Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 52 (26.12.1902)
- Article
- Eine jüdische Knaben-Brigade
- Date
- 1902-12-26
- Page
- 10 (sequence 3)
- Language
- German
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— IG - gadefahne deckte. Reverend Michael Adler fungierte als Vorbeter, wahrend der Stabarabbiner Reverend F. L. Cohen die Predigt hielt, und zwar wählte er als Thema die Lehren, welche aus den militärischen Uebungen gezogen werden sollen. Am Sabbat wird weder Parade abgehalten noch spielt die Musik. Samstag abends erhob sich ein mächtiger Wind und es regnete in Strömen. Das grosse Speisezelt der Knaben erhielt einen grossen Riss und es schien geraten, es ganz zu zerlegen. Deshalb mussten die Knaben ihre Mahlzeiten am Sonntag im Freien nehmen — es war ein wildstürmischer Tag — was aber ihren gesunden Appetit um nichts verminderte, wie es auch ihre gute Laune nicht störte. Die Vormittagsexerzitien mussten ausfallen und während dieser Zeit empfingen die Knaben die Besuche mancher Eltern, ebenso wie den freundschaftlichen Besuch des christlichen Schulbataillons, welchem die jüdischen Knaben mit viel Eifer und Stolz die Honneurs machten. Die Knaben hatten keinen Grund, sich über Eintönigkeit des Lagerlebens zu beklagen, da jeder Tag ein anderes Programm aufwies. Am Dienstag traf über Einladung des Obersten Goldsmid ein Detachement von 40 Schiffsjungen aus der kgl. Marineschule in Greenwich im Lager ein und schloss sich der Brigade zu einem Dauermarsch an. Den Rückweg nahm die Brigade durch die Stadt, wo die spalierbildenden Bewohner sie mit beifälligen Zurufen begrüssten. Die Brigademusik spielte über Einladung des Bürgermeisters des Ortes im Musikpavillon auf der Esplanade und fand den Beifall der Bürger. Am Mittwoch inspizierte Colonel Brigde, Stellvertreter des Kommandanten des Lokaldepots der königlichen Marine, die Brigade und auch der Bürgermeister und die Behörden wohnten der Parade bei und sprachen sich alle sehr anerkennend über Haltung und Leistungen der Brigade aus. Donnerstags besuchte die Brigade die Marinebaraken zu Walmar. Die Knaben marschierten in voller Ausrüstung unter dem Kommando des Obersben Goldsmid und seines Stellvertreters Oberstleutnant Sehag Montefiore, welche beide zu Pferde waren und unter Vorantritt ihrer Kapellen in den Exerzierraum der Marine, wo sie Colonel Vowding mit seinem Stabe empfing. * lieber dessen Ersuchen wurden von den einzelnen Kompagnien verschiedene Exerzitien aufgeführt und am Schlüsse konnten die Signalierer zur Kenntnis bringen, dass der inspizierende Oberst und sein Stab ihre volle Zufriedenheit mit den Exerzitien ausdrückten. In der Brigade sind alle Einrichtungen der regulären Armee nachgeahmt und so gibt es auch eine kleine Abteilung, welche im Telegraphieren mit Mörse-Apparaten und im Signalgeben mit Flaggen und Fahnen unterrichtet wird. Ein eingetretener Regenguss veranlasste den Oberst Dowding, die Brigade einzuladen, in eine grosse gedeckte Exerzierhalle einzutreten, wo ihnen Erfrischungen verabreicht wurden, während die Brigadeoffiziere zum Besuche der Marineoffiziersmesse eingeladen wurden. Unbeirrt vom strömenden Regen trat die Brigade den Rückmarsch in ihr eigenes Lager an. In der Manöverwoche wurden zwei sportliche Knabenvereinigungen der Nachbarschaft, und zwar die Greenwicher Schuljungen und die St. Christofeher Knabenschule, zu Cricket-Wettspielen herausgefordert. Zur ungeheuren Freude der Brigade gewannen ihre Teams (Rotten) beide Matchs (Partien). Am Montag nachmittag hatte Kapitän J. S. Marx die Musterriege des Bataillons'der jüdischen Freischule einem grossen gelacjS^nen Publikum in einem Schauturnen vorgeführt und den lebhaftesten Beifall gefunden. Die Offiziere des I. Middlesex-Freiwilligen- Regimentes, welches ebenfalls im Manöver begriffen war, waren einer Einladung des Oberstleutnants Sehag Montefiore gefolgt und nahmen, als sie in die Nähe des Brigadelagers kamen, ihre