Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 51 (19.12.1902)
- Article
- Die Essays [Rezension]
- Date
- 1902-12-19
- Page
- 5 (sequence 1)
- Language
- German
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Är. 51 „Öle O Weir ^eite 5 er die Stellung des Schaffenden zum Volke und die Wechselbeziehungen nach, in denen die Bewegung und die schaffenden Geister einander fördern, üeberreich an Andeutungen und gedrungenen Worten, wird der Essay nicht so leicht verdaut werden können. Man wird ihn öfters lesen und die Gedanken, die er anregt, sorgsam zu Ende denken müssen. Achad-Haam knüpft an zwä die jüdische Geschichte heherrsehende Standesbezeichnungen an, um in seinem vom Privatdozenten Dr. J. Friedlaender übersetzten „Priester und Prophet" zwei Grundtypen der Entwicklung aller Moral zu vereinen. Der Prophet schafft die neuen moralischen Werte — der Priester konserviert sie. „Das Wesen des Judentums" von Dr. S. Bernfeld wird lebhafte Diskussionen entfesseln. Er definiert das Judentum als die Summe des nationalen Lebens, in der auch die Religion als eine rein zeitliche Form des Judentums enthalten ist. Elegische Töne schlägt M. J. Berdyczewski in seinem Aufsätze über „dasi Neuhebräische" an, dessen Belebung er nicht durch das Gefühl einer Heimkehr zu. den alten Heiligtümern und Hoffnungen, sondern im Gegentejil durch eine Abkehr, durch ein Neinsagen zu allem bisherigen Ja erklären möchte. Daher, dass die neuhebräische Literatur im letzten Sinne ein Werk der Negation ist, kömmt es nach Berdyczewski, dass fast alle Bahnbrecher des Neuhebräischen ein tragischer Zug begleitet. Hoffnungsvoller ist Dr. M. Ehrenpreis, der 'in einer Würdigung Bialiks und Tschernichowskis dem Wesen der junghebräischen Dichtung nachgeht. „Bialik ist vielleicht der letzte Dichter von gestern, Tsehernichowski der erste von morgen. Aber in beiden zittert das Heute mit selinen Mischgefühlen und Dämmerstimmungen, mit seinen dumpfen Düsterkeiten und seinem nervösen Suchen." Ein vielbestrittenes Thema behandelt Dr. J. Eljaschoff in seinem Aufsatze „Jargon und Jargonliteratur". Er kommt zu dem Ergebnisse: „Der Jargon soll nicht nur ein Mittel zur Erziehung der Massen sein, er ist auch das bewährteste Mittel zur Ausreifung des Verständnisses der jüdischen Intelligenz für das Volk und dessen kranke und leidvolle Seele." Prächtig und von hinreissendem Schwung sind Mathias Achers Ausführungen über Geist und Geld bei den Juden. Er untersucht die Frage, ob nicht die Lage des jüdischen Volkes eine so eigentümliche ist, dass dadurch dem Gelde eine weit nachdrücklichere Herrschaft über die Seele des Volkes, über seine Kultur und sein soziales Gepräge eingeräumt wird, als dies bei anderen Völkern der Fall ist, und kommt zu dem Ergebnisse, dass es im wesentlichen nicht die Besitzenden allein sind, „denen es gegönnt ist, die kulturelle Vorsehung des jüdischen Volkes zu spielen", sondern dass an der Verkümmerung der innerlichsten Kulturgüter der Nation die assimilatorische Intelligenz die Mitschuld trägt. Mathias Acher hofft, dass durch eine Verlegung des Schwerpunktes des jüdischen Volkes aus den bürgerlichen Kreisen in die arbeitsproletarischen einer nationalen Kulturentwicklung der Weg frei werden wird. Das eben auf der Tagesordnung stehende Thema der jüdischen Statistik erfährt in Leo Mozkins „Jüdische Statistik und Zionismus" eine gründliche Untersuchung. Er teilt die Statistiker in Abwehr-, Wohltät%keits-, Klassenkampf-, konfessionelle und nationale Statistiker und fordert universelle jüdisch-statistische Arbeit unter der Aegide und Führung des Zionismus, der am ehesten imstande sei, eine von allen Sonderbestrebungen gereinigte, dem Volke als solchem geltende Statistik zu schaffen. Davis Trtetsch führt mit seinem Auffatze „Der jüdische Orient" in eine politisch-zionistische Frage hinein, die er als Erster aufgerollt hat und mit seinen sachlichen Argumenten beherrscht. Er spricht einem grösseren Palästina das Wort als der „Basis und Voraussetzung jenes grösseren Zionismus, der nicht Partei sein, sondern das Judentum in seiner Ganzheit umfassen will". Von den übrigen Essays sind, ebenfalls in der Reihenfolge, wie sie das Buch bringt, zu erwähnen: Leon Kellners stimmungsvolle Skizze „Israel unter den Völkern", Dr. David Neumarks tief durchdachter Aufsatz „Weltkultur und Nationalkultur", Egon