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Die Welt · 1902-12-26 · 52 (26.12.1902) · p. 18

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
52 (26.12.1902)
Article
Ein neuer jüdischer Karikaturist
Date
1902-12-26
Page
18 (sequence 2)
Language
German
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- 1* .— Kobers Zyklus .Verwandtschaften" enthält zum Beispiel folgendes Gruppenbild: Wir sehen drei Männer vor uns: : einen alten, graubärtigen Juden in Begleitung eines Kadetten und eines Seminaristen» Beim ersten Anblick des Bildes schon springt die Stammes- und Verwandtschaftsähnlichkeit der drei .Herren' ins Auge. Kober nennt dieses Bild „Der Vater". Man erschrickt förmlich, mit welcher Schärfe und zugleich mit welchem Spott der Künstler die Leute an der Nase packt, welchen, um mit Heinrich Heine zu sprechen, „eine unheimliche Erinnerung gruselnd über den Rücken "|£läuft .. Oder ein anderes Bild, das noch unheimlicher wirkt. In der Allee eines^im französischen Stile angelegten Gartens „lustwandelt* ein „Brautpaar" unter dem Schutze der zukünftigen „Schwiegereltern". Er (der Bräutigam nämlich) ist 'Offizier, sie — eine Jüdin, die in physischer Hinsicht nichts weniger als reich begabt zu nennen ist. In materieller Beziehung muss sie es natürlich sein, sonst würde "es derjOffizier sicherlich vorziehen, in der Kneipe zu sitzen als sich von der in einem auffallend rotgeblümten Gartenkleide einherstolzierenden „Schwiegermama" mit der Lorgnette begucken zu lassen. Man ist empört über diese Karikatur, deren Lebenswahrheit leider nur eine allzurichtige ist. Man ist innerlich empört. In demselben Momente aber, da der Nationaljude die Stimmung des Bildes erfasst, beschleicht ihn eine Art? von Genugtuung: Er empfindet voll und ganz die abstossende Karikatur des das Judentum verleugnenden Askimilanten ... Wir haben hier nur zwei markante Bilder aus dem Kober'schen Zyklus „Verwandtschaften" hervorgehoben. In seiner Gänze bedeutet dieser Zyklus, ebenso wie des Künstlers kolorierte Bleistiftzeichnung „Börse0 eine köstliche Bereicherung der karikaturistischen Kunst, deren hervorragendste Vertreter heute überall Juden oder Judenstämmlinge sind. So ist zum Beispiel der bekannte „Simplicissimus"- Zeichner Th. Th. Heine aus jüdischer Familie, auch Caran d'Ache (Karandasch heisst im Russischen „Bleistift") und Ed. Harburger und Markus Behmer sind Juden. Wir sind heute in der Lage, zwei Karikaturen Leo Kobers in Reproduktionen unseren Lesern darzubieten, und zwar das oben erwähnte Bild »Der Vater" Jund dessen zweiten Teil, „Der missratene Sohn" des inzwischen [zum General aufgestiegenen Judensohnes aus dem ersten Bild. D. Familie, sondern überhaupt jeden Bürger des russischen 140 Millionen-Ozeans verstehen, der wirklich von den Interessen des russischen Volkes und von der Liebe zu Russland durchdrungen ist und sich nicht feindlich und böswillig zu ihnen verhält. Von diesem leitenden Gesichtspuofcte ausgehend? wird die j,SnamjaÄ stets gegen die dem Korrespondenzen und Telegramme. Russland. Petersburg. Als ob die bestehenden judenfeiudlichen Pressorgane in Russland nicht genug wären, beginnt in Petersburg gegen Ende dieses Monates ein neues Blatt zu erscheinen, das ausschliesslich der Judenhetze gewidmet sein ^wird. Dieses^neue Antisemitenblatt, das den Titel „Sn anajjV (Die Fahne) führt, hat zu seinem Leiter einen Herrn Krus ch e w an, den ehemaligen 'Herausgeber des in Kischinew erscheinenden Blattes „Bessarabetz", bekannt durch seine skrupellosen Ausfälle gegen die Juden und das Judentum. In seinem Programm, das dem panslavistischen „Swjet* als^Prospekt beigelegt ward, erklärt Herr Kruschewan über^die Ziele der „Snamja" folgendes: „Da die „Snamja" den Interessen des russischen Volkes dient, wird sie stets das Prinzip „Russland für die Russen" verteidigen und unter den Russen nicht nur jedes Glied der slaviechen Aus Leo Kobers Zyklus „ Verwandtschaftenil. 1. Der Vater. russischen Volke feindlichen Elemente und jenen widernatürlichen Auswuchs seines Lebens kämpfen, als welcher das Judentum erscheint, das seinen Interessen fremd bleibt, die Einigung des nationalen Organismus paralysiert und Zersetzung in ihn hineinträgt. Unentwegt und ohne Furcht wird die „Snamja" die ganze Wahrheit über die Juden sagen." — Die russischen Assimilanten können sich also auf eine schöne Weihnachts-Bescherung von Seiten jener gefasst machen, mit denen sie sich so gerne verbrüdern möchten, » Petersburg. Die ,Peters b ur gski j a Wj edomosti", das Organ des Fürsten Uchtomskij, publiziert einen Artikel unter dem Titel „Die Sünden der Pädagogen*, in welchem äusserst traurige Dinge über die Behandlung der Juden in den russischen Schulen erzählt wird. In dem Artikel heisst es unter anderem wörtlich:?Wir wollen von den Fällen nicht sprechen, in welchen der jüdische Schüler von den Lehrern anders behandelt wird als jener anderer Konfessionen. Solche Fälle bilden eine gewöhnliche Erscheinung in den russischen Schulen. Der jüdische Schüler wird immer ungerecht behandelt. Aber das muss angenagelt werden, wenn Lehrer sich erlauben, jüdische Schülerin Gegenwart der ganzen Klasse zu verhöhnen und in rohester Weise zu entwürdigen. Die frechen Schüler anderer Konfessionen dienen den Lehrern niemals zur Zielscheibe ihrer Sarkasmen; die ruhigen, stillen, niedergeschlagenen Juden aber werden immer als Opfer auserkoren. In einer Realschule erlaubt sich der Lehrer der Mathematik die

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