Mahlzeit in der Offiziersmesse der jüdischen Knabenbrigade. Am 1. August wurde das Lager abgebrochen und die Knaben kehrten in gleicher Ordnung nach London und Liverpool zurück. IL So sehen wir die Söhne der armen zerlumpten und gebeugten Einwanderer in mutige und fröhliche Menschen verwandelt und die Frage, ob eine Regeneration des jüdischen Volkes möglich sei, erhält durch einen glänzend gelungenen Versuch die beste Antwort, i Die Natur hat viele Wege. Ist der direkte Weg der natürlichen Auslese und Rassehverbesserung unmöglich, so wählt sie unter Umständen einen anderen, den der Aufspeicherung der Kräfte, der latenten Auslese. Es gibt eine alte jüdische Sage, die lautet folgendermassen: Als die Juden in Egypten auf Befehl Pharaos sämtliche männlichen Sprossen töten sollten, trugen die unglücklichen Väter diese in den Waid und Hessen sie dort, sie dem Tode preisgebend oder der Gnade des Allmächtigen. Und ein Wunder geschah: die Erde öffnete sich und nahm die Knaben in ihrem Schoss auf. Als aber die Stunde der Erlösung Israels geschlagen hatte, da öffnete die Erde ihren Schlund und gab die Jungen, die mittlerweile zu starken, riesenhaften Männern gewachsen waren, wieder heraus. Und diese „Söhne der Erde" zogen nach dem heiligen Land und bildeten das jüdische Volk .... Stehen wir denn nicht ebenfalls vor einem Wunder! Die schwarze, alles verschlingende Not und Armut fängt unsere besten Kräfte ein, aber bei dem leisesten Hauche eines Frühlingswindes, beim ersten Strahl der Freiheitssonne lässt sie sie wieder heraus, gekräftigt und gestählt, wie der Halm, der den ganzen Winter unter der Sehneedecke ruht. Zionismus und Gegenwartsarbeit Es ist ein charakteristischer Zug für jede Bewegung, dass nur dann ihre Lebensfähigkeit erprobt und erwiesen ist, wenn in ihr selbst gewisse Divergenzen entstehen, gewisse Richtungen sichtbar werden. Denn nur eine gesunde, natürliche, im Leben selbst wurzelnde Bewegung kann ohne Gefahr für ihr eigenes Bestehen neuen Richtungen Ursprung geben, neue Verzweigungen herausschicken, die den Saft der Wurzel weithin verbreiten sollen. Das Leben, wie es die alten Römer sinnbildlich dargestellt haben, ist ein Janus, ein Wesen mit doppeltem Antlitz, es hat immer zwei Seiten aufzuweisen, die einander ergänzen und einander unentbehrlich sind. Aber überall, in allen Formen des Lebens, physischen und sozialen, waltet das Gesetz der Symmetrie; wächst die eine Hälfte über die andere hinaus, so wird die Entwicklung des Organismus eine abnorme; sie wird unmöglich. Diese Erscheinung bemerken wir auch in unserer Bewegung — im Zionismus. So lange der Zionismus sich noch in seinem Anfangsstadium befand, so lange es noch galt, den Zionismus zu „offenbaren% war er scheinbar einheitlich, ganz aus einem Gusse. Die allgemeine Lehre des Zionismus war soeben entstanden und es war noch kein Platz, für individuelle Ansichten, für Differenzierungen innerhalb' cier Partei, kurz es war die Sturm- und Drangperiode dÄMonismüs. Und als einige Jahre nach der^ Entstehung der Bewegung die Theorie des Zionismus sich noch immer in demselben Geleise bewegte, nichts Neues in sich aufnahm, da war zu befürchten, dass der Zionismus das reale Leben der jüdischen Masse nur äusserlich berühre, dass er ein Artefakt und kein natürliches Produkt sei. Und mit Freuden haben wir in den letzten Zeiten eine neue Strömung im Zionismus begrüsst, eine Tendenz, Kritik und Leben in die Bewegung hineinzutragen, und durch frische, wenn auch etwas kalte Luft den Raum zu ventilieren. Ob aber auch die Kritik eine richtige, die Strömung eine verheissende ist, wollen wir nun untersuchen. Die Tendenzen, die sich innerhalb des Zionismus kundgaben, sind namentlich auf dem Minsker Kongress und durch die durchihn hervorgerufenen Debatten und Diskussionen verlautbart worden. Dies sind der ökonomische Zionismus, den Dr. Gurewitsch vertritt, und der geistige, dessen Repräsentant und Theoretiker Achad-Haam ist. Wir