Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 51 (19.12.1902)
- Article
- Juda, der Phantast
- Date
- 1902-12-19
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 „Die # Welt" Seite 13 Flaschen, die er in Eeih und Glied aufstellte, bildeten sein Heer. Auch der übliche Kanonendonner durfte »icht fehlen. In der Hitze des Gefechtes warf der Träumer eine Kiste um, dass es nur so dröhnte ♦.. Wenn er mit einem Stocke auf den Boden schlug, klirrten und klangen die Flaschen aneinander — das waren die Einzelgefechte . , , Einmal wähnte sich Juda Simeon zu sein, gegen die Philister kämpfend. Er schlug den Feind in die Flucht und durchstreifte dann als Sieger ßtolz und majestätisch den Kampfplatz, um die Gefallenen zu zählen . , . Ein anderesmal wieder war er Josua, der gegen die Kanaaniter auszog. Auch dort triumphierte er; unter Posaunen - geschmetter brach er mit seinen Getreuen in Jericho ein. Die Mauern stürzten zusammen und er eroberte die Stadt . . . Jeder Wochenabschnitt brachte ihm neuen Stoff zum Träumen . . . Las er zum Beispiel von der Wanderung der Juden durch die Wüste, so liess er alle Einzelnheiten an seinem Geiste vorübergehen und sah eich als Moses — in der ersten Reihe ... Las er vom Auszuge der Juden aus Egypten, malte er sich alle Begebenheiten klar aus, lebte sich in eine Zeit hinein, die Tausende Jahre vor ihm lag. m Allmählich nahmen JudasJ Träume realere Grundformen an; phantastisch blieben sie jedoch immer — das lag in seiner Natur ... Er lebte nur in den heiligen Büchern. Hier erschloss sich ihm die Vergangenheit seines Volkes. Was war das doch für eine glorreiche Zeit, als sich noch Gott seinem Volke offenbarte und all die grossen Wunder geschahen . . . Dagegen erschien ihm die heutige Welt schal und einförmig. Wo er hinblickte, begegnete ihm schmutzige Alltäglichkeit. Und diese Menschen, die sich um ihn bewegten! Kalt und ohne Ideale schlichen sie durchs Leben dahin. * Eines Tages nahmen ihn seine Eltern aus demCheder und gaben Juda in die Zündhölzchenfabrik im selben Orte. Das traf ihn hart. Die Nächte hindurch lag er schlaflos auf seinem Lager und weinte sich die Augen rot. Das grosse Sehnen mit den mächtigen Schwingen verflog und das Cheder war nun das Ziel all seiner Wünsche. Dort hatte er es ja so gut gehabt! Den ganzen Tag hatte er gesessen, gelernt und in seiner Phantasie waren die herrlichen Bilder erwacht, die ihm das Dasein erträglich machten. Nun sollte er sich in den dumpfen, gesundheitsschädlichen Kammern bei einer so gefährlichen Arbeit aufhalten. Nichts half sein Flehen und Bitten. Er muaste in die Fabrik! und all seine Wünsche zerrannen . In der ersten Zeit seiner Fabrikstätigkeit hasste Juda alle Menschen und auch seine Eltern aus tiefster Seele. Er bat Gott, dass er seine Blitze schicken möge, um das Städtchen zu vernichten, wie er es mit So dorn und Gomorrha getan. Seine Verbitterung steigerte sich von Tag zu Tag. — --Dann sank sie plötzlich. In Juda wurde es still. Einsilbig und verschlossen lebte er dahin ohne Freund und Glauben . , . Im Entsagen fand er Trost und sein früherer Trotz schwand . . . Die langen, langen Tage sass er in der Zündhölzchenfabrik und arbeitete emsig . . . Das Gesicht hatte er in Tücher eingehüllt. Trotzdem frass ihm der Phosphor alle seine Zähne aus .... Darum bespöttelte, verhöhnte man ihn. Wo ihn die Leute erblickten, kicherten und lachten sie: „Da kommt der Phantast---der Phantast," erscholl es von allen Seiten ... Nur des Abends, nach des Tages Mühe, wenn er sich aus dem Trubel auf die einsamen Felder flüchtete, war Juda glücklich . . . Dort fühlte er sich nicht allein ... Da war er eins mit der weiten.