Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-12-26 · 52 (26.12.1902) · p. 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
52 (26.12.1902)
Article
Geometrische Soziologie
Date
1902-12-26
Page
16 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3316012-3327276--36472-3327389
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

16 — der nationalen Strömung angeschlossen. Ich kann es aber mit ruhigem Gewissen behaupten: es gibt hier auch nicht zwei nationale Juden. Alle gehören jener jüdisch-böhmischdeutsch-fortschrittlichen Partei an, die sich charaktervoll von hüben und drüben ins Gesicht spucken lässt und dabei fest und treu die „Wacht am Rhein" singt, alle sind begeisterte Anhänger der Assimilations-Idee, allen voran natürlich die vom schwarz-rot-goldnen Band-Wurm befallene jüdische Studentenschaft, die nichtinkorporierte, wie die inkorporierte, die sieh um jeden Preis — selbst um den hohen Preis eines Paradechristen — als urgermanisch geriert. Des Sängers Höflichkeit hat den Namen der Städte- Perle verschwiegen, auf die dieser Steckbrief passt. Führt dich aber der Zufall, o Wanderer, doch einmal in ihren Bannkreis, du wirst dich unschwer von der getreuen Wahrheit meiner Schilderung überzeugen. Und wenn du den Fuss auch nach zehn Jahren hinsetzen mögest, du wirst dasselbe geometrisch-soziologische Bild finden. „Jud oben — Christ unten — die Getauften in der Mitten." Nur dass sich in zehn Jahren der „mittlere Bummel" wahrscheinlich schon respektabler präsentieren dürfte. R. Wolf-Wolfenau. Das goldene Ophir Salomos- Wie ein geheimnisvolles Rätsel ragt aus der Geschichte die Ophir-Frage in die Gegenwart hinüber. Jahrtausende haben darüber gebrütet, wo das Salomonische Ophir zu suchen sei; und zu allen Zeiten ist man sich»bewusst gewesen, dass die Lösung der Frage ein helles Licht auf die politischen und merkantilen Wechselbeziehungen der Völker am Mittelmeere und am Indischen Ozean werfen würde. Tatsächlich ist ja die Ophir-Frage heute mehr als je von einem unmittelbaren praktischen Interesse. Bei dem eifrigen Bestreben unserer Zeit, überall dem gelben Metall auf der Erde nachzuspüren, muss es sicherlich von grossem Werte sein, zu wissen, wo die Goldquellen der Vorzeit flössen. Denn bei den verschiedenartigen Ausbeutungen der Minen in vergangenen Jahrhunderten und heute darf man erwarten, dass allerorten, wo frühere Geschlechter geschürft haben, auch jetzt noch reiche Schätze zu finden wären. Im Buche der Könige IX. V. 27—28 heisst es: Und Hiram sendete eoine Schiffer mit Knechten, die gute Schiffsleute und auf -dem Meere erfahren waren, mit den Knechten Salomos und kamen gen -pg^ und holten daselbst vierhundertundzwanzig Kikkar Gold und brachten es dem König Salomo. Wo lag Ophir? * Es» gibt kein Land fast auf der Erde, wo Ophir nicht gesucht . worden wäre. Armenien und Phrygien, Spanien und Arabien, Indien und Ceylon und Sur ntra — alle diese Länder wurden mit Ophir identifiziert. Christoph Columbus war der Ueberzeugung, das Salomonische Ophir in West-Indien aufgefunden zu haben. Aus diesem Chaos der Mutmassuugen und Fabeleien haben sich im Verlaufe der Jahrhunderte vier Erklärungsversuche als nicht blosse Hirngespinste, sondern auf gewisser Berechtigung begründete Hypothesen herauskristallisiert. Der erste beachtenswerte fasat das Wort als eine Kollektivbezeichnung für die Ferne, südliche Länder überhaupt, etwa wie das Thüle der Germanen. Andere Erklärer suchten Ophir im südliehen Arabien, und dafür sprechen eine Anzahl guter Gründe. Der persische Golf war der Schauplatz alter semitischer Handelstätigkeit; in Südarabien war die Residenz der Königin von Saba, deren enge Beziehange.i mit Salomo bekannt sind. Die Einwendung, dass die Dauer der Ophirfahrt drei Jahre betrug, -vvas gegen die Annahme des verMlfaiismassig nahen Arabien sprechen würde, würde damit beseitigt werden, dass nirgends gesagt sei, dass die Schiffe drei Jahre nur für die Fahrt verwendeten. Aber wTie kann man Arabien als Goldland verstehen, was