Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 49 (5.12.1902)
- Article
- Zionismus
- Date
- 1902-12-05
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die x£ Welt" Nr. 49 aber die wirklichen Christen unter ihren Landsleuten, welche nach den Lehren und den Vorbildern der heiligen Schrift denken und fühlen, werden überzeugt sein, dass sie sich nicht als Fremde in dem Lande ilirer Geburt ansehen und werden ihren freiwilligen Verzicht auf die Rückkehr in das Land der Juden und ihre Treue zu ihren Geburtsländern und zu ihren christlichen Nachbarn zu würdigen wissen. Die Zionisten wissen, dass sie ein Werk von beispielloser Schwierigkeit begonnen haben. Niemals zuvor ist der Versuch gemacht worden. Millionen physisch degenerierter Proletarier ohne Beruf in Landwirte und Hirten zu verwandeln, Handelsleute, Agenten und Männer von sitzender Lebensweise in Kontakt mit dem Pflug, der Mutter Erde zu bringen. Es wird notwendig sein, die Juden verschiedener Herkunft aneinander zu gewöhnen, sie praktisch zu einer nationalen Einheit umzuwandeln und zur selben Zeit die übermenschlichen Schwierigkeiten der Sprachenunterschiede, der ungleichen Zivilisation und der verschiedenen Art, zu denken und zu fühlen, die verschiedenen Urteile und Vorurteile zu bewältigen, welche durch die verschiedene Herkunft hervorgerufen werden. Was den Zionisten den Mut gibt, diese Herkulesarbeit zu beginnen, ist die Ueberzeugung, dass sie ein notwendiges, ein gutes Werk", ein Werk der Liebe und Zivilisation, der Gerechtigkeit und Weisheit damit tun. Sie wünschen 8 von 10 Millionen ihrer stanvmesverwandten Brüder von unerträglichen Leiden zu erlösen, **ie wünschen die Völker, unter denen sie jetzt vegetieren, von ihrer Gegenwart zu befreien, welche ihnen unangenehm ist, sie wünschen den Antisemitismus, welcher überall die niedrigste Moral und die schlechtesten Instinkte weckt, seiner Opfer zu berauben, sie wünschen, die Juden, welche gegenwärtig als Parasiten verleumdet werden, in unzweifelhafte Produzenten umzuwandeln, *ie wünschen, mit ihrem Schweisse und Blute ein Land, welches gegenwärtig eine Wüste ist, fruchtbar zu machen, bis ess wieder zum blühenden Garten werde, wie es einst gewesen ist. So will der Zionismus in gleichem Masse den unglücklichen Juden und den christlichen Völkern, der Zivilisation und der Weltwirtschaft einen Dienst leisten, und der Dienst, den er leisten kann und leisten wTTl, ist Grund genug, um die Hoffnung zu rechtfertigen, dass auch die christliche Welt die Ziele der zionistischen Bewegung würdigen und mit ihrer Tätigkeit sympatisch begleiten werde. Bibel und Babel Dom grossen Trostbuch der monotheistischen Menschheit, dem erhabenen Zeugnis unserer wunderbaren Geschichte geht man wieder einmal zuleibe. Diesmal mit recht schweren Waffen, man wirft Steine darauf und es seheint, als ob die Steinigung dem unverwundbaren Buche doch grössere Wunden zufüge, als es bisher alle anderen Waffen vermocht haben, die man dagegen geführt. Die Steine sind aber Menschen werk, assyrisch-babylonische Tonzylinder und Backsteine; dass die Wunden, die sie dem Gotteswerke zugefügt haben, nur scheinbare sind, das hat Eduard König in einem Schrifteben bewiesen, das Scharfsinnigkeit mit warmherziger Begeisterung für das Buch der Bücher vereint.*) Eduard König ist Professor der protestantischen Theologie, das verdient betont zu werden; die moderne protestantische Theologie hat Anerkennenswertes auf dem Gebiete der Bibelkritik geleistet, das kann nicht bestritten werden, aber ihre konsequentesten Vertreter haben dabei geradezu destruktiv gewirkt; sie haben die heiligen Schriften zerzaust bis zur Unkenntlichkeit; ein Glück für die Bibel, dass die Herren beginnen, untereinander uneinig zu werden, dass der eine das aufbaut, was der andere zerstört hat und dann seinerseits wieder niederreisst, damit später wieder ein anderer das Zerstörte reparieren kann. *) Eduard König: „Bibel