Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 51 (19.12.1902)
- Article
- Zionismus und Weltanschauung
- Date
- 1902-12-19
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3316011-3327087--36324-3327202- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seit» 4 „Die # Weif Nr. 51 Wir fürchten, dass die Unklarheit manchmal in den Köpfen gross gewesen ist. Schlagworte von sozialem, kulturellem, Kolonisations- und praktischem Zionismus kehren wieder und wieder. Die Vertreter sind nur zu oft lediglich von Gefühlsgründ^n geleitet, von ihrer überströmenden Begeisterung verführt und deshalb geneigt, dipj^nige Richtung zu betonen, die nach ihrer persönlichen Empfindung d^n nationalen Gedanken am fchärfsten zur Geltung bringt. Vertritt ein anderer einen abweichenden Standpunkt, so wird er mit Waffen bekämpft, die ebenfalls sehr häufig nicht aus dem Arsenal des Verstandes, sondern des Gefühles stammen. Der Kampf geht gegen die Person. Der Gegner wird aller möglichen hässlichen Charaktereigenschaften verdächtigt und womöglich von der Borniertheit als Opportunist, Abtrünniger gebrandmarkt. Jeder unseier geistigen Führer kann davon ein Lied «ingen I Wollen wir über diese Art von Politik hinausgelangen, so müssen wir das Grundprinzip unseres Strebens suchen. Will ein Volk zur Einheit gelangen, so muss der leitende Volksgedanke nach Möglichkeit gestärkt werden, damit er werbende Kraft erhält. Unsere erste Aufgabe wäre also eine geordnete Volkserziehung. Dazu ist erforderlich, dass in allen Agitationsvorträgen das Wesen unseres nationalen Empfindens klargelegt, der Unterschied von nationalem und Wohltätigkeits-Zionismus präzisiert und auf die jüdische Eigenart hingewiesen wird. Aber man darf sich nicht damit begnügen, den Nationalismus als solchen zu begründen, vielmehr muss sein besonderer Charakter, sein Verhältnis zur Menschheitsidee dargelegt und gezeigt werden, wie sich beide vereinen. Ein guter Agitator hat bei uns geradezu eine Kulturaufgabe. Dem Takte des Betreffenden muss natürlich überlassen bleiben, wie er seine Worte wählt, um eine vielleicht bisher ganz der Assimilation huldigende Menge nicht direkt fortzuscheuchen. Schliesslich muss man sich auch an Ideen a 11 m ä-h 1 i c h gewöhnen. Weitere Mittel der Volkserziehung sin d die Geschichts¬ und Lit^raturvorträge, besonders die ersteren; denn unsere eigene Literatur ist bisher noch in den Kinderschuhen, Auch hier ist Rücksicht darauf zu nehmen, dass man nicht nur Daten gibt, nicht durch nur Schilderung von Leiden zu rühren sucht, sondern das Geistesleben der Ghettobewohner und die Einflüsse, die ihr Denken bestimmten, betont. Und vor allem sollte man, soweit sich das irgend mit den Ueberz^uaungen des einzelnen verträgt, das Verständnis des religiösen Judentums fördern. Gewiss sollen wir nicht alle orthodox werden. Aber die jüdische Religion ist ein Teil unserer selbst Sie ist durchsetzt mit nationalem Empfinden, mit nationalen Festtagen und nirgends hat der nationaljüdische Gedanke so prägnanten Ausdruck gefunden, nirgends tritt er mit solcher Reinheit hervor, wie in unseren heiligen Schriften. Zur Begründung des Zionismus ist aber die Religion ganz unentbehrlich. Wer das leugnet, setzt sich mit dem Volksgedanken und jahrtausendealten Volksgefühlen in Widerspruch. Demzufolge ist zwar dem einzelnen unbedingte Freiheit des Denkens und Handelns zu sichern, aber den Forderungen von religiöser Seite die weitgehendste Berücksichtigung zu widmen/vor