Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 49 (5.12.1902)
- Article
- Nikolajew
- Date
- 1902-12-05
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 f9DteT^W Hr. # respektable Ziffer von 11. Verurteilt, sich durch bescheidene Mittel zu erhalten, hat das Kuratorium des jüdischen Spitales unlängst dem Stadtrate die Bitte unterbreitet/ aus den Mitteln der Krankensteuer, mit der auch die Juden belegt werden, eine gewisse Summe zugunsten des jüdischen Spitales zu bestimmen. Der Stadtrat hat aber diese Bitte zurückgewiesen ... Wohl hat das Kuratorium nunmehr schweigen müssen, aber die immer wachsende Not des jüdischen Spitales spricht immer lauter ..." * Odessa. Das Gesuch des Vereines jüdischer Beamten von Odessa um Erlaubnis zur Gründung einer Schule, die speziell den Kindern dieser Beamten dienen soll, wurde vom Ministerium des Innern zum zweitenmale zurückgewiesen. Diese Zurückweisung hat die jüdischen Beamten umso schwerer getroffen, als die Zahl der jüdischen Kinder, welche von der Aufnahme in "die allgemeinen Schulen ausgeschlossen wurden, in letzter Zeit stark zugenommen hat. * M o s k a u. Im offiziellen militärischen Blatte „Raswjedtscliik" (Kundschafter) ist ein Tagesbefehl an die Truppen des Moskauer Militär-Bezirkes folgenden Inhaltes verlautbart: „Der temporäre Kommandeur des 11. Fanagori sehen Grenadier-Regimentes hatte dem Kaiser von der Entsendung einer Schwadron zur Unterstützung der Zivilbehörden bei der Unterdrückung der Arbeiter-Unruhen und von der heroischen Tat des Trommelschlägers der 12. Sehwadron des Regimentes, Hersch Teitelbaum, Meldung erstattet. Dieser Trommelschläger, welcher sich auf Urlaub befand, erblickte bei seiner Rückkehr in die Kaserne einen von einer rebellierenden Volksmenge Überfallenen Wachmann, der in Lebensgefahr schwebte. Er eilte ihm zuhilfe, erhielt zwar einen Messerstich in den Kopf, vermochte aber dennoch, den Wachmann unter eigener Lebensgefahr zu befreien. Auf diesen Rapport geruhte Se. kaiserliche Majestät folgende Resolution, niederschreiben: „Ein braver Kerl. Man gebe ihm als Lohn fünf Rubel." Indem ich die vom Kaiser gnädig belobte Tat des Trommelschlägers Teitelbaum zur öffentlichen Kenntnis bringe, der unter eigener Lebensgefahr einen Wachmann gegen die wilde Volksmenge beschützte, hoffe ich, dass die Tat Teitelbaums seinen Kaineraden als nachahmenswertes Beispiel dienen werde. Ich danke den nächsten Vorgesetzten Teitelbaumsa welche es vermocht hatten., einen so bravourösen Soldaten zu erziehen." * J e k a t e r i n o s 1 a w. Der Zionismus hat nicht nur auf dem Gebiete der Erweckung des jüdischen Nationalbewusstseins, sondern auch auf dem der Stärkung des jüdischen religiösen Gefühles grosse Erfolge zu verzeichnen. Letzteres kann man aus dem Beschlüsse ersehen, welchen die jüdischen Möbelhändler von Odessa kürzlich gefasst haben. Dieser Beschluss verpflichtete nämlich alle jüdischen Möbelhändler von Jekaterinoslaw, am Sabbattage die Geschäfte unter allen Umständen gesperrt zu halten. Hervorgerufen wurde dieser Beschluss durch die Reden, welche zur Kräftigung des religiösen Gefühles der Juden von Jakaterinoslaw jüngst in den Zionistenvereinen dieser Stadt gehalten wurden. * T a s cTike n d (Zentral-Asien). Die Wellen des Zionismus haben nun auch die Juden von Taschkend mächtig ergriffen. Die jüdische Gemeinde von Taschkend, deren Mitgliederzahl 1700 beträgt, hat sich unlängst der zionistischen Bewegung gänzlich angeschlossen. Der gegründete Zionisten-Verein hat bereits eine rege Tätigkeit entwickelt. Im Besitze der offiziellen Erlaubnis zur Abhaltung von öffentlichen Vorlesungen über Palästina, veranstaltete der Verein kürzlich den ersten Zionisten-Abend, der äusserst stark besucht war. Es wurden Vorträge über die Bedeutung und die Erfolge des Zionismus und über Palästina gehalten, welche den Enthusiasmus der Zuhörer entfesselten. Vorlesungen über jüdische Geschichte finden wöchentlich statt. * * Nischnij -Nowgorod. (Maxim Gorlci unter den Zionisicn.) Der bekannte russische Zionistenprediger Zwi KoschHaj besuchte vor kurzem, wie der ..ISTischegorodskij Listok" meldet, den Schriftsteller Maxim Gorki in Nischnij-Nowgorod und lud ihn ein, der von den Nischnij-Nowgoroder Zionisten veranstalteten Versammlung beizuwohnen. Gorki nahm die Einladung an und besuchte auch die Versammlung der Zionisten. Mit grossem Interesse folgte der berühmte Russe den Reden und Vorträgen (Ter Zionfetenführer von Nischnij-Nowgorod. Bei der Verabschiedung von Zwi Koschdaj teilte ihm Gorki mit, dass er ein neues Werk über das jüdische Volk zu schreiben gedenke. gt. * Oesterreich-Ungarn. Der Kampf