Lederers „Erde", Hermann Münzers „Wir Phantasten", Salamon Schillers anregungsreiche „Betrachtungen zu den Fragen unserer Kulturarbeit", Dr. Osias interessanter Artikel „Das Problem der jüdischen Wissenschaft", Dr. Alfred Nossigs „Der grosse Sanhedrin" und schliesslich Alfred Golds überaus feinsinnige psychologische Studie „Eine Schauspielerin". Dr. Bernhard Fuchs, # DIE DICHTUNG. Wie einem, der seiner Heimat lange entfremdet geblieben und nun die alten lieben Stätten wieder grüssen darf, so war es mir zumute, als ich dieses Buch aus der Hand legte. Die alten Stätten und die wieder vertraut gewordenen Menschen, die lange keinen Kürider ihres Kummers, ihrer harten Lebensprobleme gefunden. Dieses Buch tritt als Liebeswerber auf, wie aus dem Dunkel ertönen hier Stimmen, noch zaghaft, gedämpft und voll von Tränen, und eine Poesie, bodenständig wie kaum eine andere und die fast einzige, die für die europäische Literatur ein Neuland bedeutet. Denn die hauptsächliche Bedeutung dieses Sammelwerkes besteht darin, dass es, mehr als eine sonstige periodische Zeitschrift es vermag, die neuhebräischen und dialekt-jüdisehen Dichter in ihrer charakteristischen Eigenart vorführt und dadurch gleichsam einen Einblick in dieses grosse und ergreifende Schauspiel gewährt, wie ein Volk von einer seltsamen Entwicklung und einer fast monomanen Geistesriehtung entartet, erstarrt und steril geworden, plötzlich erwacht, seine Kräfte mobilisiert und wieder zur Produktivität gelangt. Durch Jahrhunderte waren die Juden des Ostens m ihrem engen Ghetto wie in einen tiefen Traum versunken gewesen, waren sie die starren Hüter alten Wissens und alter Werte, zäh und doch lebensfeindlich, unsterblich wie Ahasver und voll Todessehnsucht wie er. Sie hatten keine Lieder mehr, sie, die die Psalmen und das hohe Lied gedichtet, keine Schönheit, sie, die der Völker Phantasie befruchtet, dieses Volk der herrlichen Träume und glühenden Sinnlichkeit, der Sagen und Epopöen. Diese Hüter der Tradition blieben in ihrer düstern Tragik stumm und wie versteinert gleich jenen Heiligen der byzantinischen Kunstwerke, und es konnte lange der Glaube aufrechterhalten bleiben, sie allein wären die Väter jenes Weltschmerzes, der wie eine dunkle Wolke über das Abendland hinzog und dessen ganzes Geeistes- und Seelenleben tränkte. Lange gab es im Ghetto das Problem der Väter und Söhne, an dem diese sich verbluteten. Sie glichen Hamlet, diese Söhne der neuen Generation; wie er waren sie ihren Eltern entfremdet und wie er waren sie problematisch, ausgehöhlt von Reflexionen und Träumer von Taten, die sie nie vollbracht. Gefühle, Wünsche und Leidenschaften wurden, ewig zurückgedrängt und verhalten, zu pathologischen Entartungen. Die Glücklicheren schlössen sich an Fremde an, sogen fremde Kraft in sich und verrichteten Dienste fremden Kulturen. Aus ihnen entstammten die bisherigen Dichter des Ghetto, die Bernstein, Kompert und Franzos. Wie Entfremdete gingen sie durch seine Gassen, trugen fremde Kulturtendenzen und ihre nostalgifchen Empfindungen hinein, verfälschten und übermalten und schufen eine falsche Romantik und erfundene Humore. Und nun ist durch einen befruchtenden Gedanken ein Samenkorn in die jüdische Volksseele geworfen worden; die Augen sind wieder aufgeschlagen, die lange geschlossen waren. Die neue hebräische Literatur ist von der Polemik zu schöpferischer Kunst übergegangen, die jüdische Dialektpoesie von ihrer Niedrigkeit, und Verelendung zu ergreifender Schönheit und wundersamer Ausdrucksfähigkeit. Diese Dichter gleichen selbst dem Jüngling in der wundersam schönen Erzählung von Pinski „Das, Erwachen", der, in Himmelsträume und Sehnsucht verloren, plötzlich in den Bann irdischer Schönheit gerät. Wie ein holdes geliebtes Weib ist ihnen nun das Leben, und eine tiefe Ehrfurcht ist es, die sie für all seine Erscheinungen hegen. Und deshalb ist es oft das Kind, von dem sie mit ihren zart&iten Lauten sprechen. Diese Poesie, in einer Sprache, diennfcfchn%o schamhaft und noch so sehr Problem ist, sie ist zu jähej?3bleicher Schönheit emporgeblüht wie Pflanzen eines Treibhärafe&K [B&Ufet noch viel hange Angst in diesen Dichtern, bsai tffeiirga^etö&sbejahung. Sie haben das Scheue und Injo^siionaKä^eimmvfiOÖer Kindesseele fühlen sie sieh verwand};. 19^ffo^tgj5^ eigene, diese kindliche Zärtlichkeit in Pf^'s^P^^r^ ^n^ jsde