Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 52 (26.12.1902)
- Article
- Erleuchtung / sd.
- Date
- 1902-12-26
- Page
- 2 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3316012--36442-3327375- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erleuchtung. Kin^uni äie Feinde. Und im Innern die Greuel der Verwüs'tp^,1 Es"* schien, als ob unser Lieht im Erlöschen sei. Ivauin ein: kleines Fläramehen *noch, und auch dieses schwankt yerprässelnd im leisesten Winde. Die Verzweifelte]! halten Umschau, wo sie dem schwindenden Lichte neue Nahrung schaffen könnten. Doch lange bleibt ihr Suchen vergeblich. Da ward, kaum dass man es noch zu hoffen wagte, das neue Oel gefunden. Das neue, alte Oel: dort, wo man es am wenigsten vermutet hatte. Die Urväter hatten es hingetan und die Zeiten waren darüber hinweggegangen. Niemand achtete seiner und kam es ungesucht jemandem unter die Augen, so holte er es nicht erst aus dem Winkel, weil es doch wenig nützen konnte in dem Ueberfluss an all dem helleren, fremden Licht. Bis das Licht entschwand. Da lehrte die Not an die alte Nahrung denken, an den verstaubten Hausrat der Väter. Noch eine kurze Weile, und er wäre unserem Erinnern bis auf die letzte Spur verschwunden. Und das Wunder geschah. Ein kleines Flämmchen war zuerst das neue Licht des Judentums. Doch es wuchs von Tag zu /Jag und stetig tauchten neue Flämmchen auf. Die Stuben fingen an, sich zu erleuchten und bald waren auch die Säle erfüllt von Licht. Und an die Fenster stellen wir unsere Feuer, dass jeder, der vorübergeht, es sehen könne: es ist hell geworden in unseren Häusern und von Tag zu Tag soll die Lichterreihe wachsen. Denn auch die Schar der Feinde rückt allmählich zurück. Wir haben unser geliebtes Lichtlein bewacht mit zärtlicher, ängstlicher Sorgfalt; wir hielten unseren Atem an und Messen unsere Herzen leiser pochen, wenn wir mit fieberndem Auge nach dem Flämmchen sahen: wird es die Tage der Not überdauern? Und es griff leise und sicher rings um sich, züngelte rechts und züngelte links, und wie es erstarkte, löste sich, als ob langsam eiserne Ketten von uns fielen, unsere schwere Sorge. Und die Freude kehrte ein in unsere Seele: denn die Flamme steht jetzt kräftig da, von allen Seiten kam ihr neue Nahrung, und wenn jetzt ein kräftiger Windstoss bläst, lässt sie ihn wegfegen über ihren Kopf und strebt gleich darnach stolzer wieder gradauf zum Himmel. Niemand von uns kann das Lichterfest sehen, ohne an das grosse Licht zu denken, das in immer stärkerem Glänze leuchtet. Als wir vor ein paar Jahren darangingen, unsere Makkabäerhelden wieder zu feiern, da sagte uns wohl mancher noch: Lasst doch vergangene Zeiten ruhen; lasst den kleinen liest des Lichtes verglimmen; was soll das letzte Quentchen alten Oels, da es doch gleichfalls bald verzehrt sein muss. In einem kleinen Kreise aber mahnte einer den anderen an den Mut der Makkabäer. Denn wie vor ihnen, der kleinen Schar, stand auch vor unseren Augen das gewaltige Ziel: die Mannen zu sammeln und sie zu führen gen Zions Burg. Und unser Licht hat uns den Weg erleuchtet. Ringsum hat es, wie nie ein Licht vom Oelberg je zuvor, die dichte Finsternis erhellt. Es hat uns geholfen, die Männer zu einen. Wenn uns in diesen Tagen aus allen Gegenden der Erde erzählt werden wird, dass die Getreuen sich finden, um an den alten Heldentaten den eigenen Geist