneigt, den Ursachen dieser Nichtdementierung gewisser Nachrichten nachzuforschen. So haben in der letzten Zeit die rumänischen Zeitungen, darunter das populäre antisemitische Bukarester Blatt „Unirersal", das konservative Blatt „Eveaimentul" und über-