Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 48 (28.11.1902)
- Article
- In den Bergen Dagestans
- Date
- 1902-11-28
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4t Mm&-W*m. Seite 13 f .ö , ^^ijo^u.5^ar dei^; Sohn dieses Uftach. Die Eindrücke der 3iäß4bÖtij^)i^f^iauei|i aus ihm einen kühnen und stolzen Mann. In-pmJl<mä$tä$hS&®$er Drang der Leidenschaften, ein solcher Seelenschwung, ein solches Bedürfnis nach starken Gemütsbewegungen, dass er jeden mittelalterlichen Ritter in den Schatten gerückt hätte. - , Der Greruch von Hyacinthen drang von irgendwo herüber. Hinter der Saklja sang Machlass mit ihrer silberhellen Stimme und wechselte mit ihren Brüdern Schlagworte. Das Mittagmahl, das aus gebratener Antilope und gutem Weine bestand, war zu Ende. , „Es ist schon Zeit, aufzubrechen," sagte mir Mahomad-Ogla. Benjohu wollte uns zwar nicht vor Anbruch des Tages ziehen lassen, musste jedoch nachgeben, als ich ihm die Dringlichkeit meiner Abreise auseinandersetzte. Der Sitte der kaukasischen Bergjuden gemäss, beorderte Benjohu seine beiden Söhne, uns bis zum nächsten Aul (Dorf) zu begleiten. Ein kräftiger Geruch von Jasmin und Hyacinthen durchtränkte die Luft. Von diesem betäubenden Geruch drang das Blut in die Schläfen und hämmerte unaufhörlich. Hoch zu Ross ritten die zwei jüdischen Jünglinge voran. Mahomad-Ogla war von diesen Begleitern begeistert, welche im Galopp die hin und her fliegenden Schwalben anschössen und wunderschöne, gemütvolle Lieder sangen. Die Abenddämmerung brach an, das Dunkel verdichtete sich immer mehr. Die zwei jungen Bergjuden stimmten ein wehmütiges Lied an, das mit dem düsteren Milieu der Bergschlucht seltsam harmonierte ... Die Söhne Benjohus zählten zu den „gebildeten Juden". Denn hier, wo die Masse der Bergjuden äusserst unwissend ist, wird ein des Lesens und des Schreibens Kundiger als Gebildeter betrachtet. Der grösste Teil der Bergjüden ist aber auch mit dem Schrifttum der anderen Volksstämme des Kaukasus völlig unbekannt. Die Bergjuden hängen deshalb in dieser Beziehung von den islamitischen Mullahs ab, welche ihnen Briefe und andere Papiere verfassen und abschreiben. Die Mullahs erhalten von den jüdischen Gemeinden ein Jahresgehalt. Aber Juden und Mohamedaner leben hier in grösser Freundschaft. Der Tartar verachtet hier den Christen,- den Juden aber niemals. Was die Beschäftigung der kaukasischen. Bergjuden betrifft, so muss konstatiert werden, d^ss sie hier Fruchtgärten und Weinstöcke pflanzen, welche im ganzen Kaukasus als Muster gelten. Sie betreiben auch Tabakbau, stellen vorzügliche Waffen her; in letzter Zeit haben sie sich sogar der Schafzucht zugewendet. Ueberall arbeitet der-kaukasische Jude selbst, bei allen schweren Arbeiten legt er selbst Hand an. Sie alle strotzen von Gesundheit und Schönheit. Das ist der beste Beweis dafür, wie unehrlich es ist, gegen die Juden die sattsam bekannten Vorwürfe zu erhehen. Hur schlechte Menschen können einem ganzen Volke unehrliche Eigenschaften zuschreiben ... Die jüdischen Schulen auf dem Kaukasus sind in Hütten unweit der Synagoge untergebracht. Ungeachtet der geringen Zahl der Zöglinge (auf j« 200. Häuser 15 Zöglinge) sind die Schulen eng und schmutzig. Der Rabbi sitzt auf dem Boden, auf einem Teppich, rund um ihn sitzen die Zöglinge. Sie lesen Gebete oder die heilige Schrift, wobei sie sich nach rechts und links schaukeln. Gedruckte jüdische Gebetbücher besitzen sie nicht; der Rabbi malt auf einer Tafel die Buchstaben vor, die Kinder schreiben nach. Sie schreiben alle auf dem Knie, wobei sie sich an diese Lage so gewöhnt haben, dass sie nirgend anders schön und leserlich schreiben können. Die grösste jüdische Schule befindet sich in Derbent"; sie ist geräumig und reinlich. Die Absolventen dieser Schule erhalten die Ermächtigung, die Stelle eines Rabbiners oder Schächters bekleiden zu dürfen. Die anderen Schulen derj kaukasischen Bergjuden befinden sich in den Städten Grosny, Chassaw-Jurta, Temir-Chan-Schura und in den Dörfern. Auch die Söhne Benjohus hatten eine solche Schule