um die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Hochschulen Wiens. Seit Jahr und Tag führt die jüdische Studentenschaft an den Wiener Hochschulen einen schweren Kampf um das ihr zweifelsohne zustehende gute Eecht, ihre Nationalität von den Behörden anerkannt zu sehen und in den Hochschuldokumenten als jüdisch zu erscheinen. In den letzten Tagen hat dieser , Kampf eine entschiedenere Form angenommen. Wir vier zeichnen in der letzten Woche zwei Massenversammlungen der jüdischen Studentenschaft, über deren Verlauf und Ergebnisse wir berichten. (Der Bericht über die zweite Versammlung folgt in nächster Nummer. Letztere wurde von den Verbindungen veranstaltet, hatte sehr starken Besuch und die gleiche Resolution wurde angenommen^ Für den 27. November 1902 haben die Präsidien der jüdisch-akademischen Vereinigungen „Bar Kochba% „Bar Giora", vErez Israel", „Leo Pinskir", „Vereinigung zionistischer Hochschüler" und „Theologia" eine Massenversammlung der Studentenschaft in den Festsaal des „Hotel Central" einberufen. Dem Rufe leisteten 400 Kommilitonen Folge. Es erschienen ausserdem die Vertreter sämtlicher zionistischer Organisationen. Die Versammlung nahm einen würdigen Verlauf. Nachdem jur. Haas die Versammlung eröffnet hatte, wurde jur. R o thblu m einstimmig zum Vorsitzenden gewählt. Als erster ergriff phil. Martin Buber das Wort zu einem Referate über „Begriff und Wesen der Nationalität". Er sagte, das Merkmal einer Nation wäre weder die Rasse, noch die Sprache, noch überhaupt rein äusserliche Kennzeichen,, sondern das Bewusstsein des Volkes, der Wille, selbständig zu leben. Das jüdische Volk sei von der europäischen Zivilisation überrumpelt worden, aas den Fugen gegangen und deshalb bedeute das Aufwachen des* jüdischen Volksbewusstseins eine Renaissance des jüdischen Volkes überhaupt. Der beste Beweis unseres Nationaldaseins wäre der, dass wir eine Nation sein wollen — volo ergo sum. Es folgte das Referat von jur. Ephraim Waschitz über „Die jüdische Nationalität und ihre Anerkennung". Referent wies darauf hin, dass die jüdische Nationalität in Oesterreich bis zum Jahre 1876 anerkannt war, was in der Volkszählung seinen Ausdruck fand. Die namhaftesten Statistiker und Soziologen anerkennen noch heutzutage die Existenz der jüdischen Nation für den Osten unbeschränkt, für den Westen mit Einschränkungen. Redner erörtert des Näheren die nationalen Bande, die das Judentum zusammenhalten: Religion, Sprache, gemeinsame Vergangenheit, Hoffnung auf gemeinsame Zukunft, erwähnte der wiederholten, an anderen Üniversitätren unternommenen Versuche, die Frage einer Lösung entgegenzuführen und der Antwort, die einer studentischen Abordnung seitens des Wiener Rektors zuteil wurde und schliesst: „Eigentlich bedarf es aber gar keines anderen Beweises als unser Gefühl, als unser Bewusstsein. Was wir verlangen, ist die Uebereinstimmung der Dokumente mit den tatsächlichen Zuständen, mit der Wahrheit. Wir versprechen uns von der Anerkennung unserer jüdischen Nationalität eine Anspornung unserer Tatkraft, unseres Strebens. Den Anwurf der anationalen Kosmopoliten, dass wir uns auf einen allzuengen, weil nationalistischen Standpunkt stellen, beantworten wir mit dem Ausspruche des Staatsrechtslehrers Bluntschli: „Wenn der Kosmopolitismus nur dazu dient, die nationale Tatlosigkeit zu entschuldigen und die nationale Energie zu entnerven, so verdient er nicht nur den strengsten Tadel, sondern wird sogar verächtlich." Nach einer Ansprache des Herrn Dr. L. K a h n und Annahme der unten folgenden Resolution wurde die Versammlung vom Vorsitzenden jur. Rothblum geschlossen, worauf die Studenten unter Absingung des Liedes „Auf, mein Volk" den Saal verliessen. Resolution gefasst von den Versammlungen der jüdisch-nationalen Studentenschaft am 27. November und 2. Dezember 1902. Von dem durch Artikel XIX des Staatsgrundgesetzes . über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger gewährleisteten und natürlichen Rechte jedes Volkes „auf Schutz und Pflege seiner Nationalität14 ausgehend, wendet sich die jüdische Studentenschaft an den hohen akademischen Senat mit der ergebenen Bitte: Ein hoher akademischer Senat geruhe, eine Verfügung in formeller Beziehung zu treffen, die es der jüdischen Studentenschaft ermöglicht, nebst der Umgangs?- spräche auch ihre wahre Nationalität offen deklarieren zu können, beziehungsweise dort, wo die Möglichkeit, die Nationalität zu bekennen, formell besteht, die mit „jüdisch1* ausgefüllte Rubrik als giltig anzuerkennen. Die Tatsache einer solchen Deklaration wird nicht nur der Wahrheit entsprechen, als deren PfLegestörtte düe