Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 51 (19.12.1902)
- Article
- Nischni-Nowgorod [Nachricht]
- Date
- 1902-12-19
- Page
- 7 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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- Minsk 1× ep/1000754
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Nr. 51 „Die # Welt«* Seite 7 Korrespondenzen und Telegramme. Russland. Nischni-Nowgorod. Die kürzlich in Nischni-Nowgorod stattgefundene Zionisten-Versammlung, welcher auch der berühmte russische Schriftsteller Maxim Gorki beigewohnt hat, ward der Schauplatz eines bedauerlichen Vorfalles, der in seinen psychologischen Momenten jedoch beachtenswert erscheint. Eine Rednerin in dieser Versammlung, eine eifrige Zionistin, führte unter anderem aus, dass, da jeder Christ Antisemit sei, die Zionisten-Konferenz von Minsk den Beschluss gefasst hätte, Christen zu zionistischen Versammlungen nicht zuzulassen. Damit aber beging sie gelinde gesagt, eine unverzeihliche Taktlosigkeit. Denn von einem derartigen ßeschluse der Minsker Zionisten- Konferenz, der übrigens der ganzen, auf strenger Toleranz beruhenden Weltanschauung der Zionisten widersprechen würde, ist niemand etwas bekannt worden. Diese Tatsache wurde denn auch in der Zeitschrift „Sug" von einem Delegierten der Minsker Konferenz festgestellt und die Rednerin von Nischni-Nowgorod berichtigt. Für Gorki aber mussten die Erklärungen der phantasiereichen Rednerin als beleidigend erscheinen* Der temperamentvolle Russe reagierte auf die Ausführungen der Rednerin mit einigen scharfen Bemerkungen, was natürlich den normalen Verlauf der Versammlung auf wenige Augenblicke störte. Nach Schluss der Sitzung aber, nachdem Gorki sich von der Unstichhältigkeit der Angabe der Rednerin über den angeblichen Beschluss der Minsker Konferenz überzeugt hatte, sagte Maxim Gorki zu dem Zionistenprediger Zwi KoschdaJ folgendes: „Verkünden Sie dem jüdischen Volke, welches ich sehr liebe und wertschätze, im meinem Namen, dass ich das russische Publikum bald mit den guten Seiten der Juden bekannt machen werde, da man von ihren schlechten Seiten schon allzuviel geredet hat!" Aber diese Worte des grossen Russen haben die nationalistische Presse Russlands mit wahrer Wut gegen Gorki und gegen die Juden erfüllt. Der „Swjet" zum Beispiel nennt Gorki »Verräter an den russischen Interessen" und schildert die Juden als die wahren Bedränger der Christen .... Welchen Sturm also wird erst das Buch selbst im Lager der Judenfeinde entfesseln? * Petersburg. Der von dem bekannten und einflussreichen Fürsten Meschtscherski herausgegebene „Graschdanin" publiziert in seiner jüngsten Nummer den Brief eines Juden, welcher wohl als der Schmerzensruf unserer Brüder im heutigen Russland betrachtet werden darf. Dieser, die ganze Trostlosigkeit der Lage unserer Volksgenossen in Russland illustrierende Brief hat folgenden Wortlaut: „Ich muss Ihnen sagen, dass ich ein einfacher Handwerker (Tischler) bin und ausschliesslich von meiner Hände Arbeit lebe. Ausserdem bin ich ein kranker Mann und musste mich in diesem Jahre auf Anordnung der Aerzte in einen Badeort begeben, um einen veralteten Magenkatarrh kurieren zu lassen. Nichts scheint einfacher: ich bin nicht reich, bin ein getreuer russischer Untertan und müsste als solcher in der Heimat Heilung finden können. Ich war schon bereit, mich nach Essentuki aufzumachen, als man mir erklärte, dass den Juden der Besuch dieses Badeortes verboten sei. Ich musste mir also für 15 Rubel einen Auslandspass verschaffen und fuhr nach Kissingen. Die Kur von I1/* Monaten kostete mich mit der Fahrt zusammen 350 Rubel. In Kissingen traf ich wenigstens 400 russische Juden, die gleich mir hatten dorthin fahren müssen, statt sich zu Hause kurieren