Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 51 (19.12.1902)
- Article
- Kischinew [Nachricht]
- Date
- 1902-12-19
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Dl* <r Welt1' Nr, 51 Erhaltung der Farm haben sieh die Juden von Bessarabien bereit erklärt, jährlich einen Betrag von 1500 Rubeln zu geben; die jüdische Kolonisations-Gesellschaft votierte einen Jahresbeitrag von 600 Rubeln. Rumänien. Ein Reuter - Telegramm vom letzten Freitag meldet: Die von der Kammer ausgesetzte Kommission zum Studium der Frage der Naturalisation ist ausschliesslich aus wohlbekannten Antisemiten zusammengesetzt. Die Hoffnung der Juden auf Naturalisation ist völlig aussichtslos. Ein Assimüant Ober die rumänische Judenfrage. Mr. Laurie Magnus hat im April - Heft der „Quarterly Review* einen Artikel uuter dem Titel „Zionismus und Antisemitismus* publiziert, worin er die Zionisten als Verräter am Judentum bezeichnet, weil sie die dem Judentum obliegende Mission der Zivilisierung der Welt stören..... In der laufenden Nummer der gleichen Revue finden wir einen Artikel über „DieAussi chten der Judenfrage*. Aus demselben wollen wir nur einen Satz notieren: „Die rumänischen Juden müssen in Rumänien bleiben, um Rumänien zu einem zivilisierten Staate umzuwandeln.* Staatssekretär Hay anerkennt in seiner Note, dass das Verbleiben der rumänischen Juden in ihrem Geburtslande unmöglich ist; der Major Evans-Gordon ist nach Besuch des Landes vön seinem Antisemitismus bekehrt worden und bestätigt die geradezu trostlose Lage der Juden im Barbarenlande — aber Mr. Magnus fordert, dass die Juden sich lieber totschlagen lassen und verhungern, als ihre „Mission" bei den Rumänen aufzugeben. Es ist so bequem, im Londoner West-End Prinzipien zu haben, die an der unteren Donau bekräftigt werden sollen I Oesterreich-Ungarn. Wien. (Der Kampf der Studentenschaft um ihr Recht.) Am 2. Dezember fand eine Versammlung der jüdischen Studentenschaft, einberufen vom Arbeitsausschusse der Verbindungen, statt. Auf der Tagesordnung stand „Die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Hochschulen". Wenn man imAuge hat, dass bis jetzt dieRubriken „Nationalität* und „Muttersprache" in den Hochschul-Dokumenten von den jüdischen Studenten mit einem lügenhaften Bekenntnis zu einer anderen als der jüdischen Nationalität ausgefüllt werden mussten, wird map die Bewegung gegen diesen Vorgang freudig begrüssen. Die 400 Studenten, die der Einladung folgten, nahmen auch eine diesbezügliche scharfe Resolution an.(Wortlaut in unserer vorletzten Nummer.)Ueber dasThema sprach zuerst Gg. Dr. Ehrlich. Nachdem der Referent nachgewiesen hat, dass die Juden niemals aufgehört haben, eine Nation zu sein, geht er auf die Stellungnahme der akademischen Behörden und der jüdischen Studenten zur Judenfrage über: Wenn ein guter Sohn seines Volkes das höchste akademische Amt bekleidet, begreift er es, dass auch der jüdische Student sein Volk liebt und so hat auch der derzeitige Rektor der Universität die volle Berechtigung dieser Forderung anerkannt. Wenn aber eine jüdischer Renegat Rektor ist, daif begreiflicherweise nicht zu laut vom Judentum gesprochen werden, ein scharfes Wort gegen die Assimilation, der man die höchsten akademischen Würden dankt, wird nicht gestattet. Nicht von Seite der deutschen Dozenten haben wir Widerstand zu erwarten, sondern von Seite der jüdischen Professoren, die zum grössten Teil bereits getauft oder doch zur Taufe bereit sind. Mit der Auflösung der aus lauter Juden bestehenden sozialdemokratischen „Freie Vereinigung"ist der sympathische Teil unserer jüdischen Gegnerschaft vom akademischen Boden verschwunden. Aber auch die sogenannten „deutschfreisinnigen Verbindungen" (!) sind zum grössten Teile im eigenen Assimilationsmist erstickt und ein Liebhaber von Kuriositäten wird sich sehr beeilen müssen, wenn er Bekanntschaft mit dem letzten jüdischen Tejus, dessen Vater vielleicht noch als ritueller Operateur fungiert, wird machen wollen. Jedenfalls hat dieser, Teil der jüdischen Studentenschaft, der sich in den Badem-Tagen anlässlich einer Ovation zu Ehren Schönerers auf der Parlamentsrampe öffentlich prostituierte, einfür allemal das Recht verwirkt, bei jüdischen Fragen mitzusprechen. Je widerwärtiger die Auswüchse der Assimilation sind, desto dringender wird unsere Forderung. Ihre Durchsetzung wird unser Reinlichkeitsbedürfnis befriedigen, denn sie wird ein Scheidebrief sein an alles, was faul ist im Judentum. Wir müssen es aber