doch das biblische Ophir in erster Reihe ist, nachdem Arabien £ein Gold besitzt? Denn die Massen Gold, um welche es sich in der biblischen Ueberlieferung handelt, welche Soetbeer*) auf 46 Millionen, ein moderner englischer Schriftsteller (E. P. Matthers) gar auf 900 Millionen englische Pfund oder rund 20 Milliarden Kronen berechnet, schliesst die Deutung ausa dass ein arabischer Zwischenhandel mit Gold gemeint gewesen sei. Womit hätte Salomo solche Mengen bezahlen sollen? Etwa mit den landwirtschaftlichen Produkten seines Reiches? Hier können nur bergmännische Unternehmungen in grossem Stile oder Tauschhandel mit sehr primitiven Eingeborenen gemeint gewesen sein. Wäre übrigens Ophir in Arabien gelegen gewesen, so hätten Salomo und Hiram denselben Weg, den die Königin von Saba auf ihrem Zuge nach Jerusalem genommen hat, die noch heute begangenen Karawanenstrassen wählen können, statt kostspielige Flotten auszurüsten, die drei Jahre ausgeblieben sind. Uehrigens war dazumal die Landenge von Suez noch nicht durchstochen. Wie kamen die Schiffe aus dem Roten Meere nach Tyrus?_, Eine dritte Hypothese, welche bis in die Gegenwart die meist bevorzugte in der allgemeinen Anschauung war, identifizierte Ophir mit Ostindien. Diese Ansicht verfechten die Septuaginta und die alexandrinische Wissenschaft, ferner unter anderen Josephus Flavius, A. W. v. Schlegel, insbesonders aber der grosse Sanskritforscher Christian Lassen und der nicht minder grosse Geograph Karl Ritter. Aber, wendet dagegen Dr. Carl Peters, der bekannte deutsche Afrikareisende, ein, der die Ophir frage schon früher in einer sehr lesenswerten Broschüre **) und nun in einem dickleibigen Bande***) behandelt, ein. wenn nach einer einzigen Expedition von dreijähriger Dauer 420 Kikkar Gold nach Jerusalem gebracht werden konnten, müssten heute noch unanfechtbare archäologische Funde nachzuweisen sein. Man bedenke, dass dieser Betrag einen Wert von über 1 750 000 Pfund Sterl. oder 34 Millionen Mark darstellt, und in der Chronik (XXIX. 4) lesen wir, dass König David gar 3Ö"00 Kikkar Gold aus Ophir zusammengebracht hatte, was einem Werte von 244,5 Millionen Mark entspricht. Solche Mengen Goldes könnten nicht ohne ausgedehnte Minenwerke gewonnen sein, und von diesen müssen sich irgendwo ganz klare Spuren finden, wenn nicht die ganze Ophir-Ueberlieferung als Fabel verworfen werden soll. Aber ebensowenig wie Arabien hat Indien nachweislich grosse Goldschätze im Minenbetriebe hervorgebracht. Als die Portugiesen die Zambesi-Gegend erobert hatten, waren sie überzeugt, in Sofala das Salomonische Ophir gefunden zu haben. Aber diese Ansicht fand sehr wenig Anklang und Glauben. Der Geograph Ritter äusserte sieh über diese Ophir-Theorie: „Ohne allen Hintergrund ist die Annahme für die bis Sofala reichende Sabäische Herrschaft, und die Ansicht, dass die Malierwerke, welche die Portugiesen nach Dos Santos bei ihrem Vordringen, 210 Meilen im Goldlande Sofalas, in der Nähe der Goldgruben von Tetes gefunden haben, „der einheimischen Sage nach der Königin von Saba ihren Ursprung verdanken." Sie sollen mit Inskriptionen in unbekannten Schriftzügen bedeckt sein und den Namen Fura tragen, woraus Afura und das Salomonische Ophir gemacht wird. Solehe Goldgruben und Mauerwerke würden viel natürlicher dem soviel späteren goldsuchenden Äraberverkehre zuzuschreiben sein, bevor nicht Zeugnisse anderer Art für ein so hohes Salomonisches Alter gefunden werden." Nun, diese Zeugnisse anderer Art sind in der'jüngsten Zeit gefunden worden. Durch die Wiederentdeckung der Ruinen Sim- *) In „Das Goldland Ophir" berechnet Soetbeer das Kikkar mit 42,6 kg, wofür er den Wert von 113 000 Mark ersetzt. **) Das Goldland Ophir Salomos. Eine Studie zur Geschichte der priönizischen Weltpolitik. Von Dr. Karl Peters. München und Leipzig 1895. R. Oldenbourg. ***) im Goldlande des Altertums. Forschungen zwischen Zcambesi und Sabi. Von Dr. Karl Peters. Müehen 1902. J. F. Lehmanns Verlag.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.