zu lassen. Sagen Sie mir um Gotteswillen, weshalb dürfen wir russischen Juden nicht zu Hause in Russland eine Badekur gebrauchen und müssen zu diesem Zweck ins Ausland fahren? Ich bezahle pünktlich meine Steuern, mein Sohn leistet in der Artillerie seine Wehrpflicht ab, ein Verbrechen habe ich nicht begangen, besitze aber nicht das Recht, einen russischen Badeort zu besuchen. Ganz abgesehen von dem vielen Gelde, das die russischen Jaden alljährlich in den ausländischen Kürorten statt in Russland lassen, schämt man sich wahrhaftig geradezu, einem ausländischen Juden einzugestehen, dass wir russischen Juden nicht das Recht haben,1 in der Heimat einen Badeort zu besuchen. Ich bin in Russland geboren und gedenke darin zu sterben, halte es für meine Heimat, jedes scharfe Wort eines Ausländers über Russland tut mir weh und ich freue mich, wenn ich mein Vaterland loben höre, dennoch aber werde ich mit Argwohn betrachtet und als Aussätziger angesehen, der nicht in einen russischen Badeort gehört. Warum muss ich, ein armer Handwerker, der ich nur 20 Stunden von den kaukasischen Kurorten lebe, mich weiss Gott wie weit ins Ausland schleppen und unnütz 15 Rubel ausgeben, wo mir doch jeder Rubel teuer ist! Das, geehrter Fürst, ist eine von den Massregeln, welche das Leben der luden behindern . . . Was redet man da von Landkäufen [ Befreit uns von wirklichen, durch nichts verdienten, geradezu unsinnigen Bedrückungen . . . an Vergünstigungen wollen wir gar nicht denken. Muss man wirklich wegen einiger Dutzende, vielleicht einiger Hunderte jüdischer Exploitatoren und Landkäufer die ganze arbeitende, mit Mühe sich durchschlagende Masse bedrücken? Kann man wirklich diesen Millionen von Menschen nicht das Leben gönnen? . . . Moissei Abramow, Jude." Hiezu bemerkt Fürst Mesch tscherski: „Wie selten man auch mit Juden einer Ansicht sein mag, diesesmal muss ich Moissei Abramow zugestehen, dass mir das Verbot des Besuches der russischen Mineralbäder durch die Juden als eine Beschränkung ihrer Freiheit erscheint, die sich durch keinerlei ernste Argumente rechtfertigen lässt." , , i w Merw (Zentral-Asien). Die Juden, welche in der Merw- Oase wohnen, sollen demnächst, wie die russische Zeitschrift „Askhabad* meldet, ausgewiesen werden, weil die russische Gebietsverwalfcung angeblich mit der wirtschaftlichen Tätigkeit dieser aus Bokhara, Afghanistan und Persien vor Jahrhunderten nach Merw eingewanderten Juden unzufrieden wäre. Aus der Charakteristik dieser Juden, welche der russische Forscher Michailow im selben „Askhabad" entwirft, dürfte es jedoch nicht schwer sein, die Ursache der geplanten Ausweisung der Juden zu erraten. In dieser Charakteristik heisst es unter anderem: „Die meist aus Meschhed stammenden Juden, „Dshedid" genannt, sind in Glaubenssachen eine zwitterhafte Erscheinung; einst zwangsweise zum Islam bekehrt, hängen sie noch recht zäh am Judentum. Sie besuchen insgeheim die Synagogen der bokharischen Juden, suchen nur den Schein zu wahren, als seien sie strenge Bekenner des Islam. Zum Schein halten sie die Kaufläden am Samstag offen, aber der Besitzer ist den ganzen Tag abwesend, sein Kommis dagegen ist nicht berechtigt, etwas am Samstag zu verkaufen. Ehen zwischen „Dshedids" und Islamiten kommen nicht vor, Fleisch kauft der „Dshedid" nur beim jüdischen Schächter und meidet jedwede Gemeinschaft im Essen mit den Mohamedanern." Da aber die „Dshedids" dem Judentum treu sind, so findet sie die Verwaltung als „ökonomisch* schädlich. * Kischinew. Das'Gesuch um Genehmigung der Statuten der Bessarabischen jüdischen^ Acker bau- Farm in Orgjew wurde nunmehr, wie die „Nowosti" melden, dem Ministerium des Innern unterbreitet. Zum Kurator dieser Farm wurde daher Gesinnungsgenosse Dr. Mutschnik ernannt.. Zur