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Die Welt · 1902-12-19 · 51 (19.12.1902) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
51 (19.12.1902)
Article
Die Dichtung [Rezension]
Date
1902-12-19
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 JJHb # Weltp Nr. 51 die eigene Lebensangst in Naumbergs erschütternder Erzählung von den „dunklen Augen" und wie die eigene Resignation in Aschs ergreifender Dichtung: „Die Stimme gestohlen". Auch 4hr Humor ist schüchtern und voll Liebe, so in Perez' „Hundegeschichte", in Spektors „Armenmahl" und Scholem Aleichems „Die Uhr"» 'Ein Humor der Gleichnisse und ein Armeleutehumor. Ihre Lyrik ist voll Wehmut, voll tieferer Erlebnisse als sonst eine, voll Wohllaut in ihrer Melancholie, erschütternd in ihren Klagen. Sie hat zumeist proletarischen Charakter. Das ist das kleine Lied von Abraham Reisen „Ghetto", das durch seine grosse Knappheit, seine schluchzenden Töne, seine malende Kraft und durch sein ergreifendes Motiv zu höchster Wirkung gelangt neben S. Frugs „Lied vom Cheder" mit seiner anklagenden Apostrophe und Rosenfelds „Laubhüttenfest vorbei" mit seinen sanften Mollklängen, — Scharf kontrastieren zu den jüdischen die Proben aus der neuhebräischen Literatur. Die rhythmische Gewalt und herbe Bildkraft der hebräischen Sprache vibriert auch noch in der Uebertragung. Dort zage Laute voll Wirklichkeitsduft, hier der mystische Zauber und die königliche Pracht dieser alten, nun verjüngten Sprache. So in den Gedichten von Ch. N. Bialik und Saul Tschernichowski, die in ihren Gegensätzen in einem Essay von Ehrenpreis in geistvoller Weise gewürdigt werden. Von geringerer Gestaltungskraft erscheint die hebräische Novellistik, so wie sie in diesem Buche vertreten ist. Doch sind die Namen Feierberg und Berdyczewski als bedeutsam zu verzeichnen. — Etwas ungleich an Wert sind die Beiträge der jüdisch-westeuropäischen Dichter. Da jüst Georg Hirschfelds gedankenreiches Gedicht „Jeremias" zu dem gewaltigen Bild Urys, da ist der reizende „Kinderreim" und der „Hohe Rabbi Low" von Hugo Salus, Anton Lindners „Frühling" und „Dämmerung", die Poesien von Martin Buber und Efraim Frisch, die ich besonders hervorheben möchte. Von den Erzählungen Zangw)üls „Den Sabbat entheiligt". Hermann Menke 3. (Ergänzend heben wir noch die Gedichte von Auerbach, Barber, Donath, Feiwel, Fleischer, M. Friedländer, Löwenberg, Lutwak, Marcou-Baroueh, Werner, Wolfskehl, Zweig, die novellistischen Beiträge von Blumenthal, Bromberg, Feuerstein, Fuchs, Hermann, Menkes, Rothblum, die Aphorismen von Stand hervor. D. Red.). * DIE BILDKUNST. Wenn in den letzten Zeiten von Missgünstigen und Missverstehenden gegen die jungjüdischen Kulturbestrebungen der Vorwurf erhoben wurde, sie seien gewSssermassen nicht natürlich gewachsen und nicht lebensfähig, sondern lediglich verfrühte Pläne und unnützer Zeitaufwand einiger junger Leute, so meine ich, kann es kein besser Ding geben als den „Jüdischen ASmanach", um derlei Einwendungen zu widerlegen. Denn er sagt, dass es eine jüdische Kunst gibt, und dass sie lebt, und dass Blut und Feuer in ihren Adern strömt, dass sie kein schattenhaftes und bleichsüchtiges Unding ist. Freilich fast ein Wunder ist es und verdorrten Herzen unglaublich, dass der junge Baum, der nun schon Früchte trägt, aus Felsen und Sand Nahrung zog, dass dies Kind, mit eines gefolterten Herzens Blut gestillt und mit Schmerzen groesgezogen, nun voller Kraft und jungen Siegermutes auszieht, sich seine Welten zu erobern. In vornehmem Gewände und durchaus würdig erscheint dieses Buch. Und ich" fühle, wie in der Art« wie es in Worten und Bildern dem Leser und Beschauer, froh und bewusst seine, seine eigenste Welt auf tut, sicher, dass deren Eigenart vor keiner anderen zurücksteht, so viel schöne und feine Noblesse liegt. Es blättert sich erfreulich zwischen diesen Seiteu, denn alles, Material sowohl als Typen, Raumverteilung u. dergl. stellt sich gewählt und glücklich bedacht dar. — Von Liliens Hand stammt des Buchschmuckes starke eindringliche Symbolik. Man kann sich über diesen Bildern in ihre Weit einträumen — denn sie sind fast alle auf eine Note gestimmt — aus ihnen aufsteigen fühlen» was die Künstler in