und Bab'l." Berlin 1902, Martin Warneck, Im blinden Eifer-der Kritik vergessen die Herrein, dass sie den'Ast absägen, auf dem sie selbst sitaen unddass von einer christlichen Gotteslehre nicht mehr die Kede sein kann, wenn das Werk vernichtet, wird, auf das sich der christliche Religionsstifter und seine Jünger berufen. Es wäre sehr interessant, einmal zu untersuchen, inwiefern der Antisemitismus, der sich auch in der Wissensehaft breit zu machen beginnt, unbewusst den Herren dieFeder geführt hat, wenn sie an der grossartigsten Emanation des Volkes, das ihnen nicht sympathisch ist, ihre Kritik üben. Dass dem Assyriologen Delitzsch antisemitische Regungen fernlagen, als er in seinem „Babel und Bibel" nachzuweisen suchte, dass alles Gute der Bibel aus Babel stammt, muss für den selbstverständlich sein, der Wirken und Werke seines grossen Vaters kennt. Delitzsch5 „Babel und Bibel" ist hier zu WTorte gekommen, so mag es auch gestattet sein, Königs „Bibel und Babel" für die Leser der „Welt" zu besprechen. König warnt zunächst vor einer Ueberschätzung des Quellenwertes der assyrisch-babylonischen Urkunden; er weist nach, wie Textveränderungen durch Kopisten, Verschiedenheit der liesarten, Euhmredigkeit der Könige und Byzantinismus der Chronisten den objektiven Wert der Darstellung trüben, andererseits zeigt er, ohne den Chronisten der Bibel das ausschliesslich zu vindizieren, was er bei den babylonisch-assyrischen Chronisten als zum grossen Teil nicht vorhanden, annimmt, wie viele Glaubwürdigkeitsspuren beim hebräischen Chronisten zu finden sind. König beschäftigt sich sodann mit einigen Grundirrtümern Delitzsch'. Nachdem man den Auszug aus Egypten als Fabel erklärt hatte, war man dazu gekommen, das Volk Israel als einKonglomerat voiiBeduinenstämmen zu betrachten, die von Arabien aus in das Transjorianland gedrungen waren. Delitzsch geht weiter, bei ihm sind die Israeliten gewissermassen Autochthonen, insofern, als die 12 Stämme aus kanaanitischen Stämmen hervorgegangen sind. Der scharfe Gegensatz, der im israelitischen Volksbewusstsein den Kanaanitern gegenüber bestanden hat und der ans vielen Stellen der Bibel spricht, weist, wie König überzeugend darlegt, die Delitzsch/sehe Annahme zurück. Schon im Bericht über Abrahams Einwanderung heisst es „und der Kanaaniter war damals im Land" (Gen. 12, 6), auch die egyptische Literatur unterscheidet zwischen den Bewohnern von Ke-n'-na und Isiraal. Bis in die Zeit der Prophetie lässt sich der Gegensatz zwischen dem Israeliten, der sich seiner ethischen und religiösen Vorzüge dem Kanaaniter gegenüber bewusst war, und letzterem nachweisen (Mos. 12, 8. Sach. 14, 21). Der Gegensatz war, was König noch zu bemerken vergessen hat, auch ein sozialer; der Israelit war der Ackerbauer, der Kanaaniter der Kaufmann, ja das Wort Kenaani wird in der Sprache der Bibel vielfach als Synonymum für Kaufmann gebraucht. Bei einem so scharfen nationalen Gegensatz lässt sich die Delitzsch'sche Hypothese von der Abstammung Israels aus autochthonen Kanaanitern nicht aufrecht erhalten. Nach Delitzsch wäre Israel hiernach. ein Brudervolk der durch Hammurabi um das Jahr 2500 kanaanisierten Babylonier; es wäre somit die angebliche babylonische Basis israelitischer Kultur und Lehre erklärlich. Delitzsch hätte es nicht nötig gehabt, die ethnologischen Beziehungen zwischen beiden Völkern so eng zu knüpfen, um den kulturellen Einfluss Babels auf Israel zu beweisen. Es ist im Gegenteil wunderbar, dass der Einfluss des hochentwickelten Riesenreiches auf das kleine Nachbarvolk ein so geringer war und nur dadurch bleibt die geringe Beeinflussung durch Babel erklärlich, wenn man den Abscheu des Volkes, dessen Ethik in der Bibel niedergelegt ist, gegen den sittlichen Tiefstand „der babylonischen Dirne" in Betracht zieht. Und dieser Punkt ist es, den weder Delitzsch noch König, obschon letzterer, wie später zu berichten ist, die Superiorität der israeiiti-