Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Article
- Antisemitismus der Tat
- Date
- 1902-12-12
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3316010-3326905--36201-3327018- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 50 „Die & Weit" Seite 5 lebiges Schlagwort weniger Radaupolitiker, im Bellen weit grösser als im Beissen und in eiliger Flucht vor den Ideen des zwanzigsten Jahrhunderts. Augen zu, ihr Gläubigen dieses Wortes! Euer Glaube käme vielleicht ins Wanken, wenn ihr mit nüchternem Auge sehen würdet, wie alle Moderne der Unterklassen, der Mittelschulen und der Universität der „Reaktion" so verschwindend wenig Zukunftskadetten entzieht. Kann bei dieser Tatsache ein ernster Mensch annehmen, dass der Weg, den die Judenfeindschaft von den Rednertribünen ins praktische Leben genommen hat, ein kurzer sein wird? Geduldig hat der Jude die strenge Zweiteilung der bürgerlichen Gesellschaft zur Kenntnis genommen; geduldig hat er sich der Sperre der staatlichen Laufbahn für seine Söhne gefügt; geduldig hat er die Einschränkung seiner wirtschaftlichen Verhältnisse ertragen. Träumte er in seiner Unschuld doch immer, dass die Volksstimmung das plötzliche Ende einer Laune finden würde, wie ihn die jüdischen Offiziösen ja ohne Pause versicherten. In Oesterreich werden in allernächster Zeit ungezählte Tausende der Juden daran glauben müssen, dass der Traum vorüber ist. Alle freiheitliche Zuversicht der Juden, die für alle Fälle sicher sind, war eitel Trug. W^e immer^. hat der Antisemitismus hei der kahlen Armut seine Visitenkarte abgegeben. Die Volksstimmung machte Gesetze. Die Gesetze machten Bettler. Eines der Gesetze ist schon Tatsache. Die Reisenden und Agenten im ganzen Reiche werden mit unerhörten Quälereien verfolgt. Sie müssen gesund sein. Sie dürfen nicht abschreckend hässlich sein!!! (Das muess ihnen der Polizeiarzt von Zeit zu Zeit bestätigen.) Sie dürfen keine Privatkunden aufsuchen. Sie dürfen keine Ware mitführen. Das sind für Reisende vielleicht nur drückende Chikanen, das Heer der Privat-Agenten aber versammelte sich zu entsetzten Protesten — ihnen war die Lebensmöglichkeit abgeschnitten. All die tausende Vermittler zwischen Kaufmann und Käufer waren aufs Pflaster gesetzt. Monströs geradezu! Einer angeblichen sozialpolitischen Massregel fallTen gerade die Aermsten zum Opfer! Dieser Heldentat folgteine andere auf dem Fusse. Der traditionelle Träger fremden Mitleides und eigenen Hungers, der jüdische Hausierer, wird als Schädiger der Kaufmannswelt bezeichnet und unterdrückt. Jede Stadt hat das Recht, den Hausierhandel mit Zustimmung der politischen Behörde in ihrem Weiehbilde zu verbieten. Das Gesetz ist noch Vorlage, aber die Annahme tote Gewissheit. Merkwürdig! Kaum einmal ist das Wort „Jude" bei Beratung dieser beiden Gesetze gefalllen. Und doch antisemitisch? Wie anders kann man ein Gesetz nennen, dessen Pro-Redner die Matadore der antisemitischen Parteien waren, und dessen Folgen nebst sehr wenigen Ariern über 15 000 Juden getroffen haben? Die Massendemonstrationen gegen das Gesetz fanden in der Leopol dstadt, im Judenbezirke, statt. Was geschieht, und das ist sicher zu erwarten, denn seine Abgeordneten sind für das Gesetz besonders schneidig eingetreten, wenn Wien den Hausierhandel verbietet? Jedermann weiss, 3asis der tapfere Kampf, den so ein jüdischer Hausierer mit Spiegelehen, mit Messern und Zündhölzchen gegen den Hunger führt, das letzte Aufgebot seiner Kräfte bedeutet. Unter zehn von ihnen trifft man kaum einen, dem man die Fähigkeit zu anderer Arbeit zutrauen würde." Ihre erschreckende Zahl von fünfzehntausend, die sicher noch unterschätzt wird, ist eines der betrübendsten Kapitel westlicher Judennot. Rechnen wir im Durchschnitt, um ja nicht zu übertreiben, drei) Köpfe auf jede Familie dieser kleinsten Händler, so werden bei Inkrafttreten des Gesetzes 45 000 Menschen, d. i. 25 Perzent der Wiener Judenheit, dem Hunger preisgegeben!! Das allein in Wien. In den Sudetenländern wird der Brodneid