Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 52 (26.12.1902)
- Article
- Amerikanischer Schekeltag
- Date
- 1902-12-26
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 14 - Mr. J. Goodman, Miss Lewensohn und Mr. E. P. Schinsky vom frühen Morgen bis in die Nacht anwesend waren and die Tätigkeit der in der Judenstadt verteilten 13 Filialstationen leiteten und überwachten. Die Mitglieder der „Bnei Zion", der „Ohave Zion", der „Bnei Zion Kadimah", „Tiffreth Zion" und „Atereth Zion8 nahmen korporativ mit Eifer und Energie an dem nationalen Werben teil, während die Mitglieder der Frauenvereine: „Die Schwestern Atereth Zion", „Töchter von Zion", „Circle Hadassah" und „Amerikanische Zionstöchter" bei der Versammlung der „Educational Alliance" tätig waren. Es ist kein Zweifel, die Idee des Jörn Haschekel hat das jüdische Volk gepackt. Alte und junge Leute strömten herbei, um ihren Tribut zu leisten. Von den entferntesten Ecken und Enden der weit ausgedehnten Stadt kamen die freiwilligen Steuern und den ganzen Tag über herrschte eine wahrhaft brüderliche Stimmung, indem sich jeder Einzelne bewusst war der grossen Bedeutung des Momentes, der grossen nationalen Begeisterung. Von Dr. Herzl und der 9Kanadischen Federation" kamen telegraphische Grüsse, welche natürlich nur dazu beitrugen, die Freude zu erhöhen. Der Versammlung der „EducationalAlliance" präsidierte der Präsident der Feieration, Professor Richard Gottheil, welcher zum erstenmale seit seiner schweren Krankheit wieder in der zionistischen Oeffentlichkeit erschien und mit einer stürmischen Beifallssalve begrüsst wurde; der Frau Professor G o t;t h e i 1 wurde ein Prachtbouquet in blauweissen Farben überreicht. Die Musikkapelle der „Hebrew Sheltering Guardian Society (Verein zur Aufsicht über das jüdische Asyl) hatte sich der Federation freundlichst zur Verfügung gestellt, leitete das Fest ein und spielte in den Pausen. Reden wurden gehalten von Rev. H. Masliansky, Mr. J. de H a as und Rev. Dr. Stephen S. Wise, der von seinem fernen Amtssitze an der Pacificküste in Portland, Oregon, nach New-York gekommen war und mit seiner glühenden Beredsamkeit den vielleicht grössten Erfolg errang, den je ein Redner auf einer jüdischen Plattform in New-York zu verzeichnen hatte. Der grosse Volkspoet Morris Rosenfeld steuerte zum Programm mehrere seiner stimmungsvollen Gedichte bei und Naftaii Herz Im beiden Nationalgesang „Hatikvah*. Es wären noch viele Details vom Schekeltag zu erwähnen und viele Verdienste anzuerkennen. In Brooklyn bei New-York feierten die „Dorschei Ziontf und die „Zionstöchter" den Schekeltag durch Eröffnung eines neuen Vereinslokales, in welchem bereits die grosse Schekelsammlung durchgeführt wurde. In Brownsville, in welcher Stadt erst acht Tage zuvor ein zionistischer Verein begründet wurde, wurden über 100 Schekel gesammelt Wahrhaft überraschende Resultate werden gemeldet aus Jersey City; Worcester, Mass und aus Buffalo, New-York; aus Scranton, Pa.; Rochester, New- York; Wilkesbarre (trotz des gegenwärtig in dieser Stadt herrschenden allgemeinen Strikes), Stamford, Conn.; Chattanxjoga, Tenn; Albany, New-York; Ansonina, Conn.; Fall River, Mass; Newport, News, Va.; Watertown, New-York; Providence, R. J.; Troy, New-York; Washington, D. C; Elmira, New-York; Haverhill, Mass und vielen anderen Städten, allen voran natürlich die grossen Judenzentren Philadelphia, Pittsburg, Chicago, Cleveland etc. Die Stadt Baltimore hatte schon früher den 23. November als Schekeltag festgesetzt. Es ist rührend, dass aus den entlegensten Staaten und Städten mit ganz geringer Anzahl jüdischer Einwohner bei der Zentrale einzelne Schekel einlangten: Die versprengtesten Splitter des jüdischen Stammes hielten darauf, an diesem Tage nicht zu fehlen. Ehre sei Ihnen. Der 9. November 1902 war ein Ehrentag der amerikanischen Judenschaft und wird es höfentlich feliwben; , .... ..