Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 47 (21.11.1902)
- Article
- Breslau
- Date
- 1902-11-21
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die A Wettf Hr. 47 „Ich gehöre, mit Ausnahme eines Begräbnisvereines, keinem konfessionellen Vereine an, bemühe mich, meinen Kindern die Liebe zürn König und Vaterland von frühester Jugend an einzuflösserf, zu der teuren Heimat, die den Voreltern schon eine sichere Heimstätte war trotz mancher- Bedrückungen. Aus diesem unwandelbaren Gefühl heraus möchte ich den Zionismus auf das Heftigste bekämpfen, wenn er sich in meiner Heimat — ich lebe in einer Provinzialstadt — zeigen würde. Ich nehme die Bewegung des Zionismus nicht für ernst, selbst wenn sie ausführbar wäre — was könnte einen vernünftigen Mann wohl reizen, das Sichere mit dem Unsicheren 'vertauschen? Warum ziehen die Zionisten denn nicht nach Palästina? Es hindert sie doch niemand; im Gegenteil! Derjenige, welcher glaubt, dass sein Vaterland Palästina ist, derjenige, der nicht deutsch denkt und deutsch fühlt und der dies auch nicht lernen will» der immer nur die Zurücksetzung sieht und niemals die grosse Liebe, welche "die deutsche Heimat auch für den Juden hat, der ziehe hinaus, sobald als möglich, an dem verlieren die Zurückbleibenden nichts. — Wie viele aber würden wohl gehen, wrenn es ernst würde, wie viele wohl von denen, welche heute an der Spitze des Zionismus stehen> Die Pflege der Liebe zum grossen deutsehen Vaterlande — alles tun, was eine Assimilation herbeiführen kann — innerlich durch Aneignung reindeutscher Gesinnung1, äusserlieh durch Abstreifung alles noch etwa anhaftenden Orientalischen in Sprache usw. auch der ungebildeteren Elemente, Austritt aus allen internationalen Vereinen, auch wenn sie Kulturzweeken dienen (Alllance Israelite), und «ror allen Dingen das Aufhören der Solidarität unter den Juden — dass sich die ganze Glaubensgemeinschaft getroffen fühlt, wenn irgend einem Glaubensgenossen Unrecht getan wird — unbeschadet der energischen, persönlichen Abwehr bei persönlichen Angriffen — das ist der einzig berechtigte wahre Zionismus. Es ist kein Zweifel, dass die Assimilierung Fortschritte macht, dass Ungezählte so denken wie ich, aber sie muss durchgeführt werden. Dies kann nur durch innere Mission erfolgen; das Geld, welches der Alliance Israelite zufliesst für die ausländischen Glaubensgenossen, wie wohltätig könnte es in der Heimat zur Hebung der deutsehen Kultur bei den Glaubensgenossen — nicht nur in Posen — verwendet werden. Dieselbe würde erleichtert, wenn kein Zuzug ausländischer Juden stattfände." Daran knüpfte die ..Sehles. Ztg." weiter keine Bemerkung. Aber wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir annehmen^ dass der Schreiber dieses letzten Briefes ein Jude nach dem Sinne dieses Antisemitenblattes ist. Jedes Wort der Kritik darüber ist überflüssig. Dass aber Dr. Zlocisti eine „Reorientalisierung" proklamiert hat, geht selbst aus dem sehr objektiven Berichte der „Schles. Ztg." nicht hervor. Das hat sie nun nur hineingelesen. Sie hält das Wiederaufleben jüdischer Kultur in modernem Geiste dafür. Das ist doch aber wohl ein erheblich anderes, worauf ja auch schon in der anderen Zuschrift an die „Schles. Ztg." genügend hingewiesen ist. Interessant ist die Bemerkung, „dass die jüdische Bevölkerung recht erhebliche Hechte besitze und dieselben sich auch zunutze zu machen verstehe". Wenn auch darum die „Schles. Zig." mit dem Zionismus nicht mehr sympathisiert: eine Kritik der "bestehenden Zustände lassen wir Zionisten uns auch nicht nehmen. Und wir lassen es uns auch nicht nehmen, wenn wir auch ein neues Heim uns bauen wollen, doch noch nebenher daran zu arbeiten, dass das alte wohnlicher werde, schon für die, die selbst später einmal darin verweilen wollen. Selbst der jüdische Brief- Schreiber der „Schles. Ztg." aus der Provinz kann daran nichts ändern. In der Tat hat auch die „Schles. Ztg.'