Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Article
- Wien / B. T.
- Date
- 1902-12-12
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3316010--36220-3327021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 „Die Welt* <m so die in deutscher Uebertragung von Herrn Hu b er geradezu meisterhaft gelesen wurde, bedeutete wohl den Höhepunkt der Feier. Eine von stud. techn. O. Ro sen b 1 a tt vorgelesene Jargonskizze zeigte Brau des als gemütvollen Satiriker und Humoristen. Unter den Anwesenden befand sich auch die Witwe des verstorbenen Schriftstellers. Wir erfüllen eine dieser Frau schuldige Pflicht, wenn wir sagen, dass sie diejenige war, die einige Helligkeit in das trübe Düster von Brau des* letzten Lebensjahren brachte, dass sie wohl der einzige Mensch war, an dem Brau des, der Haltlose, eine moralische Stütze fand. B. T. Deutschland. Deutscher Brief. Die „ Allgemeine Zeitung des Judentums" und überhaupt alle deutschen Assimilationsorgane geben ihrer Entrüstung Ausdruck, dass bei den Gemeindewahlen in der Provinz Posen die Deutschen die Mithilfe der Juden zur Germanisierung zurückgewiesen und sich lieber mit den Polen gegen die Juden verständigt haben. Sie schreien über Ungesetzlichkeit, weil in Mannheim die von der Handelskammer präsentierte Liste der Handelsrichter zurückgewiesen wurde, weil die Liste nicht judenrein war, sie protestieren .... Mein Gott, ihr ganzer Inhalt ist nichts wie ein in den Wind gesprochener Protest. Und in dieser für das Judentum und die Juden so ernsten und schweren Zeit weiss die „Allgemeine Zeitung des Judentums" keinen würdigeren Gegenstand der Feier, als den Dichter Wilhelm Hauff, den Autor des von gediegenem Judenhass erfüllten „Jmd Süss". Aber er war ein deutscher Dichter .... Schweiz. Zum Bericht über die letzte zionistische Jahreskonferenz. Das Schweizer Laodes-Komitee teilt uns mit: Im Referate über den Stand der Bewegung ist der Passus enthalten: „Die Erfolge des Zionismus in der Schweiz sind hauptsächlich der Propaganda der eingewanderten Studentenschaft zu verdanken." Dieser Passus wird von dem Landes-Komitee als unberechtigte Zurücksetzung empfunden und es werden verschiedene Tatsachen als Gegenbeweise für letztere angeführt. Tatsächlich ist die Redaktion der „Welt" in der Lage, sowohl aus den Einlaufen von Vereinsberichten, als auch aus den Nachrichten ihrer Korrespondenten zu konstatieren, dass die Tätigkeit unserer geschätzten offiziellen Vertreter in der Schweiz eine sehr rührige und dankenswerte ist. Wir ersuchen die Herren, diese Erklärung als Genugtuung zu nehmen und ihre bewährte Tatkraft wie bisher fortwirken zu lassen. Der oben angeführte Passus soll aber keinen Gegensatz schaffen. Unsere Einigkeit ist unsere Stärke und jeder Zionist, das wissen wir, setzt sein Bestes daran für unsere grosse Sache. Personalnachrichten. Arthur Gundaccar Freiherr v. Suttner. Arthur Gundaccar Freiherr v. Suttner, der Gemal der Baronin Bertha Suttner und ihr eifriger Mitarbeiter an dem grossen Werke der Friedensbewegung, ist heute mittags um 1 Uhr auf Schloss Harmannsdorf in Nieder Österreich gestorben. Die zahlreichen Freunde, welche sich das Ehepaar in allen Ländern Europas gewonnen, werden gewiss mit Bedauern die Kunde hiervon vernehmen. Baron Suttner stand im 53. Lebensjahre, war aber schon seit längerer Zeit leidend. Im Jahre 1876 hatte er sich mit Komtesse Bertha Kinsky vermählt; das junge Paar begab sich bald darauf nach dem russischen Kaukasien und liess sich auf einem Gute bei Tiüis nieder, um sich dort einen eigenen Herd zu gründen. Durch die gemeinsamen Erfahrungen in dem fernen Lande, unter einem fremden Volke, fühlten sich beide bald gedrängt, die von ihnen gewonnenen Eindrücke und Beobachtungen literarisch zu verwerten. Baron Suttner, der umfassende Sprachkenntnisse besass, schrieb für zahlreiche europäische Blätter und war während des russisch-türkischen Krieges im Jahre 1877 auch als Korrespondent für die „Neue Freie Presse" tätig. Die Stoffe mehrerer Romane und Novellen, die er während der Achtziger-Jahre schrieb, sind dem Volksleben und der Geschichte des Kaukasus entnommen. Seine Feuilletons aus dem Kaukasus gab er 1885 gesammelt heraus. Alle diese Werke zeichnen sich durch die ungemeine Lebendigkeit und Naturtreue der Darstellung aus. Im Jahre 1886 kehrte