besucht, nebstbei aber auch die Landessprache in Wort und Schrift erlernt. : iJm^ Sa&teL sHzeäd, Kfliwb ich inzwischen^ eingeschlummert "änd bemerkt© igäriöfeiht^ dt^S?Swi#i%ns dem Jusgän^anP^er^'ÖchM^1 von Kai-Belag... näherten. ,j Durch?einen engen , und?schmal$i Ausgang gelangten wir; in em^ Gebirgstal. Der Mond schien hell unX beleuchtete matt die Felsen und die ganze Umgebung. Von der Ferne hohen sich die dunklen Umrisse von Hütten und Häusern ab. Das war das nächste Dorf, wohin wir unsere Schritte gelenkt hatten. Die Söhne Benjohus ritten auf mich zu, um sich von mir zu verabschieden. Schweigsam, aber innig drückten sie mir und Mahomad-Ogla die Hand* verneigten sich tief vor uns und gaben ihren feurigen Rappen die Sporen. Und dahin flogen sie wie der Wind der Wüste, um alsbald hinter dem schmalen Eingang in die Schlucht von Kaj-Bulag zu verschwinden. Nur der Widerhall eines wehmütigen Liedes drang noch schwach zu meinen Ohren, aber nach wenigen Augenblicken verstummte auch dieser Widerhall, und zurück blieb nichts als eine angenehme Erinnerung an meine kurze Anwesenheit unter den mutigen und ritterlichen Bergjuden Dagestans. ^ol^s^i^fecbafHicbep ^eil. Ueber die Aufnahme der ökonomischen Tätigkeit in das zionistische Programm. Referat des Dr. Ch. D. Gurew<tsch auf der Minsk er zionistischen Konferenz. IV. Wenn wir nämlich im Auge behalten, dass die meisten Arbeiter sich im nordwestlichen Rayon (22.279, darunter Erwachsene 11.693, also 58°/0), wo die Industrie so schwach entwickelt ist, befinden; wenn wir ferner beächten, dass, wie die Statistik es angibt, sich 4572 mit Bearbeitung der Kornprodukte, 4183 der Fasern produkte, 3361 der tierischen Stoffe beschäftigen oder, weniger wissenschaftlich ausgedrückt, in Mühlen, Gerbereien und Oelfabriken arbeiten, also in solchen Miniatur-Industrien, die mehr den Gewerben zuzuzählen, sind, ersehen wir daraus, dass die Zähl der wirklichen jüdischen Arbeiter nicht mehr als l°/0 beträgt. Diese auffallende Abwesenheit des jüdischen Eler mentes in den Fabriken hat auch H. Chorosch im „Wosehod" für das Jahr 1901 — 1902 hervorgehoben. Wir sehen nun, dass den Juden alle Zugänge zu dem industriellen Leben gesperrt werden, sowohl die durch das Kapital, als die durch die Arbeit. Die Fabrik, wie der Boden die Juden zurück. Und es ist leicht verständlich. Im sozialen Leben gibt es auch Gesetze, die unerschütterlich sind, wie die der Natur. Sowohl in der Fabrikswelt, wie auch in der Agrarwelt gibt es eine gewisse Klasse von Leuten, die sich zu gemeinsamer Arbeit zusammen getan haben und die keinen Zuschuss von aussen zulassen. Arbeiter und Kapitalisten organisieren sich, da sie die Konkurrenz scheuen und deshalb erschweren sie den Eingang in ihre Reihen. Diese Einschränkung, diese Abwehr ist manchmal für das betreffende Volk heilsam und nützlich, aber darunter haben immer die Fremden zu leiden und das sind wir auch, wir Juden. Die Erde und die Fabrik sind jetzt die Grundpfeiler des staatlichen, sozialpolitischen und kulturellen Lebens der Völker. Was Wunder, dass die Völker sich vor dem Eindringen fremder Elemente vermauern. Der schlimmste Feind des Judentums ist das Kapital, In der Zeit, wo das Kapital noch nicht entwickelt war, . in der Zeit also des Feudalsystems u, s. w. haben die Juden den Handel und die Gewerbe gefördert und geleitet und haben dem Kapital den Boden vorbereitet. Sobald aber das letztere zur Herrschaft gelangte, zollte es den Juden seinen Dank, indem es sie von allen Branchen in das kleine Gewerbe und in die — grosse Armut zurückdrängte. Die Tendenz der allgemeinen Verelendung der jüdischen Massen hat auch die Verwischung aller Klassensonderung und Scheidung zur Folge. Es kann hier von einem Klassenkampfe nicht die Rede sein. Der Klassenkampf entsteht nur dann, wenn sich streng geschiedene, ökonomisch differenzierte Gruppen gegenüberstehen; so zum Beispiel gibt es im modernen Europa drei Klassen: die agrarische, die kapitalistische und die proletarische. Diese Klassen befinden sich immer in Gegenstellung, können aber auch vereint