zu entflammen, so wird in ihren Seelen leuchten das neue, das alte Licht. Hat nicht der erste Held der Makkabäer den Namen Juda getragen? Unser erstes Kraftstück war es, den Judennamen wieder anzunehmen. Der Sieg über uns selbst war der schwerste: die Erleuchtung durch das neue Licht. Diejenigen, die Mühe und Not tagtäglich an das Judenleid gemahnten, folgten willig der Feuersäule in der Wüstennaeht. Denn das Leben spricht mit eherner Zunge und hartem Wort. Man lernt gar schnell am eigenen Leibe. Boch-wir. hatten einen härteren Kampf zu kämpfen:;gegen alte Gedanken mussten wir zu Felde ziehen, mit .nichts : ' Z.i'»* ' vr^\. gerüstet als mit dem Glänze des wiedergefundenen Lichtes. Das Bingen war oftmals hart: Gedankenblöcke, Gedankenmauern, Gedankenwälle hatten wir zu übersetzen. Und wenn die grossen Kämpfe geschlagen waren, losten ueh die Haufen, und in scharfen Scharmützeln ging es weiter. Doch waren alle Waffen stumpf, so hatten wir als letzten leisen Schlag, der selten sein Ziel verfehlte, nooh die eine Frage an den Feind: ob er nicht doch ein Jude sei? Und das eine Wort hat uns oft die Gegner entwaffnet. Wie tobte man oft gegen uns, als man zuerst unsere Pläne erkannte. Gefährlich schienen wir den einen und bitteren Hohnes wert den andern. Wir aber taten nichts, als dass wir uns, dem Makkabäer gleich, zum Judennamen bekannten. Ueber alle Theorien hinweg, nachdem wir uns über Volk, Nation, Kasse, Staat die Köpfe heiss gestritten, fragten wir alle, die ehrlichen Sinnes sind, das eine bloss: wollt ihr, wie wir es sind, noch Juden heissen? Und in Scharen kamen die, die früher auf hundert Gründe tausend Gegengründe gewusst hatten, waren verblüfft über die Einfachheit der Frage und konnten nicht anders als freudig rufen: Ja! Just die Gebildeten in allen Ländern waren es, die mit gewohnheitsmässigem Kritmsmus misstrauisch das Loch in unserer komplizierten Eechnung suchten. Vor unserer schlichten Frage aber hielt kein Zweifel stand: einen Augenblick des Zögerns noch, die alten Gedanken zu revidieren, und dann ruhig und sicher, mit der erlösenden Freude desFindens, auf unsere Frage die Antwort: Ja! die Antwort des Bekenners. Und dieses war das neue Licht. An den ersten Fläminchen entzündeten sich der Reihe nach die anderen. Aus dem Lichte entströmte die Wärme, jeder Gedankewurde zur Tat. So erwuchs, was wir bis heute unserem Volke schenkten. Indem wir bekannten, Juden zu sein, indem wir uns selbst zum Leben bekannten, entstand in uns die erste Lebenspflicht, das Wirken. Die Erleuchtung geht ihren Weg und wohin ein Strahl des Lichtes dringt, lässt es fruchtbare Spuren im Boden. Wir aber wollen ihm dienen, die Flammen mit Eifer entfachen, als die treuen Diener des Lichtes. sd. Ein Chanuka-Liedchen. Ein.Krügelein; ein Krügelein. Ich fand's in meinem Herzen drein, Als in mir ganz zertrümmert war Der fremden Götter Hochaltar. Ein Krügelein. Ein Krügelein; ein Krügelein. Da war nur wenig Oel darein, Das leuchtet — glaubt' ich — nur eine Nacht, Verbrennt, eh* dass der Tag erwacht. Ein Krügelein. Ein Krügelein; ein Krügelein. Sag' an! Welch Wunder steckt darein? Es schenkt mir Licht nun Tag um Tag, Das nimmermehr verlöschen mag. Ein Krügelein. Ein Krügelein; ein Krügelein. Ein Tempel ist die Seele mein, Ein Heiligtum, gar still und schlicht Und drin: Der ew'gen Lampe Licht. Ein Krügelein. Berlin. Theodor Zlocisti.