Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 48 (28.11.1902)
- Article
- Die Wiener Kultuswahlen
- Date
- 1902-11-28
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 48 „Die # Welt" Seite d Einzelheiten 'anzufechten — aber wir sind zu sehr bewusate JMktoi um nichtjüdiscshen Instanzen in jüdischen Fragen (^^Geiegenh'eit zW'Entscheidung zu bieten. Ühd wer waren diejenigen, die diese Majorität bildeten? Die heterogensten Elemente! Zunächst die grosse Zahl der Angestellten und Bediensteten der Gemeinde, diejenigen, die nach dem Winke der „Herren" zu stimmen sich beeilten, um deren Zorn nicht zu erregen und ihre Stellen nicht zu verlieren . . ♦ Dann die von der Kultusgemein de indirekt Abhängigen: die Lieferanten und Unternehmer, die sieh sogar nicht schämten, für den zu stimmen, der ihnen eine Ohrfeige versetzt hatte. Dann kamen hinzu die „Pfahl-, Mast- und Spiessbürger", diejenigen, die sich zwar nicht die Mühe gegeben haben, sich über den Zionismus zu informieren, die aber dagegen sind, wie sie gegen alles sind, was über ihren Horizont hinausgeht, der nicht weiter reicht als ihre Nase, die insbesonders finden, dass alles, was die löbliche Obrigkeit tut, wohlgetan ist und die sich daher selbst mit dem Antisemitismus als einer „Staatsnotwendigkeit" abgefunden haben. Und endlich schlössen sich der Majorität alle Feinde der Bestrebungen an, die darauf gerichtet sind, das Judentum zu kräftigen und zu regenerieren, wodurch ihre eigenen Bestrebungen, sachte unterzutauchen, so böse durchkreuzt werden. Diese waren die ärgsten und lautesten Gegner. Die „Deutsch-Liberalen4 und die „Magyaren jüdischer Konfession* und die Sozialpolitiker und Sozialdemokraten, sie, die sonst vom Juden turne den minimalsten Gebrauch machen, sie eilten herbei, um ihre Stimmen demonstrativ gegen die bösen Zionisten abzugeben. In der Seitenstettengasse erklärte es ein Advokat aus Ungarn jedem, der es hören,wollte, dass er, obzwar er seit 23 Jahren das Wahlrecht in der jüdischen Gemeinie innehabe, noch niemals davon Gebrauch gemacht habe, aber diesmal sei er gekommen, um gegen die Bestrebungen zu protestieren, die ihm sein Magyarentum. nehmen wollten. Und zu ihm gesellte sich ein anderer, dessen Kinder längst weggetauft sind und der in den nationalen Parteien einen nicht einmal stillen Vorwurf erblickt und andererseits auch die herrschende Partei schon aus dem Grunde zu schützen sich verpflichtet erachtet, weil sie die Blossstellung der Abtrünnigen so fürsorglich verhindert. Aus diesen Gefolgschaften setzt sieh die Majorität unserer Gegner zusammen. An Geld für die Agitation wurde nicht gespart. Ist es doch die Partei der reichen Juden! Bis auf den letzten Mann und bis auf die Barone Rothschild wurde alles aufgeboten, um es der gegnerischen Seite zu zeigen, gegen wen sie aufzutreten wagte! Und trotzdem wählte etwa ein Drittel der Wähler oppositionell. Ein Drittel der Wahlberechtigten und für die Wahl sich Interessierenden ist mit der gegenwärtigen Herrschaft nicht einverstanden! Hätten aber erst alle einen selbständigen Beruf und Haushalt besitzenden Juden das Wahlrecht, wie gross würde unsere Majorität sein?! Dieselben Herren, welche draussen so liberal tun und — fordern, sind die ärgsten Reaktionäre dort, wo sie am Ruder sind. Was verlangten wir denn mehr als eine Vertretung auch der ein Drittel der Wahlberechtigten bildenden Minorität in der Repräsentanz? Auf dass diese uns nicht zuteil werde, dafür entfaltete die herrschende Klique solch einen Wahlkampf! Nun werden sie wieder unter sich sein, denn der einzige Zionist, der bisher im Kultus vorstände sass und den solche Vorgänge anwidern, hat auf seine Stelle resigniert. Diese sorgsam gehütete Gesellschaft wird vorläufig bis auf weiteres ihre Tätigkeit des Zugrunderegierens des Judentums fortsetzen können, zur Genugtuung seiner äusserlich oder innerlich bereits abgestorbenen Glieder... Wir, die Minorität, aber sehen der weiteren Entwicklung mit Schmerz, aber mif ruhigem Gewissen entgegen. Die Majorität, die sich zusammengefunden, um uns zu bekämpfen, sie ist im selben Augenblicke auch in alle Winde zerstoben, als sie ihre Aufgabe erfüllt hat . . . Wir aber bilden einen kompakten Block, der beseelt ist von einer grossen Idee und geeint durch ein gemeinsames Programm und ein unverrückbares Ziel, und dieses Ziel, e s ist die