— weiten Ebene , . . Jeder Baum, jeder Strauch war ihm lieb und bekannt . . . Sein Blick glitt dahin über die Heide in unermessliche Fernen und in seiner Phantasie regten sich wieder liebe, alte Bilder . . . Hier vergass er nicht nur seinen Schmerz, sondern auch die Leiden seines armen Volkes------- \M1<sifriFtscbafr1icbei' $eil. Simferopol. Einem Berichte des Vertrauensmannes des Simferopoier Bezirkes entnehmen wir folgende interessante Details: „Hier sind in jeder Richtung grosse Erfolge zu verzeichnen. In sämtlichen Gemeinden, in denen zionistische Gruppen bestehen, auch in den kleinsten Ortschaften, sind Bibliotheken und Lesehallen gegründet worden, wurden Kurse eröffnet und werden Referate erstattet. In Theodosia haben unsere Gesinnungsgenossen die erste Tabakhändler- Genossenschaft und eine Spar- und Vorschusskasse gegründet. Auch in Simferopol wurde eine Sparkasse geschaffen. 700 Mitglieder sind derselben bereits beigetreten. Die Darlehen, die gewährt wurden, übersteigen bereits 25.000 Rubel. Simferopol besitzt auch eine zionistische Volksbibliothek, die über 1000 Bände aufweist.* Die „Baseler Nachrichten" vom 9. Dezember melden Südafrika. Der italienische Konsul in Kapstadt, Knight, und ein Herr Rossi vom italienischen Auswanderungsamte unterhandeln gegenwärtig, nach einem Reuter-Telegramm aus Kapstadt, über die Auswanderung von Italienern nach Südafrika. Die britischen Vorschläge gehen dahin, dass sich die Einwanderer auf drei Jahre verpflichten; Verheiratete werden bevorzugt, besonders wenn sie Familie haben; die Männer erhalten einen Taglohn von 2 Shilling und 6 Pence und die Frauen einen solchen von 1 Shilling und in der Zeit der Obsternte von 1 Shilling und 3 Pence. Die Männer würden sich verpflichten müssen, an sechs Arbeitstagen in der Woche von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu arbeiten, während die Frauen von 8 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags tätig sein würden. Die Unternehmer haben den Arbeitern eine Hütte und Gartenland zu liefern oder den entsprechenden Wert. Als Garantie würde der Unternehmer von dem Lohne der Arbeiter wöchentlich 1 Shilling, und 6 Pence von dem Lohne der Frauen zurückbehalten. Das zurückgehaltene Geld ist den Arbeitern bei Ablauf des Kontraktes auszuzahlen und der Unternehmer hat dem Arbeiter dann, wenn dieser zu bleiben wünscht, Gewinnanteil an dem Ertrage eines Stückes Land zuzusprechen. Diese Vorschlage, welche der Ackerbauminister der Kapkolonie und die von ihm berufene Kommission billigten, werden jetzt von der Regierung der Kapkolonie und dann von den italienischen Vertretern nachgeprüft werden. Paris. Gegen die Konkurrenz der fremden Arbeiter sind seit Jahren zahlreiche Anträge eingebracht worden. Die meisten bisherigen waren von Nationalisten verfasst und sahen entweder eine monatliche Abgabe von 5 Frcs. für jeden einzelnen auswärtigen Arbeiter oder eine Besteuerung von 50 Cts. täglich vor. Der Sozialist Coutant ist dagegen für ein anderes Verfahren, das er bereits in der vorigen Kammer angab und nun auch der jetzigen vorgeschlagen hat. Er befürchtet diplomatische Schwierigkeiten und Repressalien gegen Franzosen seitens anderer Mächte, wenn die obenerwähnten Anträge angenommen würden und schlägt daher vor: 1. Dass die Zahl auswärtiger Arbeiter in jedwedem Betriebe nie 10 Perzent überschreiten darf; 2; dass die fremden Arbeiter keinen niedrigeren Lohn erhalten dürfen, als den in den Tarifen der Arbeitersyndikatskammern, in den einzelnen