allem darf sich nie und nirgends eine zionistische Kundgebung gegen die Religion und ihre Grundlagen richten. Dagegen verlangen wir, dass nichts Unbilliges gefordert, nicht das Programm angegriffen wird. Handelten wir anders, so begingen wir eine verhängnisvolle Inkonsequenz. Zuerst kommt also die geistige Volkserziehung — da wo sie wirklich möglich ist. In Deutschland, Frankreich, England muss man sehr vorsichtig vorgehen. Denn den indolenten Zuhörermassen fehlt mei6t für einen derartigen Gedankengang noch das Verständnis, es muss erst geweckt werden. Gleichwertig mit der Aufgabe der geistigen Volkserziehung ist natürlich die des Körpers und der sozialen Hebung — so wird ja das Volk erst in die Lage versetzt, zu kämpfen. Auch in der inneren Politik wird der Gedanke festgehalten werden müssen, wenn wir dereinst die Heimat erreicht haben. Eine verständige Leitung wird darauf hinzuwirken haben, dass die grosse soziale Gesetzgebung der Bibel tunlichste Anwendung findet, dass jede Regung der Exklusivität vermieden und etwaiger Chauvinismus in der Wurzel erstickt wird. Aber das ist Zukunftsmusik. Einstweilen darf es im Zionismus keine Einseitigkeit geben nach rechts oder links, keinen ausschliesslich kulturellen oder sozialen Zionismus, sondern wir müssen das Gute von beiden nehmen für einen Zionismus der Volkserziehung, der Erziehung zum nationalen Empfinden. Dr. Friedemann. Der Jüdische Almanach. Priesterhände, mit den Daunienspützen gegeneinandergehalten, Priesterhände mit künstlich nach uralter Vorschrift gespreizten Fingern, erheben sich auf dem Hintergrund kreisuinränderter Davidsschilder: der originelle Schmuck, den E. M. Lilien der Einbanddecke und der Titelseite des kürzlich erschienenen Jüdischen Almanachs (Jüdischer Verlag, Berlin) gegeben hat. Diese Priesterhände segnen ein Werk, das von hoher Begeisterung geschaffen wurde. Es darf ruhig gesagt werden, dass das moderne Judentum kein Buch wie dieses hervorgebracht hat. Beseelt von reinster Kunstliebe, der das Beste gerade noch gut genug für das Volk ist. In dem Buch, das uns zur Besprechung vorliegt, ist die Ausstattung von der ersten bis zur letzten Seite auf der Höhe des Geschmackes. Der Jüdische Almanach ist aber mehr als ein blosses Kunstwerk, er ist eine Tat. Was jung und triebkräftig ist im Judentum unserer Zeit, hat Berthold F e i w e 1 s geschickte Redaktion hier vereinigt zu einer grandiosen Gesamtleistung, die eine Bereicherung des nationalen Vermögens und die Stiftung eines ideellen Nationalfonds darstellt, der noch ungeheure Zinsen tragen wird. Wir finden hier Namen von Klang und Bedeutung, deren Träger schon längst in unseren Reihen standen. Zu ihnen haben sich Namen gesellt, die in fremden Geltungsbezirken erworben wurden, und manch einer hat mit eünem kleinen Kinderlled schüchtern um die Freude geworben, als jüdisches Kind zu seinen Brüdern heimkehren zu dürfen. Das Erfreulichste aber dieses Buches ist die Fülle junger Talente, denen es Heimstätte gab: die sich noch versuchenden Stimmen, die das Lied der Zukunft singen werden. * DIE ESSAYS. Das Buch ist reich an formschönen und gedankentiefen Essays, von denen wir, ohne eine Rangordnung der Autoren zu fixieren, einige hervorheben wollen. Martin Buber gibt in einer Sprache, die an Emerson erinnert, seine Gedanken über „die Schaffenden, das- Volk und die Bewegung". Nachdem er in feinster Unterscheidung die Schaffenden von den Intellektuellen und den Künstlern gesondert, weist