der Dorfkrämer, der Antisemitismus der Gemeindeobersten viele tausende Existenzen aus ihrer Bahn werfen. Und Galizien! Armer jüdischer Dorfgeher, armer Strassenverkäufer! Galizien gab euch den Asemitismus, Oesterreich schenkt euch das Hausierergesetz dazu! Wohin mit diesen Tausenden? Woher Brot für sie? Nehmen wir an, dass die galizischen Brüder ihr Lebensrätsel noch vertiefen und von weniger als ihrem jetzigen Nichts leben werden. Nehmen wir an, dass auch die armen Juden der Sudetenländer sich nicht hungernd an die vermeintlich grosse Tafel der Hauptstadt drängen werden, um einen Brocken zu erhaschen. Was aber wird mit den neugeschaffenen Luftexistenzen Wiens geschehen? Wien hat der Zahl der Juden nach die Bedeutung einer Provinz!;; Die Sozialpolitik ist das Mäntelchen für den bald sicheren Beschluss, tausende von Juden ohne jede Uebergangsperiode brutal an einem Tage brotlos zu machen. Die antisemitischen Abgeordneten sprechen laut, die freisinnigen stimmen leise dafür, die Sozialdemokraten wagen es nicht, für Juden einzutreten. Und so werden die Abgeordneten ihren Wählern das fertige Gesetz zum Weihnachtsgeschenk bringen zur selben Zeit, als in allen Kirchen der berühmte Vers des Evangelisten Lukas gesungen wird: Friede den Menschen, die da rechten Glaubens sind. Heute drängen sich im arbeitsßtatistischen Amte für Juden hunderte von Arbeitslosen, verzweifelnd und zu j efter Arbeit bereit. Kaum, dass einer bei einem Christen Beschäftigung findet. Der jüdische Arbeitgeber fürchtet meist die eigene Arbeiterschaft, die stramm sozialdemokratisch, sich meist stramm gegen die Aufnahme eines Juden auflehnt. Zu diesen hunderten starker und ausgebildeter werden bald die tausende sehwacher und unfähiger Arbeitslosen kommen. Jeder Zug ' der Nord- (und der Staatsbahn bringt jüdische Proletarier aus dem Westen, die dort verhungern müssten. Die jüdischen Assimilantenblätter der letzten Woche bringen glühende Artikel gegen den Zionismus. J. Uprimny. Zur jüdischen Rassenfrage. Heinrich Driesmans, ein jüngerer Anthropologe und Ethnograph, der sich durch seine „Kulturgeschichte der Rasseninstinkte" einen guten Namen gemacht hat, hat im Sommer d.J. in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Ernstes Wollen" auch die jüdische Rassenfrage erörtert; wie wir gleich hinzufügen wollen, in rein wissenschaftlicher, durchaus objektiver Weise ohne jede antisemitische Absicht oder Bemerkung. Wir wollen nur folgenden Satz aus dieser Abhandlung herausgreifen: „Wirklich sittlich und geistig tüchtige und gesunde Juden brauchen die Aufrollung der Rassenfrage nicht im geringsten zu fürchten, sie können ihr vielmehr getrost und fest ins Auge schauen. Ist es doch gerade die jüdische Rasse, die von allen Anthropologen als Musterbeispiel, wie es kein zweites mehr in der Weltgeschichte gibt, für Ras?enerhaltung und Rassenstolz hingestellt und zumal den mit so schwachem Rassengefühl begabten Deutschen als Muster vor Augen gehalten wird. Wirklich" vornehme Juden wissen sehr wohl, dass sie ihrerseits ebenso wertvolle Ra^ßenqualitäten den Germanen entgegenzustellen haben, wie diese ihnen, und dass eine Aufrollung der Rassenfrage nur geeignet sein kann, die gute Seite ihrer Natur in ein helleres Licht zu stellen und um so schätzbarer zu machen. Mit ihnen gibt es darüber keinen Streit. Die anderen aber, die die „Gefahr" wittern zu müssen glauben, die verdienen aber auch ihrerseits; gründlich beleuchtet und in allen Winkeln ihres Herzens durchgeleuchtet zu werden." Dieser Artikel hat im Lager der jüdischen Assimilanten wahre Stürme hervorgerufen. Dr. Paul Rieger, Prediger am israelitischen Tempel in Hamburg, gab dieser Entrüstung in einer „Entgegnung" Ausdruck, die in Nr. 70 der Driesmans'schen Zeitschrift abgedruckt ist. In derselben versteigt sich der Herr Prediger zu folgender Behauptung: „... In Wahrheit gibt es ebensowenig eine jüdische Nationalität oder Rasse, wie es eine katholische Nationalität oder katholische Rasse gibt (!). Das Judentum ist einzig und allein