Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 47 (21.11.1902)
- Article
- Ueber die Aufnahme der ökonomischen Tätigkeit in das zionistische Programm
- Date
- 1902-11-21
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3316007-3326371--35891-3326460- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 47 Seite IS wenn auch* bettelarm* r M ister weiden kann. Wir werden uns noch augenfälliger überzeugen, dass das jüdische Handwerk keine Fortschritte gemacht hat, wenn wir die Handwerkertätigkeit während der letzten 25 Jahre veranschaulichen. Nach den Angaben der im Jahre 1881 eingesetzten kaiserlichen Kommission zur Erforschung der ökonomischen Lage der Juden im Ansiedlungsrayon beträgt die Zahl der jüdischen Hand werker in allen 15 Gouvernements (mit Ausnahme des Weichselgebietes) 293.510. Darunter waren 156.546 Meister, 71.255 Gesellen und 6.V710 Lehrlinge. Auf hundert Meister kommen also 88 Gesellen und Lehrlinge. Wenn wir die gegenwärtige Lage des Handwerks mit dem früheren vergleichen, bemerken wir auch einen allzu spärlichen Fortschritt. Auf hundert Meister kommen heutzutage 95 Gesellen und Lehrjungen. Kann man das Fortschritt und Ertolg nennen? Auch auf diesem Gebiete tritt die Tendenz hervor, die Juden aus den einträglichen Gewerben zu verdrängen und ihnen die dürftigsten und schlechtesten zu überlassen. In dieser Beziehung ist die Tabelle hochinteressant, die dem „Versuch der Beschreibung des Gouvernements Mohilew" entnommen ist. Alle Gewerbe des Gouvernements Mohilew teilen sieh in fünf Gruppen, je nach der Art der Produkte; sie teilen sich aber dann wieder nach dem Grade des Einkommens, und zwar folgendermassen : Perzeat- Anteil Name der Gruppen Jährlicher Verdienst der Juden V. Gruppe....... 192 75 II. Gruppe ....... 190 82 III. Gruppe....... 153 84 L Gruppe ....... 153 86 IV. Gruppe....... 150 90 Mit anderen Worten, je geringer die Einträglichkeit einer Gruppe ist, desto grösser ist der Anteil der Juden daran und umgekehrt. Diese Ziffern sind vom Jahre 1881. Zur Zeit sind die Verhältnisse noch schlimmer und ein jährlicher Verdienst von 135 Rubel ist ein ersehntes Ideal. Wir entnehmen dem „Blioch" folgende Daten, um unsere Ansicht von der Verdrängung des jüdischen Handwerkers noch einleuchtender zu beweisen: Hand werke mit jährlichem Einkommen: Von 30 Rubeln jüdische 15, nichtjüdische —von 35 Rubeln jüdische 10,nichtjüdische —, von 40 Rubeln jüdische 12, nichtjüdische 2,45 Rubeln jüdische 9, nichtjüdische —, zusammen jüdische 46, nichtjüdische 2. Handwerke mit jährlichem Einkommen: Von 400 Rubeln jüdische 11, nichtjüdische 4, von 450 Rubeln jüdische 33, nichtjüdische 35, von 500 Rubeln jüdische 6, nichtjüdische 15, zusammen jüdische 50, nichtjüdische 54. Während also in den niedrigsten Gewerben die Juden 98°/0 biidens sind in den einträglicheren schon 50% Nichtjuden und in denen mit 500 Rubel Einkommen sind die Nichtjuden 2!/Ätnal mehr als die Juden. Selbstverständlich trägt diese Konzentration aller jüdischen Arbeit auf einige Gewerbe dazu bei, dass viele Handwerker sich auf den Kleinhandel werfen, wo sie ein elendes Dasein fristen. Dies zog schon die Aufmerksamkeit vieler Forscher und darunter auch des Professors Subbötin auf sich. Zwar ist auch in anderen europäischen Ländern das Leben des Handwerkers ungünstig und die meisten werden von der Fabriksindustrie verschlungen. Sie werden Fabriksarbeiter, und zwar organisierte Arbeiter. Wie viele wirkliche Fabriksar heiter haben denn wir Juden? Diejenigen Herren, die so gern von einem jüdischen Arbeiter-Proletariat sprechen, haben sich nie die Mühe gegeben, die wirkliche Sachlage kennen zulernen. Nach den letzten statistischen Angaben vom Jahre 1897 gibt es innerhalb des Ansiedlungsrayons in den Fabriken 33.933 Arbeiter, die minderjährigen mit inbegriffen. Aber auch diese Ziffern übersteigen die wirklichen. (Fortsetzung folgt.) Eine Frage. Geehrter Herr Redakteur! Ich wäre Ihnen für die Veröffentlichung der nach-, folgenden Zeilen im „Volks w"i rtschaftlichen T eile" Ihres geschätzten Blattes sehr verbunden. In den zahlreichen Städten West- und Südrusslands, in denen die Juden zusammengedrängt wohnen, ist die Not eine so grosse, dass tausende von jüdischen Arbeitern üncl Arbeiterinnen gerne Beschäftigung