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Die Welt · 1902-11-21 · 47 (21.11.1902) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
47 (21.11.1902)
Article
In den Bergen Dagestans
Date
1902-11-21
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 JMe & We8tM m. 47 Auch die Tracht Benjohus förderte diesen besonderen Eindruck. Der geschickt genähte Tscherkessenmantel aus Kameeltuch umspannte eng seine schlanke Figur. Ein grosser Dolch in saffianlederner Scheide hing an der Gurte, aber ohne die üblichen Silberanhängsel. Auf dem Rücken trug er eine Jagdflinte, am Kopfe die Papacha. die hohe Pelzmütze der Tscherkessen. Die langen Seidenhaare der, Pelzmütze aus Ziegen wolle, welche in, zwei Büscheln herabhingen, umrahmten sein Gesicht. Würdevoll verneigte er sich vor mir und reichte mir die Hand, etwas murmelnd. „Er segnet deinen Eintritt in sein Haus/6 erläuterte mir Mahomad-Ogla. „Er ruft die Gnade Gottes auf dein Haupt herab! . . . Sei hier der Hausherr . . . Scholom- Äleeliem! Mögen die Wünsche deiner Seele in Erfüllung gehen." .,Man hat dich ohne mich nicht empfangen können," fuhr Benjohu fort. ..meine Alte ist krank, meine Tochter Machlass noch jung. Verzeih" ihre Unwissenheit! . . . Baruch-habo!" Und trotz seiner Müdigkeit nahm Benjohu selbst alle mein« Sachen und trug sie in die Saklja (Hütte). Er brachte auch noch einige weiche Polster und einen haarigen Teppich aus dem Kuban, „So wirst du dich besser ausruhen können. Ist vielleicht gefällig, die Fusswaschung vorzunehmen?" Die letztere Frage erschien mir anfangs unverständlich. Mahomad-Ogla aber erklärte mir das Missverständnis. Benjohu hielt mich für einen Chacham, der unter den Gebirgsjnden des Kaukasus eine an Anbetung grenzende Verehrung geniesst, zumal die Masse der kaukasischen Bergjuden des Lesens und des Schreibens unkundig ist. Mit welchen bewunderungswürdigen Zeremonien ein CKachani in den jüdischen Aulen (Dörfern) auf dem Kaukasus empfangen wird, darüber berichtet der Forschungsreisende Jehuda der Sehwarze ausführlich. Die kaukasischen Bergjuden sind ausserordentlich gastfreundlich, aber ohne Eigennutz oder Vorteil. Ich selbst sah später, wie aufrichtig die Bergjuden sich beleidigt fühlten, als ich ihnen Geld für das mir gewährte Nachtquartier anbot. Die Gastfreundschaft der kaukasischen Bergjuden beschränkt sich aber nicht darauf, dem Reisenden oder dem Wanderer Nachtquartier und Essen zu geben. Ist der Gast arm und hilfebedürftig, so gibtihm die Gemeinde eine Geldunterstützung, versieht ihn mit Lebensmitteln und einige Dorfinsassen begleiten ihn . unwiderruflich bis zum nächsten Dorfe. Kaum hatten wir uns bequem gemacht, als in der Türe zwei Jünglinge erschienen, welche Machlass verblüffend ähnlich sahen. Nur waren ihre Gesichter ernster, ihre Manieren zurückhaltender, während ihre Augen einen traurigen Ausdruck hatten, der den Semiten allerorts eigen ist. Die Jünglinge sahen eher mittelalterlichen Rittern ähnlich als unseren degenerierten Juden. Sie blieben an der Schwelle stehen, so lange der Vater sie nicht gerufen hatte. Benjohu kam mit seinen Söhnen von der Jagd. An einem Hohlwege der Schlucht von Kaj-Bulag hatten sie eine Antilope erlegt und das Lager eines Leoparden entdeckt. Die Antilope hatte Benjohu mitgebracht und lange die schönen Formen des auf dem Boden der Veranda leblos liegenden Tieres mit Liebe betrachtet. „Es ist sehr schwer, hier einer Antilope zu begegnen, noch schwerer aber ist es, sie zu erlegen/* bemerkte Mahomad. „Sie ist die vierte, welche ich in diesem Frühling erlege," sagte Benjohu, die Antilope mit dem Fusse stossend. „Und begegnet man hier Wildschweinen/* fragte ich. „Deren gibt's hier viele, aber wir Avollen sie nicht erlegen," entgegnete Benjohu, die Stirne kaum runzelnd. „Die Russen zahlen ja für dieses Wild teures Geld . . . " Benjohu runzelte die Stirne noch stärker., warf auf mich einen