Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Article
- Pariser Brief
- Date
- 1902-12-12
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3316010-3326907--36207-3327020- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 50 Die # Welt" $eite7 schlössen, einen Abwehr-Verein gegen den Antisemitismus unter dem Titel „Comitä de laD^fensö eontre 1*Antisemitisine" zu bilden. Derselbe wird natürlich ebensowenig ausrichten, wie die deutschen und österreichischen gleichartigen Vereine. Für ein noch bedeutsameres Streiflicht und Symptom halfen wir aber einen inneren Vorgang in der jüdischen Gemeinde: Seit Jahren oder vielleicht noch niemals hat es einen Kampf bei den. Wahlen ins Konsistorium, den Kultusvorstand von Paris, gegeben. Die nach dem Abusus von dem amtierenden Vorstande nominierten Kandidaten wurden von den wenigen zur Wahl schreitenden „Korreligionären" meist einstimmig gewählt. Heuer aber entspann sich ein Wahlkampf für ein freigewordenes Mandat. Das zeugt von dem für das Judentum lebendiger gewordenen Interesse. Dem „offiziellen" Kandidaten Mr. Rene" Dreyfus, Advokaten beim Appellationsgerichtshof, standen 3 Gegenkandidaten gegenüber: Mr. Eliezer Lambert, ebenfalls Advokat, aber zugleich diplomierter Eabbiner; Mr. Naftalie L e* v y, Präsident der Gesellschaft für Talmudisten, und als Kandidat der Zionisten Major Bloch, Vizepräsident der jüdischen Volk?hochschule. Um eine Stimmenzersplitterung zu vermeiden, traten knapp vor der Wahl die beiden letzten Kandidaten zugunsten Lamberts zurück. Natürlich wurde Dreyfus gewählt. Natürlich, weil er der Neffe des Chefs des Hauses Rothschild ist. Aber seine Majorität betrug nur 18 (!) Stimmen. (Dreyfus erhielt 868, Lambert 828 Stimmen, während drei Stimmen zersplittert waren.) 500 neue Wähler hatten ihr Wahlrecht reklamiert und — ganz ungewohnte Erscheinungen —- Wahlversammlungen und Agitationen fanden statt. Kurzum, es ist Leben in die bisher todesstarre Gemeinde gekommen und das» gibt Hoffnung auf Gesundung derselben, o. Korrespondenzen und Telegramme. Russland« Warschau. Die „Welt" hat bereits die Mitteilung russischer Blätter verzeichnet, wonach der in Moskau tagende allrussische Volksschullehrer-Kongress das Gesuch der jüdischen Lehrer umZulassune zur Teilnahme an dem Kongresse zurückgewiesen hat, und zwar unter Hinweis darauf, dass Juden der Aufenthalt in Moskau nicht gestattet ist. Die jüdischen Lehrer-Vereine in Warschau, Lodz, Grodno und anderer Städte des Weichselgebietes haben in ihren jüngst abgehaltenen Sitzungen besohlossen, Delegierte nach Moskau zu entsenden, um dem Lehrer- Kongress über die Lage der jüdischen Lehrer in Russland Berieht zu erstatten urd um die Zulassung der jüdischen Delegierten zur Teilnahme an den Verhandlungen des Kongresses zu ersuchen. Von diesen Beschlüssen erhielt das Ministerium des Innern Kenntnis, das sich, wie der „Warschawskij Dnewnik" meldet, beeilte, den jüdischen Lehrer-Vereinen mitzuteilen, dass die jüdischen Delegierten zuerst die Erlaubnis des Ministeriums zur Reise nach Moskau erwirken müssen, um erst dann über die Frage der Teilnahme an dem Kongresse beraten zu können . . . Während aber das Ministerium die Gesuche der jüdischen Lehrer in Erwägung ziehen wird, wird der Moskauer Lehrer- Kongress seine Sitzungen geschlossen haben . . ♦ * Libau. Der „Libawskij Wjestnik" (Libauer Bote) meldet: Bei der heuer stattgefundenen Rekrutenaushebung in Libau wurden von den jüdischen Militärpflichtieren fünfundzwanzig als untauglich befunden und demgemäss freigelassen. Die kurländische Gouvernements-Kommission in Webrpfliohtangelegenheiten ordnete zwei Monate nach der stattgefundenen Rekrutenaushebung die neuerliche Vorführung der befreiten Juden an, um sie unter Polizeiaufsicht nach Mitau zur nochmaligen Stellung bringen zu lassen . . . .