- - .. . r . Eine Kundmachung der amerikanischen Federattbix setzt den vierten Tag Chanuka als „Zionstag« fest, an welchem Tage die Vereine Kinderversammlungen abhalten mögen, um den Kindern das Wesen des Zionismus darzulegen und sie dafür zu erwärmen. (Wir reproduzieren zwei von den vielen Aufnahmen, die am Schekeltage gemacht wurden, die verdientesten Mitglieder des Komitees darstellend. In der Herrengruppe ist in der untersten Reihe, der zweite von links, der rührige Federations-Sekretär Mr. de Haas, während der in der Mitte sitzende glattrasierte ältere Herr Naftaii Herz Imber ist, der Dichter des „Hatikwah*. Anm. der Red.) Das Morris Rosenfeld-Buch. Von Adolph Donath. Man sieht diesem Werke mit grösster Spannung entgegen. Im Laufe dieser Tage schon soll es erscheinen, und wir glauben, es wird ein kiinstierisches Ereignis sein, vielleicht ein sehr grosses. Seine Tragweite lässt sich heute kaum ermessen. Aber eins ist gewiss: die Leute werden darüber herfallen, um sich selbst in den Poesien Morris Rosenfelds wiederzufinden. Und das ist gut. Die Mensehen mögen nur fühlen, Wie ein gottbegnadeter Dichter, der sich im Arbeitsrocke an der Maschine um einen Bissen Brot quälen und schinden muss, Menschen darstellt und trotz Kummer und Not an eigener geistiger Schönheit genug der Hoffnung und Sonne geniesst. Von den Lebensverhältnissen Rosenfelds und seinen gewaltigen dichterischen Qualitäten ist an dieser Stelle öfters gesprochen worden. Es gilt also nicht, einen neuen Mann zu „entdecken". Pest halten müssen wir ihn: das ist unsere Pflicht. Denn Morris Rosenfeld ist nicht nur der grösste Dichter des Judentums von heute, sondern auch einer der grössten Dichter der Weltliteratur überhaupt. Wir dürfen dies getrost behaupten. Als Beweis hierfür dienen seine „Lieder des Ghett o".*) Berthold Feiwel hat sie aus dem'Jargon ins Deutsche übertragen. Ganz abgesehen von dem ungeheuren Fleisse, den er dabei aufwandte und der unser vollstes Lob verdient, ist es erfreulich, dass ihm die gewiss sehr schwierige Uebersetzung der Rosenfeld'schen Poesien meisterhaft geglückt ist. Ein feinfühliger Uebersetzer muss selbst ein feinfühliger Poet sein, da Geschick und Fleiss gewissermassen nur äussere Hilfsmittel sind. Und Feiwel!i s t ein Poet, voll kerniger Frische und kräftiger Empfindung. Man lese nur die Vorrede, die er dem Buche widmet. Sie ist selbst, in ihrem ersten Teile wenigstens, ein edles Gedicht in Prosa, schlicht, aber vom Herzen kommend und zu Herzen gehend. Ihr zweiter Abschnitt ist vorwiegend sachlicher Natur. Hier veranschaulicht nämlich Berthold Feiwel die Bedeutung der „jüdischen** Sprache, des sogenannten „jüdisch-deutschen Jargon" (zum Unterschiede von anderen jüdischen Mundarten). „Es ist eline Sprache," sagt er, „so gut wie eine andere, die vielleicht nur dem Ohr des Deutschen missfällig klingt, der ungern Laute seiner Sprache korrumpiert und in bunter Gesellschaft mit allerhand fremden Elementen vorfinden mag." Feiwel weist auch darauf hin, dass diese Sprache die kostbarste Fundgrube für den vergleichenden Sprachforscher, den Kulturhistoriker und Völker-Psychologen sei, und dass der national-jüdischen Bewegung das Verdienst gebühre, auch auf diesem Gebiete einem wertvollen Stücke Judentum ans Licht geholfen zu haben. Die „Lieder des Ghetto" zerfallen in drei Teile: in Lieder der Arbeit, in Lieder des Volkes und Lieder des Lebens. Dem ersten Zyklus dieser Gedichte geht das Bild eines wackeren Arbeitsmannes voran, das E. M. Lilien gezeichnet hat. Es ist *) Verlegt bei S. Calvary & Co., Berlin. Deutsche Üebersetzung von Berthold Feiwel. Reicher Illustration«- schmuck von E. M. Lilien.