seltsamen Blick, um jedoch alsbald sein früheres freundliches Aussehen wieder anzunehmen. Der Gastfreundschaft zuliebe ertragen die kaukasischen Bergjuden alles. Es gab unter den russischen Beamten des Kaukasus auch solche, welche rücksichtslos genug waren, ihre Wurst und ihren Schinken auf dem Geschirr der Bergjuden zu verzehren oder sie auf ihren Herden zu braten und zu kochen. Die Juden trugen diese Unbill und .habe^n. gegen diese Vergewaltigung ihres religiösen Gewissens:, dtirchnichts protestiert. Aber nicht aus Feigheit hatte der Bergjude nicht protestiert. Die kaukasischen Juden können für ihre Würde einstellen. Aber der Bergjude schwieg, „um den Gast nicht zu beleidigen". Die Lobredner auf die russische Gastfreundschaft werden doch zugeben: so weit geht die russische Gastfreundschaft nicht! . . . „Und woher ist der Leopard hierher gekommen? Vielleicht aus Kabarda?" fragte ich neugierig. „Ja, aus dieser Gegend. Dort bilden sie keine Seltenheit," entgegnete Benjohu. Am Nord- und Südabhange der kaukasischen Berge sind Leoparden in nicht geringer Zahl anzutreffen. Den Landwirten fügen sie grossen Schaden zu. Sie dringen in die Stallungen ein, um Schafe und Ziegen zu vernichten. Sie werden aber auch leicht erlegt, oftmals sogar durch Keulenschläge. „Ist denn die Begegnung mit einem Leoparden immer ungefährlich?" frug ich Benjohu. Er machte nur eine verneinende Kopfbewegung. „Der Leopard ist ein schreckliches Tier," beeilte sich Mahomad zu erklären. „Selten kommt es vor, dass man aus der Begegnung mit ihm ohne Schaden davonkommt. Der Leopard ist das stärkste unter allen Tieren der Berge." „Werden hier Leopardenjagden veranstaltet?" „Benjohu allein veranstaltet solche Jagden, ein anderer nicht. Es ist auch eine sehr gefährliche Sache. Der Sehuss kann fehlgehen; dann bleibt der Kopf auf den Schultern nicht sitzen." „Ist es Benjohu > jemals gelungen, einen Leoparden zu erlegen?" „Er hat sogar mehrere erlegt. NFur ein einzigesmal hatte das Tier seine Hand verletzt. Er gilt bei uns als ein grosser Jäger, als ein Mann ohne Furcht." Diese merkwürdige Erscheinung erfüllte mich mit Staunen. Später aber erfuhr ich, dass Benjohu auch den Bären auf dem Kaukasus Schrecken einflösste, da er sie zu Dutzenden erlegte. Doch wurde mir von unparteiischen Zeugen bekundet, dass Benjohu unter den kaukasischen Bergjuden keine Ausnahme bildet. Solche eingefleischte Nimrode sind unter den Bergjuden eine ganz gewöhn!iche Erscheinung. Aber Benjohu war in der ganzen Umgebung nicht dadurch allein berühmt. Sein Vater hatte vor vielen JahTen einen Einwohner aus Tobassar erschossen, welcher ihm seine Tochter, eine berühmte Schönheit, rauben wollte. Der Dieb wurde auf frischer Tat, d. h. in dem Augenblicke, wo er das gefesselte Mädchen quer über den Sattel legen wollte, ertappt. Ohne sich viel zu fiberlegen, erschoss Uftach, der Vater Benjohus, den Beleidiger an Ort und Stelle. Der Dschamaat, der Volksrat, hielt eine Sitzung ab und erklärte Uftach als Kanly, als der Blutrache verfallen. Vor dieser Rache flüchtend, übersiedelte der Jude in einen anderen Bezirk und wurde zum Abrek, zum Flüchtling. (^hhisq'folffU Voll^s^ipfschafflicbei8 ^eiL Ueber die Aufnahme der ökonomischen Tätigkeit in das zionistische Programm. Referat des Dr. Ch. D. Gurew<tsch aufder Minsker zionistischen Konferenz. III. Dieselbe Erscheinung treffen wir auch beim Handwerke an: Die Gesamtzahl der Handwerker wird nach den statistischen Angaben vom Jahre 1897 auf 500.986 berechnet. Darunter sir.d 259.396 selbständige Meister, 140.528 Gehilfen und 101.062 Lehrlinge zur Verfügung haben. Auf jeden Meister kommt also durchschnittlich ein Gehilfe oder ein Lehrjunge. Unter solchen Bedingungen kann von einer Kluft, die den Meister vom Gesellen scheidet, keine Rede sein, da der Geselle auch sehr leicht ein selbständiger,

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