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Die Welt · 1902-12-26 · 52 (26.12.1902) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
52 (26.12.1902)
Article
Das Morris Rosenfeld-Buch
Date
1902-12-26
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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— IS — das Pprträt von Liliens Vater, der bekanntlich ein Drechsler ist. Auch er Weibi^ wie Morris Rosenfeld, „der Sklave, der seufzt, und der Sklave, der stöhnt". Wae B. M. Lilien den markigen, intelligenten Gesichtsausdruck des jüdischen Arbeiters zeichnerisch wiederzugeben weiss, wie er gleichsam dem Manne die Seele ins Gesicht drückt, scheint wunderbar. Und wie er dann zu jedem einzelnen Gedichte eanen originellen künstlerischen Randschmuck findet, indem er den aus dem Poem hervorquellenden Grundton förmlich mit seinem Stifte packt und in ungemein zarte und weiche Linien umsetzt, das zeugt von der immer mächtiger werdenden Gestaltungskraft seiner Kunst, die uns schon lange so lieb und wert geworden ist. Dazu kommt noch, dass Lilien oft den Dichter ergänzt, indem er dessen Gedanken im Bilde zuspitzt, als wollte er die Pointe erwirken. Da singt z. B. Rosenfeld von einem blassen Gesellen, der an der Nähmaschine sitzt und Kleider näht, die schwer von Tränen sind. Und der blasse Geselle frägt: Wer kündet grause Zukunft mir? Wie lange der bleiche Mann Noch jagen mag das furchtbare Rad? Wer weiss das Ende, sagt an? Ich weiss es nicht. Doch weiss ich wohl: Wenn den — ob früh, ob spät — Die Arbeit erschlägt — sitzt ein andrer da Und näht und näht und näht .... Zu dieser tiefen Weise, die zu den herrlichsten sozialen Volksliedern zählt, zeichnet Lilien das folgende Bild: Wir sehen den bleichen jüdischen Arbeitsmann, dessen Züge von Leid und Reue durchfurcht sind, an der Nähmaschine sitzen, während hinter ihm der „Arbeitgeber" steht, ein wohlbeleibter Herr, mit Goldketten und Ringen „geziert", zwischen den wulstigen Lippen eön Saugrohr haltend, dessen Ende mit einem spitzen Haken versehen ist. Der bohrt sieh aber in den Nacken des blassen Gesellen .... Der zweite Zyklus: „Lieder des Volkes" birgt eine unendliche Fülle lyrischer Schönheit in sich. Es fällt einem wirklich schwer, dem einen oder anderen dieser Gedichte einen besonderen Vorzug einzuräumen. Geradezu grandios ist die Dichtung „Sturm". Lilien bringt ein erschütternd schönes Bild dazu. Den letzten Teil des Rosenfeld-Buehes bilden die gedankenreichen Lieder des Lebens. Hier ist zu dem Gedichte „Die Friedhofs-Nachtigall" ein Bild beigegeben, das allerdings ergreifend wirkt, das aber glücklicherweise nichts anderes bedeutet, als eine vollendete, übermütiger Künstlerlaune entstammende Federzeichnung: Auf einem einsamen Friedhofe ragen drei Grabsteine hervor, dicht an einandergeschmiegt, von Trauerweiden überschattet. Der mittlere Stein trägt die hebräische Inschrift: „Morris Rosenfeld: Zion war die fiarfe seiner Lieder." Ihm zur Rechten liest man: „E. M. Lilien: Sagt, dass er eine Blume war, die in Zion blühte." Und auf dem dritten Steine heisst es: „Berthold Feiwel : Er war ein Gipfel, der die Sonne Zions zuerst grüs»te.w Geometrische Soziologie. Eine deutschböhmische Idylle. Ich weile momentan — oder sagen wir gleich: ich langweile mich momentan in"einer^kleinen Provinzstadt Deutschböhmens. Wenn ich mich nicht mit der Aufgabe befasse, auf demJKlavier das Lied vom „süssen Mädel" zu trommeln und dabei den Radetzky-Marsch zu pfeifen — ein mehr"schwieriges"als geistreiches Experiment — schaue ich zum Fenster hinaus, und bei'dieser Gelegenheit entdeckte ich kürzlich auf rein deduktivem Wegefeine neue Wissenschaft —fnennen wir sie „geometrische Soziologie*. Durch die Fenster meines Zimmers blickt man nämlich auf denJMarktplatz;der Stadt, auf dem sich allabendlich zwischen sechs undfsieben Uhr