* Hornel. Die im Nordwestgebiete Rusplands neu eingeführten Landpolizeichefs bereisen in letzter ZAt sehr eifrig die ihnen unterstehenden Distrikte, um über die Stimmung der Bauern Näheres zu erfahren. Der Polizeichef von Hornel begegnete auf seiner Reise durch die Kleinstädte des Bezirkes einer Gruppe von Juden, die bei Verwandten in einer dieser Städte zu Besuch weilten. Die Juden kannten den Landespolizeichef nicht, so dass sie an ihm vorübergingen, ohn* ihm Beachtung zu schenken. Der Polizeichef liess d**n Wagen halten und sagt«*, wie der „Sewero Sapadny Kurjer" meldet, den Juden folgendes: „Ihr habt vor mir den Hut nicht gelüftet. Mi kann euch sofort einsperren oder per Schub in eure Heimat schicken, weil von euch Juden gefordert wir-i, dass ihr den Christen mit gutem Beispiele vorangehen müsst." * Odessa. In Odessa gastiert gegenwärtig eine jüdische Truppe unter d^r Leitung des Herrn Sobsaj, welche im Neuen Tneater jüdische Operetten und Lustspiele zur Darstellung bringt. Grosse Begeisterung rufen beim jüdischen Publikum die Theaterstücke „Sulaniith" und „Bar Kochba" hervor, welche bekanntlich Sujets aus unserer Geschichte behandeln. * Kischinew. Ein soeben publiziertes Telegramm der »Nowoje Wremja" aus Kischinew meldet eine neue Beschränkung der Handeisrechte der Juden in Bessarabien« welche für die ökonomische Lage unserer Brüder in diesem Gebiete verhängnisvoll ist Das im Auftrage des Zaren eingesetzte Komitee zur Beratung über die Notlage der landwirtschaftlichen Iodustrie hat in seiner Sitzung vom 6. Dezember den einstimmigen Beschluss gefasst, den Juden den Ankauf landwirtschaftlicher Produkte in den Dörfern Bessarabiens und den Verkauf von Wein auf dem flachen Lande bedingungslos zu untersagen. Ueber die Frage der Pachtung von Grund und Bo,den durch die Juden wird das Komitee am 23. d. beraten und es unterliegt keinem Zweifel, dass auch diese Frage zu Ungunsten der Juden gelöst werden wird. Aber die bereits beschlossenen Verbote sind nur geeignet, den stark erschütterten ökonomischen Wohlstand der jüdischen Bevölkerung von Bessarabien gänzlich zu untergraben. Gt. Oesterreich-Ungarn. Wien. Die Gedenkfeier für den verstorbenen Schriftsteller Rüben Ascher Brau des, die am 30. November im Festsale des „Hotel Central" vor einem sehr zahlreichen Publikum abgehalten wurde, verlief in überaus würdiger Weise. Die Feier wurde durch Herrn phil. Martin Bub er eröffnet. Er wies darauf hin, dass wir in ßraudes nicht bloss den hebräischen Romancier und Jargon-Schriftsteller, nicht bloss den Mitbegründer der nationalen Idee feiern, sondern auch in ihm den jüdischen Bohemien zu sehen haben, d. h. den Typus des mit der Not des Lebens ringenden und zumeist der Not erliegenden jüdischen Künstlers. Vielleicht wird man finden, dass mit der Prägung „jüdischer Bohemien", Jüdische Boheme" die besondere Art dieses Schriftstellers nicht in allem zutreffend gekennzeichnet ist. Aber das gemeine Elend, die mit der Vorstellung des Bohemien sich verbindet, trifft leider nur zu sehr in dem Fall Brau des zu. Wer diesen Menschen in seinen letzten Lebensjahren gesehen hat, wer gewusst hat, dass über dem Haupte dieser fast in jedem Betracht herabgekommenen Gestalt goldene Strahlen des Genies leuchteten — als Erinnerung karg und spärlich wie Spätherbstsonne leuchteten, aber nicht mehr wärmten — der kann nur mit tiefster Ergriffenheit an das Geschick denken, das sich am Dichter Brau des vollzog. Und Töne dieser Ergriffenheit hörten wir heraus aus den Worten, die die Redner des Abends unserem Brau des nachgerufen. Ja, bekennen wir es nur: er war nicht unser, er ward es erst durch diesen Abend an diesem Abend. Mögen doch diejenigen, die sich durch einige allzuscharfe, im Grunde aufrichtige und mutige Wendungen in der Rede des Dr. Bernhard Fuchs getroffen fühlten — mögen diejenigen sich nicht allzu viele Gewissensbisse machen; wir traeren alle, alle, die wir ihn kannten, einen Teil der Schuld auf unserem Gewissen, ihm gegenüoer. Ein Teilchen dieser Schuld können wir nunmehr auf dem Wege der Ehrung des Schriftstellers B r a u d e s tilgen. Und allein um diese Ehrung war es uns an diesem Abend zu tun. Es war kein Zufall, dass das Persönliche und das rein Künstlerische auf zwei verschiedene Redner verteilt war, auf Dr. Fuchs das erstere, auf David R o th b 1 u m das zweite. Dort sollte das Herz sprechen, hier der Intellekt urteilen. Die Stimmung des Abends wurde nicht unwesentlich erhöht diurch den musikalisch-gesanglichen Teil, so durch hebräische Lieder, vorgetragen von einem Manner- und Knabenchor unter Leitung des Herrn Loubetzki, ferner durch Gesangsvortrag des Herrn Oberkantor O e<=terrei eher und einige wirkungsvolle Lieder von Frl. Nelli Türk. Die Skizze von Brau des »Ich bin Salomo",