Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 48 (28.11.1902)
- Article
- Ein alter Vorschlag
- Date
- 1902-11-28
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3316008-3326521--35932-3326645- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
m.m dim # weit" Seite 3 iFemer ttaben die Mädchen in dem industriearmen Osten : Jceine ^Gelegenlieit^.rjdie geringsten Vorkenntnisse für ihre Beschäftigung in ausländischen industriellen Etablissements zu erhalten. Auch miiasten sie, als „Fabrikmädchen" in der Fremde schutzlos auf sich allein angewiesen, manchen Gefahren ausgesetzt leben. Dasselbe gilt für die Handarbeiterin, die Schneiderin, Weissnäherin, Putzmacherin etc., wobei alle diese Arbeitsgebiete bekanntlich äusserst überfüllt sind und die Neuhinzukommenden überall als schädliche Konkurrenten von Nicht Juden und landeseingeborenen •Glaubensgenossen angefeindet, in jeder Weise bedrückt und ausgebeutet werden. Dagegen ist just in dem geld- und industriereichen Westen das Gebiet des Hausbediensteten durchaus nicht übervölkert. Hier übersteigt ausnahmsweise die Nachfrage das Angebot und ein tüchtiger, verlässlicher und bescheidener Dienstbote wird als eine seltene Akquisition gebührend geschätzt. Jüdische Familien mögen noch ihre besonderen Gründe dafür haben. In Würdigung aller obigen Umstände fanden die betreffenden Artikel in dem erwähnten Jahrgange der „Welt" den lebhaftesten Anklang — in zionistischen Kreisen. Es wurden Versammlungen in manchen Städten einberufen, Beschlüsse gefasst und — nichts ausgeführt! . . . Warum? Das liegt auf der Hand! Es gibt soundsoviel Millionen Juden. Darunter kaum 100 000 leider nicht zu reichlich bemittelter Zionisten, welche fast als die Einzigen jede gute und vernünftige Idee zur Sanierung irgend einer krankhaften Erscheinung in der Judenheit mit aufrichtiger Freude begrüssen und sofort den gebotenen Gedanken in die Tat umzusetzen bereit sind. An dem raschen Erlahmen ihrer Energie trägt das unselig verkehrte Zahlenverhältnis allein die Schuld. Wären ihrer Millionen, dann wäre allen bald geholfen. An das Mittel, welches York-Steiner angab, um der Ausfuhr „lebender WaretV aus dem Osten zu steuern, nämlich an den Hinweis auf den „Dienstbotenberuf", knüpfte er die Forderung der Errichtung von Dienstbotenschulen . aus Gemeindemitteln. Wie ich schön damals behauptete und dies auch jetzt aufrecht erhalte, werden aber die jüdischen Gemeinden des Ostens wahrscheinlich niemals und ganz gewiss nicht in absehbarer Zeit solche Schulen errichten — am Ende nicht so sehr aus bösem Willen, als aus absolutem Mangel an Mitteln. Die zionistische Organisation ist ebenfalls materiell zu schwach, um solches zu unternehmen. Nun fragt man: Wer soll und kann dieses edle Werk vollbringen, das zugleich eine heilige Pflicht ist, die braven, arbeitswilligen, doch äusserst armen Töchter jüdischer Familien des Ostens entsprechend auszubilden, damit sie, vor Schande bewahrt, in dem besser entlohnenden Westen Stellung und Verdienst finden?! Doch nur diejenige, die ja eigentlich bloss ähnliche kulturelle und dabei „sozial angehauchte" Fragen im Judentum zu lösen sieh berufen fühlt — die Alliance! Sie hat schon so manche überflüssige Schule gegründet, die sie mit grossen Opfern und geringem Erfolge erhält. Mag sie es doch endlich versuchen, einige wahrhaf t notwendige und segenbringende Anstalten zu begründen. Es. wäre Pflicht des Deutschen Kabbinerverbandes, den mächtigen Fürsprecher bei der Alliance zu machen. Ja, noch mehr: die Rabbiner müssten das Ganze eigentlich recht unter ihren Schutz nehmen, um für die Sache das Vertrauen der Interessenten, der Eltern sowie der Töchter zu gewinnen. Diesbezüglich herrschen nämlich falsche Vorstellungen. Dratissen wähnt man anscheinend, dass jüdische Eltern