das Ehepaar nach Wien zurück. Baron Suttner wendete sich nun einem anderen literarischen Gebiete zu und schrieb im Laufe der Neunziger-Jahre eine Reihe sozialer Romane, in denen er die charakteristischen Gestalten und Zustände der aristokratischen Gesellschaft in Oesterreich als scharfer Beobachter und Beurteiler schilderte. Baron Suttner war ein durchaus freisinniger Mann, der sich von allen gesellschaftlichen Vorurteilen und überlebten Traditionen vollkommen losgelöst hatte, ein Kosmopolit, der immer nur die gemeinsamen Kulturinteressen und fortschrittlichen Ideen im Auge hatte und ein unerschrockener Streiter in dem sozialen Kampfe für Gleichberechtigung und Freiheit der Ueberzeugung. Der ausgezeichnete Mann war «in guter Freund unserer Bewegung und schrieb in früheren Jahren für unser Blatt. * In Paris starb im Alter von nur 32 Jahren der Romancier und Kunstkritiker Lucien Mühlfeld, ein vielversprechendes und bereits anerkanntes Talent. Uebertritt zum Katholizismus. In Turin erregt die besonders feierliche Taufe des bekannten jüdischen Arztes Professor Pescarola Aufsehen. Das Herzogspaar von A o s t a hatte die Patenschaft übernommen. TOdt-iSbroilllt. Die Zahl der Juden in Italien. Darüber werden jetzt genaue statistische Angaben veröffentlicht. Es leben in Italien gegenwärtig 43.550 Juden in 73 Orten verteilt. 1950 Juden leben in 39 Zweiggemeinden tfon 20—100 Seelen; weitere 3610 Juden bilden 16 Gemeinden von 100—500 Seelen. 5 jüdische Gemeinden mit zusammen 4260 Seelen zählen zwischen 500—1000 Mitglieder und endlich wohnen über 3200 Juden in 14 Gemeinden mit über 1000 Seelen. Von diesen weisen die Städte Mantua, Modena und Neapel je rund 1000 Seelen auf; Padua zählt 1050, Ancona 1700, Ferrara 1740, Mailand 1680 und Florenz 2100 Juden. Die vier Städte Livorno, Venedig, Turin und Eom haben über 3000 Juden in ihren Mauern, und zwar Venedig 3800, Livorno 4050, Turin 4300 und Rom 7800. Zirka 1500 Juden wohnen vereinzelt über Italien zerstreut. Assimilationsblüten. Herr Dr. Adolf B r ü 11, Religionslehrer aus Frankfurt a. M., hielt am 19. November zu Stuttgart im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" einen Vortrag über „Mischehen im Lichte der Geschichte und Wissenschaft". Das Resultat seines Vortrages ist: „Die Mischehen sind nach Bibel, Talmud und der neuen Theologie erlaubt!" Besorgte Wohlthäter. Wiener Blätter melden: In der gestrigen Gemeinderats-Sitzung wurden eine Reihe von Spenden an die Armen Wiens zur Kenntnis gebracht. Eine in Bayern verstorbene Gräfin Franziska Kudrasy von Czikszentkiraly, geborene Hawlawetz, vermachte den Armen Wiens 160.000 Kronen, doch übernimmt die Stadt die Verpflichtung, Herrn Franz Hawlawetz jährlich 4800 Kronen auszubezahlen. Dann heisst es weiter im Testamente der Gräfin: „Sollte mein Neffe zur mosaischen Religion übertreten, so hat jede Subvention aufzuhören." ... Noch niedlicher hört sich die Bestimmung an, die das kürzlich verstorbene Fräulein Feyerfeil, gewesene Kammerfrau der Fürstin.P aulin e M et tern i ch, in ihr Testament aufgenommen hat, wonach 18.000 Gulden angelegt und als Legat an »arme Waisenkinder im Alter von 12 Jahren, o h n e U n t e r schied der Konfession*, aber „mit alleiniger Ausnahme der Judenkinder verteilt werden sollen". Also » bedingungslose Humanität mit Ausnahmen. Ein historischer Fund (York, England). Einen historisch interessanten Fund machten jüngst Arbeiter beim alten Brunnen am Clifford-Turme zu York. Es handelt sich, wie die „Yorkshire Post" bemerkt, um einen reichen Juwelenschatz, der sicherlich von einigen der 500 Juden, die von dem Mob zuzeiten der Regierung Richard I. (Löwenherz) in York Gastie belagert wurden, von sich geworfen wurden. In den Annalen der englischen Geschichte bilden die Judenverfolgungen, besonders jene am Ende des 12. Jahrhunderts und die obige in York, wo die armen Opfer zunächst ihren Frauen und Kindern die Hälse durchschnitten, um sich dann gegenseitig umzubringen, um dem raubgierigen Pöbel zu entgehen, eine unverlöschliche Erinnerung. Tribüne. An die zionistische Studentenschaft Wiens! Das innerösterreichische Distrikts-Komitee fühlt sich verpflichtet, der gesamten zionistischen Studentenschaft Wiens, insbesondere aber den wohlhonorigen Verbindungen und löblichen Vereinen, für ihre wackere Mithilfe bei denl