ein bewegtes Treiben abspielt. Das ist die Korsostunde. Hier hat man aber allgemein den Studentenjargon akzeptiert und nennt es „Bummel". Backfische flirten da mit Kadetten, die über die Ferien auf Urlaufc weilen, Gymnasiasten mit Schulmädeln, jüngere Roues des Grewerbestandes mit Kindermädchen. Dazwischen promenieren gemessenen Schrittes ehrbare Männer und FraußBi des Bürgerstandes — kurz alles, was zur Bummelzeit aliommen kann. Besagter Marktplatz ist in einem ziemlich regelmässigen Rechteck angelegt, das von Norden nach Süden abfällt. Der Bumwi-el wogt nur auf den nördlichen und südlichen ParallielseiUn auf und ab: man spricht daher von einem „obeT«mtt und einem „unteren Bummel*. Wenige Leute promenieren noch in der mittleren Parallele zwischen dem oberem und dem unteren Bummel, sodass man füglich von einemu „mittleren Bummel" sprechen könnte, welcher Ausdruck sich jedoch noch nicht eingebürgert hat, weil es eben vorläufig noch sehr wenige Leute sind, die diesen mittleren Bummel frequentieren. — Diese genauen topographischen Details musste ich vorausschicken. Sie sind für meine Wissenschaft von grosser Wichtigkeit. Dem unbefangenen Beobachter wird kein besonderer Unterschied auffallen zwischen dem Publikum des oberen und lern des unteren Bummels und jenem Ansatz zu einem Bummel, den ich soeben den „mittleren" getauft. („Getauft" hat hi er eine ominöse Bedeutung, wie man gleich sehen wird.) Aber der Eingeweihte, der Theoretiker der geometrischen. Soziologie unserer Stadt hat diesen Unterschied längst erkaiimt. Er weiss, dass die nördliche Seite des Platzes einen rein östlichen Charakter trägt und die südliche das Gegenteil, fer weiss, dass auf dem „oberen Bummel8 kein Arier zu finden ist und auf dem „unteren* kein Semit, er weiss, dass der eine der Bummel der Juden, der andere der Chris tenbummei ist. — Die Scheu der Christen vor ihren andersgläubigen Mitbürgern muss eine sehr grosse sein, wem ßie diesen so ganz den oberen Bummel mit seinem breiten, bequemen Trottoir überliessen und mit dem schmalen Gehsfceig auf der Südseite vorlieb nahmen, so dass sie zum grösseren Teile wegen ihres numerischen Uebergewichtes das Katzenkopfpflaster des Marktplatzes flachtreten müssen (weskalb jedoch die hiesigen Schuhmacher noch lange keine Philo;semiten sind.) Ein niedliches Bild. Aber die Pointe kommt erst. Man «eTkundige sich, wer die wenigen Personen sind, die den mittleren Bummel bilden. Ich habe es bereits angedeutet; es sind die getauften Juden des Ortes. Ein Advokat mit Frau, Hund und Sohn, ein Notar mit Frau, Hund und Tochter. Advokat und Notar gehen zusammen und debattieren über«lie gerichtliche Adjustierung der Expensennoten. Dann kommen die beiden Frauen in eifrigem Gejammerfcüber die Dienskboteamisere. Zuletzt — in einiger Entfernung — Sohn und Tochter in seligem Geflüster. Als Garde schleppen sie die bisiden Hunde — beinahe hätte ich sie vergessen! — mit sich an der Leine. Diese beiden Familien sieht man nur miteinander verkehren. Sollte man da nicht an ein anderes „neues Ghetto" denken, an ein »Ghetto der GewässertenB? Aber mag dem wie immer sein — eines ist sicher; was christlich-soziale Parteigrössen in ihren kühnsten Träumen nicht erhofft, auf unserem Marktplatz ward es Ereignis. „Reinliche Scheidung* ist das Losungswort. „Jud oben — Christ unten — die Gewässerten in der Mitten", lautet die Parole. So will's die Geometrie, so will's die Soziologie unserer Stadt — geometrische Soziologie! Gibt «s einen klassischeren Beweis für den allgemeinen Assimilations-Bankerott — oder sollte man nicht „fahrlässige Assimilationskrida" sagen? — als diesen schlichten geometrischen Konstruktions-Beweis? Und nun wird mancher logisch Denkende der Anschauung sein, dass sich die Juden, die hier wohnen, längst

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