Grösse des Judentums. Unsere Gegner haben am Sonntag gesiegt, aber viele solcher Siege und die Kultusgemeinde kann liquidieren. Rücktritt des zionistischen Kultusvorstandes. Der Zionistische Kultusvorstand, Herr J. Ge witsch, richtete folgenden Brief an den Präsidenten der Kultusgemeinde: Hoch wohlgeboren Herrn kais. Rat Heinrich Kling er, iPräsident der Wr,, isr. Kultusgemeinde! Sehr ge ehrt er Herr! Hiermit beehre ich mich Ihnen mitzuteilen, dass ich mein Amt eines Vorstehers der israelitischen Kultusgemeinde zurücklege. Zu diesem Entschlüsse haben mich die bedauerlichen Vorkommnisse bei der eben stattgehabten Kuitusgemeindewahi veranlasst. — Ich kann mich nicht damit befreunden, dass bezahlte Beamte der Gemeinde die Wahl zugunsten des derzeitigen Regimes machen, dass die Gemeindekanzleien als Agitationslokale missbraucht werden und so die Gemeindemittel, die von allen Steuerträgern eingehoben werden, gegen einen Teil dieser Steuerträger benützt werden. Entgegen meiner Absicht, noch einige Zeit mich an den Arbeiten in der Kultusgemeinde zu beteiligen, haben die genannten Umstände mich zum sofortigen Ausscheiden aus dem Kultusvorstande bewogen. Sie, Herr Präsident, sowie die Herren Kollegen im Kultusvorstande werden mir das Zeugnis nicht versagen, dass ich während meiner Amtszeit niemals Konflikte gesucht habe. Ich bestrebte mich immer, die kollegialen Umgangsformen in angenehmem Tone zu erhalten. Wie meinen Gesinnungsgenossen, so liegt auch mir nur dann an einem Amte, wenn ich darin Erspriessliches für das jüdische Volk bewirken oder nach unserer Auffassung Nachteiliges verhindern kann; das erscheint mir jedoch nach den letzten bedauerlichen Wahlvorgängen dermalen ausgeschlossen. Wien, 25. November 1902. Mit vorzüglicher Hochachtung Isidor Ge witsch. Die Vorgänge bei der Wahl. „Machen Sie reine Wahlen!" rief einer unserer Redner in die Wählerversamnilung hinein, die von der Kultusgemeinde für ihre Wahlen einberufen war. Krawall und Proteste hagelten von allen Seiten auf ihn ein ob der Zumutung, dass andere Wahlen möglich seien. Die Komödie der Entrüstung machte auf die Erfahrenen unter uns keinen Eindruck, Der Unglaube fand am Wahlsonntag reichlich Bestätigung. Es wurde das Gebot ausgegeben: „Niemand darf anderer Meinung sein als der Kultusvorstand!" Zwei Sorten Soldaten warfen sich zu seiner Durchführung in Harnisch: ILeute, die als Schleppträger nichtjüdischer Parteien hinausgeworfen., im langverschmähten Judentum die Sonne der Anerkennung und Würde geniessen wollen; Bediente, bei denen alles Ware ist bis zu ihrer Gesinnung hinunter. Mit ihrer Hilfe siegte die jüdisclie Reaktion über die jüdische Moderne. Sie haben gegen reine Absichten und Ideen mit schmutzigen Verleumdungen gekämpft. Sie haben das Hausrecht missbraueht, das sie als Verwalter der Gemeindehäuser hatten. Sie missbrauchten das Vertrauen, das der Jude ihrem Amte entgegenbringt. Sie gebrauchten brutale Gewalt- Das alles heisst, dass im Machtbereich der Sieger alles gescheiten ist, was nur im Kampfe gegen einen verderbendrohenden Feind vielleicht vom menschliehen, nie aber vom moralischen Gesichtspunkte aus entschuldigt werden kann und was die herrschende Kaste, als sie noch deutsch-freisinnig war, bei ihren Gegnern bitter gebrandmarkt hat. Mit tausenden, direkte und indirekte Steuern zahlenden Juden fragen wir: Wie kommt ein Teil der Steuerträger dazu., zum Unterhalt von Dienern beizutragen, die zur Beeinträchtigung derselben Steuerträger verwendet werden? Die Kandidaten der Majorität haben zwar kein Programm, dafür haben sie die Tempeldiener. Sie gingen zwar niclit unter die Wähler, aber zu den Tempeldienern und sie taten gut iaran. Die traurigen Helden des Wahltages waren die Tempeldiener, die Schamossim. Die Wahlgebäude wimmelten von dieser Sorte. Mit Bedienten frechheit nötigten sie dem Wähler die Stimmzettel der Opposition ab und gaben ihm die ihren. Der Unerfahrene, der mit leerem Zettel kam, erhielt vorbereitete komplette. Der Wähler wurde erst in eine Schreibstube, dann erst vor die Kominission geführt. Unbequeme Beobachter wurden geschlagen. Natürlich weiss keine Kommission etwas davon. Die gegnerischen Agitatoren durften sich aus „Gründen der Ordnung"' weder auf Stiegen noch auf Gängen des Wahlgebäudes aufhalten, dagegen, mussten sich die eigenen Agitatoren aus denselben „Grün-