des Ostens, wenn sie nur arm sind, ohne weiteres ihre Töchter auf eine plumpe Vorspiegelung hin ziehen lassen und die Unglücklichen so ins Elend stürzen. Die Sache verhält sich jedoch ein wenig anders. Damit äin jüdisches Mädchen des Ostens ihre Heimat verlasse, müssen ihre Eltern in einer Armut leben, von der ein Mensch aus dem Westen einfach keinen Begriff hat. Sie muss ferner für gar keine bestimmte Arbeitsleistung vorbereitet worden oder sehr schlecht bedienstet und noch ärger bezahlt sein. Aber all das gibt ihr noch immer nicht den Mut, in die Ferne zu gehen. Gewöhnlich sind es wiederholte — Gott weiss unter welchen Umständen und Einflüssen geschriebene — Aufforderungen von Seiten früher ausgewanderter, meist bereits in die Klauen von Verruchten gefallener Bekannter oder Verwandter, welche die Daheimgebliebenen mit allen Lockungen, als: leichte und lohnende Arbeit, besseres Leben etc. zu bestechen und zum Auswandern zu bereden suchen. Der Entschluss wird nur schwer gef asst, oft erst nach Jahren. Die Eltern sträuben sieh dagegen; das Mädchen hat Angst vor der Fremde. Doch die Not gibt den Ausschlag. Fast ausnahmslos alle ziehen sie fort mit dem heissen Wunsehe, der tröstlichen Hoffnung, in nicht allzu ferner Zeit mit einem kleinen Kapitale in die Heimat, zu Eltern und Geschwistern zurückzukehren. Doch sieht man keine wieder! Es sollten also mit den Mitteln der Alliance und unter dem Protektorate der Eabbiner aller Grossstädte des europäischen Westens und Amerikas — wohin der Auswanderungsstrom zumeist gelenkt wird — in zahlreichen Städten des Ostens, besonders Galiziens, zweckentsprechende Schulen gegründet werden, um arme jüdische Mädchen in allen Fächern des Hauswesens auszubilden und ihnen zugleich in einem Abendkurse die notwendigste elementare Bildung angedeihen zu lassen. Achtbare jüdische Damen sollen einerseits die Schulen beaufsichtigen, andererseits überall nötige Informationen sammeln, um die Unterbringung der gut empfohlenen Absplventinnen durch ihren Bat und Beistand zu erleichtern. Ich bin fest überzeugt, dass — die notwendigsten materiellen Mittel vorausgesetzt — das ganze Unternehmen sich leicht, rasch und mit den best begründeten Aussichten auf Erfolg einleiten und durchführen liesse. Besonders würden in Galizien die zionistisch gesinnten Frauen mit Feuereifer sich der Sache annehmen, ihr Zeit und Mühe widmen, alle nötigen Winke und Aufklärungen geben und keine Opfer scheuen. Wenn es dem deutschen Eabbinerverbande wirklich ernst ist mit seinem endlich erwachten Mitgefühl, mit seiner Sorge für das Wohl und Wehe, besonders für das Wehe der unglücklichen Opfer jüdischer Not, dann mögen sie den hier ausgeführten Gedanken aufgreifen — unbeschadet seiner zionistischen Herkunft —und ihn kraft ihrer Autorität und ihres Einflusses zur schleunigsten Ausführung bringen. Damit würden sie sich um die armen Jüdinnen des Ostens ein unvergängliches Verdienst. erwerben. ' Schreiberin dieser Zeilen, sowie ganz gewiss jede Zionistin in den vielen galizischen Städten, ist zurErteilung aller diesbezüglichen Informationen sowie überhaupt zurFörderung der Sache jederzeit bereit. Die Juden in Sibirien. In Russland selbst hat man erst unlängst über die traurigen Geschicke der Juden in Sibirien etwas näheres erfahren. Das Verdienst, die öffentliche Meinung auf die schwere und schwierige Lage der Juden in Sibirien: gelenkt zu haben, gebührt in erster Reihe dem in Sibirien : erscheinenden rein russischen Blatte „Wosstotschnoje Obosrenje" (Oestliche Rundschau), welches mit bewunderungswürdigem Mute und lobenswerter Offenheit alle die ungünstigen Verhältnisse und Faktoren schilderte, welche das Leben der Juden in Sibirien bewegen, erschweren und oftmals un- \ möglieh machen. Und wahrlich! Die Mitteilungen dieses nafio-