Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 51 (19.12.1902)
- Article
- Ein russischer Priester über den Zionismus
- Date
- 1902-12-19
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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ffr. 51 *Die # Welt" Seite 3 die Judenschaffc aus eigener Erfahrung. Während meiner Reisen im Auslande schloss ich Bekanntschaft mit reichen und armen Juden, trat in nähere Beziehungen zu ihnen und bekundete Interesse für ihr Leben. Als Antwort auf mein einfach menschliches Verhalten wurde mir nur Güte, Aufrichtigkeit und Wahrheit entgegengebracht. Ich besuchte aber auch das jüdische Niederlassungsgebiet in Russland und lernte auch die russische Judenschaft genau kennen. Das jüdische Proletariat, die Handwerker und alle das Volk bildenden Elemente sind sympathische, redliche, arbeitsliebende und bescheidene Menschen, die überall nur die besten Gefühle wecken. Trotz ihrer Unbildung sind sie nicht unwissend. Im Gegenteile: sie verblüffen durch ihre hohe Intelligenz, durch ihre hohe Fähigkeit, höhere Kultur aufzunehmen. Und diese guten, aber armen und unglücklichen Menschen werden der ganzen Schwere von Krawallen und Drangsalierungen unterworfen .. .* Während Priester P e t r o w dem jüdischen Volke ein so glänzendes Zeugnis ausstellt, fällt er über die moderne jüdische Intelligenz, welche in der Abtrünnigkeit von ihrem \Aolke ihr Heil zu finden glaubt, ein abfälliges Urteil Die Lage der Dinge musste naturnotwendig, wie Priester Petrow meint, eine Bewegung hervorrufen, welche den Juden einen Ausweg aus der unerträglichen Lage verheisst Die zionistische Bewegung ist somit nicht nur existenzberechtigt, sondern sogar eine unumgängliche Notwendigkeit. Allein Priester Petrow glaubt an die praktische Verwirklichung des Zionismus nicht. Diesen seinen Unglauben begründet er mit folgenden Argumenten, deren Unstichhältigkeit aber jedermann klar sein dürfte. Er sagte wörtlich : „Die Teilnehmer der ersten Kreuzzüge schilderten anfangs Palästina als irdisches Paradies, nach drei oder vier Zügen aber wurde dieses Land in eine Wüste verwandelt. Anderseits aber ist an die Verwirklichung des Zionismus deshalb schwer zu glauben, weil die Juden dem Lande sehr anhänglich sind, in dem sie leben. Die deutschen Juden lieben Deutschland, die englischen England, die französischen Frankreich u. s. w„ Sogar die jüdischen Emigranten aus Russland hören in Amerika nicht auf, in Worten tiefster Liebe mit tränenvollen Auges ihres früheren Vaterlandes zu gedenken. Sie wenden deshalb alle Mittel an, um einem Russen, der nach Amerika geworfen wurde, zu helfen und behilflich zu sein. Kann man deshalb annehmen, dass bei dieser Vaterlandsliebe der Juden die Bewegung nach Palästina mehr oder weniger umfangreiche Dimensionen annehmen werde? Einen ganz anderen Wert hat der Zionismus in moralischer Hinsicht. Und in diesem Sinne gibt es für das jungegJudentum keine würdigere Aufgabe, als es der Zionismus ist. Diese Ausführungen des in Russland allgemein verehrten russischen Priesters bieten doppeltes Interesse. Erstens beweisen sie noch zum Ueberüusse, dass der Zionismus in Russland alle ernsten nichtjüdischen Kreise ernstlich beschäftigt, und zwar als ein Problem, das berufen ist, einem ganzen Volke Wiedergeburt und Freiheit zu geben. Zweitens sprechen sie dafür, dass sogar die Einwendungen gegen den Zionismus, welche von ernsten Kreisen gemacht werden, nichts sind als nur vermeintliche Hindernisse, welche bei der leisesten Berührung mit der Wirklichkeit verschwinden. Was zur Zeit der Kreuzzüge der Fall war, muss sich in der Gegenwart nicht ereignen. Die neuesten Forschungen haben den Wert Palästinas