sie legten, den Dui% die Süsse, die Wärme und Liebe der jüdischen Heimat, diese» Tranm¬ und Seelenlandes, das bis heute ohne irdischen Boden, seine Kinder mit so zarten, starken, innerlichen Banden an sich fesselt. Wer dürfte nach Reproduktionen einen Künstler endgültig beurteilen? So ein kleines Bildchen zwischen den Zeilen gibt kaum mehr als die allgemeinsten Linien, einen vagen Begriff von Licht und Schatten, ein Stückchen Stimmung! Aber wieviel reden diese kleinen Bilder des Almanachs! Es erwächst uns eine Fülle der Erkenntnis aus ihnen. Vor allem: ist es nicht ein wundersames und unerhörtes Ereignis, dass eine junge, frisch werdende künstlerische Kultur ihre Herbheit und Frische mit dem Raffinement und der Reife aller alten Kulturen verbindet? Ein weiteres: Namen, wie die Liebermanns und Israels' z. B., Namen, mit denen sich der Gedanke an europäischen, an Weltruhm verknüpft, erscheinen dem kunstgeniessenden Publikum gewöhnlich gar gerne losgelöst von Scholle und Stamm und werden auch mit ihrer Person mit Vorliebe sozusagen als Menschheitsgut in Beschlag genommen. Hier im Almanach begegnen wir ihnen in der Gemeinschaft der Genossen, der jüngeren sowie der weniger gekannten Stammesbrüder. Wirkt es da nicht wie eine Offenbarung: Diese, auch diese sind Juden in ihrem Wesen und in dem ihrer Kunst, genährt von ihres Volkes uralter Eigenart und Kraft? Manches ist djiesen Bildern gemeinsam. In vielen ist das Genrehafte zu merkwürdig epischer Kraft verdichtet, es ist ein vertieftes seelisches Erleben in und über allen diesen häuslichen, kirchlichen und Strassenszenen. Dann ist ihnen eine Macht des Ausdrucks eigen, eine inhaltsvolle Geberde, und vor allem man fühlt, wievjel hinter ihnen steht, in dem, der sie schuf oder vielmehr schaffen musste. Denn auch dies sagen sie alle: es war eine Gewalt, die den Künstler zu uns trieb. Etwas war zu sagen, etwas schrie nach Gestalt, und immer ist es eines, nur eines, das sich in alles drängt, das Volk, sein Schmerz, seine Freude, sein Erbeben, sein Sichergeben, sein Sichauflehnen, sein ganzes erhabenes und jammervolles Schicksal. Und sei es scheinbar noch so ausdrücklich ein Einzelner, sei es das einsamste Geschöpf, das dargestellt ist — es ist nur Repräsentant der Millionen. Und selbst die Landschaft? Ist sie nicht von der Wehmut der Heimatlosen getränkt? Weckt nicht auch sie — selbst wo sie es kaum will — Anklänge, Zusammenhänge? Auf die einzelnen Künstler näher einzugehen, gestattet hier der Raum nicht. Es sind ihrer zwanzig, die mit sechzig Arbeiten vertreten sind. Von den Toten Moritz Gottlieb, der junge Meister, der stets als „der Erste" in den Herzen leben wird — vo ihm ist hier "der „Ahasver" zum erstenmal neben zwei bekannteren Werken reproduziert — Antokolski, von dem insbesondere der „Spinoza" eine grosse Stimmung erweckt, und der bedeutende Landschafter Levitan. Dann der Altmeister Israels mit seinem neuen „Thorasehreiber", mit dem so still und so grossartig tragischen „Sohn eines alten Volkes", und drei anderen Werken. Max Liebermann mit Vignetten und einem feinen Kinderkopfe. Von Lesser Ury ist ausser dem „Jeremias" und zwei Landschaften der soeben vollendete Moses-Karton da; in allen dieselbe ekstatische Gewalt. Eine zarte lebensvolle Schönheit ist in den Blättern von Pasternak; namentlich in den so urjüdischen „Musikanten". Solomon ist rn^it dem „Simson" und dem „Blinden" charakteristisch vertreten. Liliens dekorative Symbolik zeigt sich auch in seinen Vollbildern; um eine Vorstellung von der Entwicklung dieses Künstlers zu gewinnen, muss> man sich sefrne Ausgabe von Morris Rosenfeld ansehen. Von Hermann Struck finden wir eine reiche Sammlung von Radierungen, unter denen eine Feldstimmung am suggestivsten wirkt. Von Hirszenbergs Beiträgen hat die „Jesehibah" einen wahrhaft monumentalen Zug, den er sonst nirgends erreicht. Jehudo Epsteins Sachen können in ihrem koloristischen Werte durch die Reproduktion nur angedeutet werden. Von Weinles sei ein anmutig vornehmes Porträt erwähnt. Auch die Anderen sind würdig vertreten: Glicenstein, Aronson, Goldberg-Leobschütz, Pilichowski, Schatz, Trebanz, Waebtel. Eaula ,Wi»Iil«*

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