auch als beschämenden Zustand empfinden, dass man nach politischem Bedarf uns zu allen möglichen Völkern hinzuzählt, nur nicht zu dem Volke, dem wir wirklich angehören und das wir mit der feurigen Begeisterung unserer jungen Herzen lieben. Unsere Forderung ist das Streben nach Wahrheit und als solches tief sittlich. Nachdem noch ing. Jungmann den Standpunkt der jüdischen Studentenschaft klar und eindringlich motiviert hatte, folgte eine lebhafte Diskussion, worauf die erwähnte Resolution einstimmig angenommen wurde. Bekanntmachung der studentischen Arbeitsausschusse, Wien. Montag den 15. Dezember um 12 Uhr Mittag begab sich eine Deputation der zionistischen Studentenschaft, bestehend aus den Herren jur. Littmann, techn. Goldmann und jur. Ephraim Waschitz in die Rektoratskanzlei, um die von den Studentenversammlungen am 27. November und 2. Dezember 1902 beschlossene Resolution, betreffend die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Wiener Hochschulen, zu überreichen. Seine Magnifizenz Rektor Gussenbauer empfing die Deputation im Beisein des Kanzleidirektors Regierungsrat Dr. Brockhausen. Beide Herren bekundeten lebhaftes Interesse für die erläuternden Bemerkungen, mit denen die Deputation die Ueberreichung der Resolution begleitete. Im grossen und ganzen wurde die Berechtigung unserer Bestrebungen anerkannt. Die Angelegenheit wird den akademischen Senat in seiner nächsten Sitzung beschäftigen. Nach dem Empfange beim Rektor unterhielt sich Regierungsrat Dr. Brockhausen durch einige Zeit mit den Deputierten über die Strömungen innerhalb der Studentenschaft und bemerkte schliesslich: „Der Antisemitismus hat keine Berechtigung und keinen Zweck: er wollte das Judentum erdrücken, derweil er nur zu seiner Kräftigung beitrug." B. Krakau. (Anerkennung der jüdischen Nationalität.) Es ist eine neue Anerkennung der jüdischen Nation zur Kenntnis zu nehmen, nämlich seitens des hiesigen Universitätssenats, dem hoffentlich auch die Lemberger Universität folgen wird. Dem Beschlüsse des Bielitzer Zionistenkongresses gemäss haben wir einleitende Schritte unternommen, um dem Senate der hiesigen Universität die öffentliche Anerkennung unserer Nationalität abzuringen. Zu diesem Zwecke wollten wir an derselben einen Studententag einberufen und reichten diesbezüglich um Erlaubnis zur Benützung «ines Hörsaales ein. Darauf antwortete man uns, der Senat sehe eine Diskussion über diese Angelegenheit für zwecklos an, denn dieselbe wurde schon durch Artikel XIX des Staatsgrundgesetzes vom 21. Dezember 1867 geregelt und der derzeitige Rektor Dr. Gromnicki erläuterte uns diese Antwort mit den Worten: „Er werde fortan in allen Amtsangelegenheiten und Amtspapieren die jüdische Nationalität anerkennen und wundere sich sehr, dass dies bis jetzt nicht geschah, da doch niemand das Bestehen der jüdischen Nation leugnen kann." Auf diese Weise haben wir uns das, was wir uns zum Ziele vorsteckten, ohne grossen Kampf erhalten. Was so ein Sieg bedeutet, ist unnötig zu erklären. Es genügt, um die Bedeutung dieser Tatsache zu begreifen, wenn wir das bisherige Verfahren der Universitätsbehörden in Betracht ziehen, das nur darauf hinzielte, uns einer anderen Nation (in unserem Falle der polnischen) einzuverleiben und uns auf diese Weise mit Gewalt zu assimilieren. Aber unsere Individualität erlaubte uns nicht, dies ruhig zu ertragen und wir mussten dagegen auftreten, und dies nicht nur wir Zionisten selbst, sondern in Uebereinstimmung mit der national-jüdischen Jugend sozialistischer Gesinnung. Alle Welt möge erfahren, dass wir keine Maske tragen und keine tragen wollen, wie unsere Polen-Kollegen m. K. in Lemberg, die wahrscheinlich hoffen, dass man ihre kosmopolitisch-assimilatorischen Bestrebungen mit einer Staatsanstellung bezahlen werde. Nur so weiter, meine Herren! Wir werden sehen, wer siegen wird, wir mit unserem Nationalstolz und Offenherzigkeit oder ihr Kriecher und Komödianten. Die Zukunft gehört uns allen und sie wird die gerechte Richterin sein. B. Wien. Die Generalversammlung des „Hilfs verein es für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien* fand Montag den 8. Dezember unter dem Vorsitze des Obmannes Herrn Maximilian Paul-Schi ff bei zahlreicher Beteiligung der Delegierten der Ortsgruppen und der Mitglieder der Vereinsleitung in dem grossen Saale des „Humanitäts-Vereines Wien" „B'nei B'rith" statt. Von den Ortsgruppen Bielitz, Iglau, Krakau, Leitmeritz, Lemberg, Linz und Prag waren Begrüssungsschreiben