als Kolonisationsland längst ausser Zweifel gestellt. Aber auch das zweite Argument des ehrenwerten Priesters Petrow ist unstichhältig. Wohl steht die Vaterlandsliebe der Juden ausser Zweifel, aber dies dürfte sie doch nicht hindern, eine eigene Heimstätte zu begründen, wo sie den Drangsalierungen entzogen sein werden, deren Vorhandensein Priester Petrow selbst zugibt. Und auch in der moralischen Kraft des Zionismus liegt ein praktischer Erfolg. Zionismus und Weltanschauung. ii. „Diese unsere Art, die Dinge zu betrachten, darf man nicht transzendental nennen. Dieses „Hinaussdenken" über die Gegenwart kommt wohl daher, dass wir verlernt haben, mit dem Augenblick zu rechnen. Zu jenen Zeiten, in denen es unmöglich war, die gegenwärtige Lage zu verbessern, haben wir uns mit Zukunftsidealen gefüttert und so über den Hunger nach Gegenwartsarbeit so lange hinweggetäuscht, bis wir den Sinn dafür verloren haben. So haben wir mit allen Schwachen gemeinsam das In-die-Ferne-Schweifei^ wo das Gute nahe liegt. Das ist Däcadence." Diese Worte schrieb mir ein lieber Gesinnungsgenosse, nachdem er den ersten meiner Aufsätze über obiges Thema gelesen hatte, Ist dieser Einwurf wirklich berechtigt? Mit den sogenannten erworbenen Eigenschaften ist es eine missliche Sache. Es muss gewöhnlich bei der Behauptung verbleiben, dass eine Eigenschaft vererbt worden ist, denn ein exakter Beweis ist da unmöglich. Aber im vorliegenden Falle haben wir doch einen Anhalt für die Beurteilung: nämlich die Betrachtung der Zeit, bevor wir im Golus waren. Und da sehen wir genau dieselben Charakterzüge, die jetzt, sehr mit Unrecht, als dekadent bezeichnet werden. Moses, die Propheten, die ganze Bibel zeigt uns, dass unser Volk anders dachte als die anderen Nationen, selbst als alle anderen Semiten. Wir waren kein Volk von Händlern oder Handwerkern, kein eroberungslustiger Stamm und kein Gelehrtenvolk. Das ganze öffentliche Leben wurde ausgefüllt vom Denken über Zeit und Ewigkeit, über Gott und Welt, Ethik und soziale Ideen. Aber dekadent sind doch die Zeitgenossen des Elias und der Makkabäer nicht gewesen. Und das Ghetto rettete sich aus trauriger Gegenwart nicht in die Zukunft, nein, in die Vergangenheit. Hainaus Tod und der Auszug aus Egypten erweckten Glücksgefühle. Es wäre auch psychologisch unbegreiflich, dass ein Elender, Gedrückter allgemeine Menschheitsideen entwickeln sollte, um sich vor sich selbst zu retten. Gerade wer leidet, beschäftigt sich mit sich selbst und wenn wir heute, obwohl National juden, doch bereits wieder an die Allgemeinheit denken und unserem Nationalismus die altjüdisch-kosmopolitische Bichtung geben können, so beweist das wiedererwachte seelische Stärke, nicht Schwäche. Wir sollen wohl an uns, aber nicht nur an uns denken. Das führt zum Chauvinismus und dieser Entwicklungsgang sollte von allen Einsichtigen rechtzeitig bekämpft werden. Wenn also die national-jüdische Idee die erwähnte eigenartige Richtung zeigt, so ergibt sich von selbst der Weg, den unsere Politik befolgen muss, um mit dem Volksgedanken in Einklang zu bleiben und ihn seiner höchsten Entwicklung zuzuführen. Das Wesen einer guten Politik besteht darin, dasff man nach einem aus inneren Erwägungen sich ergebenden Grundprinzip verfährt und dieses durchführt, ohne die realen Verhältnisse ausseracht zu lassen. Wir lesen in Bismarcks Erinnerungen, Seite 166, die Worte Gerlachs: „Mir ist das Aufsuchen des Prinzipes gerade deshalb von der grössten Wichtigkeit, weil ich, ohne ein solches gefunden zu haben, alle politischen Kombinationen für fehlerhaft, unsicher und in hohem Grade gefährlich halte.r Von welchem Grundprinzip war nun unsere Politik geleitet?