zu einem Löhne annehmen würden, der ausländischen Verhälthissen gegenüber als unglaublich gering erscheinen würde, zum Beispiel 25-30 Kopeken per Tag. Könnten nun jüdische kapitalskräftige Philanthropen nicht der Not tausender Armer abhelfen, indem sie Werkstätten und kleine Fabriken anlegen, in denen solche Artikel erzeugt werden, die, dank der Billigkeit der Arbeitskraft, im Auslande Absatz finden könnten, besonders in England, dem Lande, in dem Arbeit am teuersten bezahlt wird und das gleichzeitig auch fast gar keine Einfuhrzölle kennt? Der Plan wird vielleicht im ersten Momente aussichtslos oder gar absurd erscheinen. Man bedenke aber, dass zum Beispiel Deutschland — jetzt auch ein Land ziemlich hoher Löhne — seit einigen Jahrzenten England mit den Erzeugnissen seiner Industrie überschwemmt, unter anderem auch mit solchen Artikeln, wie zum Beispiel Messer, in deren Fabrikation England selbst Weltruf besitzt. Selbstverständlich wird, insbesondere im Anfange, nicht an die Herstellung komplizierter oder Spezialartikei gedacht werden können; aber es gibt Gegenstände, wie zum Beispiel gewöhnliche Kuverts, Hefte, Zigarettenhülsen etc., deren Anfertigung auch ungeübten Arbeitern nicht schwer fällt und bei deren Herstellungskosten der Arbeitslohn eine so wichtige Rolle spielt, dass bei der Billigkeit, der obenerwähnten Arbeitskräfte an eine Konkurrenz mit dem Auslande gedacht werden könnte. Selbstverständlich könnten die geplanten Werkstätten auch für das Inland und ebenso auch für verschiedene Gegendendes Orients, Egypten, Persien, Klein- und Zentral-Asien etc., arbeiten. Dass sich eine ganze Reihe von Artikeln finden würde,- die sowohl in Bezug auf technische Herstellung als auch hinsichtlich des kommerziellen Vertriebes für die Ausführung des obigen Planes geeignet erscheinen könnten, ist zweifellos; jedenfalls wäre es wünschenswert, dass Fachleute sich über diese Frage in den Spalten der „Welt" aussprechen. Von Seite der Regierung sind keinerlei Schwierigkeiten zu erwarten, insbesondere, solange diese Unternehmungen auf gewöhnlicher (kapitalistischer) Grundlage errichtet sind und nicht die Formen von Kooperationen etc. annehmen. Sollte sich nach dem Ablaufe irgend einer Geschäftsperiode ein Gewinn ergeben, so kann er ja stets an den Inhaber des Unternehmens für Remunerationen an die Arbeiter etc., für Angliederung vop Fachschulen an solche Fabriken etc. verwendet werden. Auch wäre ja eine Verzinsung des investierten Kapitals in mässiger Höhe (zum Beispiel 4%) zulässig und würde tfen kommerziellen Charakter des Unternehmens noch mehr hervortreten lassen, ohne dass der eigentliche Zweck desselben allzusehr geschmälert würde. Dank solcher Unternehmungen könnte der Wunsch und Rat Dr. Nordaus — anstatt Geld für überseeische Reisen zu verpuffen, sich im Heimatlande für produktive Arbeit zu organisieren — erfüllt werden. Von besonderem Vorteile wäre es, wenn nicht vereinzelte Unternehmungen von einzelnen Kapitalisten errichtet würden, sondern letztere eine grössere Gesellschaft gründeten, die dann in den voraussichtlichen Absatzgebieten erst gründliche Studien über die dortigen Konsumverhältnisse veranlassen und später ebendaselbst den Absatz in entsprechender Weise organisieren würde. Mit Hochachtung Nowarossisk. M. Barte). Aus unserer Volksbildungs-Bewegung. Oesterreich-Ungarn. Programm der Jüdischen Toynbee-Halle, XX., Karajangässe Nr. 20. Sonntag den 23. November: Hermann Berliner, „üeber Buchführung'*', IL — Montag den 24. November: Jonas Aschkenas, „Modernes Judentum". — Dienstag den 25. November: Diskussion über „Frauenberufe", IV. — Mittwoch den 26. November : Gustav Sicher, „Geschichte des jüdischen Volkes im Altertum44. — Donnerstag den 27. November: Frl. Malvine Friedmann, „Leopold Kompert", 5. Dichterabend. — Freitag den 28. November: M. G. Mälzer, „Bibel, Erklärung der Sidra". — Samstag den 29. November: Konzert. — Anmeldungen zu Vorträgen beliebe man zu richten an Dr, I. Sa dg er, IX., Liechtensteinstrasse Nr. 15. Frankreich. Jüdische Volksuniversität. Paris. Die „Universite Populaire Juive", die unserem, unermüdlichen Gesinnungsgenossen und tatkräftigen Führer Dr. Alexander Marmorek ihre Entstehung verdankt,, eröffnete den zweiten Jahrgang ihres Bestandes unter