* vor drei Jahren einen anderen Standpunkt eingenommen. Damals schrieb sie (30. März 1890) im Anschlüsse einen Artikel der „Konserv. Korresp.": „Für Deutschland würde ein Gelingen der über Erwarten angewachsenen Bewegung von Vorteil sein. Für die im Elend verkommenden jüdischen Massen im Osten zu--sorgen, gebietet die Notwendigkeit. Erinnern sich die Juden ihrer Stammesherkunft und der sich aus dieser ergebenden Verpflichtung, so wird deshalb niemand annehmen, dass sie unpatriotisch seien. Werden vielmehr die westeuropäischen Länder von dem dauernden Zuströmen erwerbsloser armer Juden befreit und wird so der brennendste Teil der Judenfrage durch den Zionismus praktisch gelöst, so wird man der Bewegung Dank wissen, -wie" man ihren theoretischen Zielen schon heute die Billigung nicht versagen kann." Das klingt nun doch etwas anders als der jetzige Standpunkt. Sollten wirklich Dr. Zlocistis Ausführungen an der Sinnesänderung schuld sein? Beinahe glaube ich ein Anderes. Die jetzige Anschauung der „Schles. Ztg." erinnert gar so sehr an eine, die uns Zionisten sehr wohl bekannt ist, die uns gar oft in unseren Versammlungen von unseren Gegnern vorgehalten wird. Ich kann da die Vermutung nicht unterdrücken, dass die „Schles. Ztg." zu ihrem Gesinnungswechsel durch — assimilatorische Stammesgenossen kam, denen alle uns freundliche bisherige Haltung des konservativen Blattes schon längst ein Aerger war, wozri!;noch kommt, dass der Referent der „Schles. Ztg.", der den Berieft schrieb, ein früherer Jude ist, noch heute manche Beziehungen zu Juden hat. Bisher warf man uns sogar in unseren Versammlungen vor: „Seht Ihr, das Antisemitenblatt, die „Schles. Ztg.", lobt Euch sogar, weil Ihr Zionisten der Antisemiten Geschäfte besorgt." :; Uebrigens schloss der Brief des zionistischen Einsenders an ' die „Schles» Ztg." wie folgt: . „Der deutsche Kaiser sagte neulich in Posen: ,Das Königreich Preussen setzt sich aus vielen Stämmen zusammen* welche stolz sind auf ihre frühere Geschichte und Eigenart. Das hindert sie nicht, vor allen Dingen brave Preussen zu sein/ Sollte das nicht auch von den Juden gelten, die stolz auf ihre Eigen» art sind und sie nicht vergehen lassen wollen?" Warum die „Schles. Ztg." diesen Passuswohl weggelassen hat, Mit ihrer früheren Stellungnahme zum Zionismus war die , „Schles. Ztg." zum Staunen aller, die sie kennen, zum erstehmale objektiv in einer jüdischen Frage. Sollte ihr das leid getan haben? Wie dem auch sei: die Sympathie der „Schles. Ztg" konnte , uns nicht fördern; ihre Antipathie wird uns ebensowenig schaden. Hugo /Schachtel. Oesterreich-Ungarn. Zur Wiener KuKuswahl. Am letzten Montag war die offizielle Wählerversammlung der Knltusgemeinde im Hotel „zur Post". Es hatte den Anschein, als ob die Wiener Offiziellen vor.den Wiener Juden Angst hätten. Denn nicht weniger als ein Dutzend Diener mit gezückter Amtsmiene bewachten den Eingang ins Paradies und im Saale sorgten zahlreiche junge Beamte der KuHüsgemeinde für Aufrechterhaltung der Unordnung, damit stets ein Grund zur Schliessung der Sitzung vorhanden sei; denn ach! es gab auch viele oppositionelle Redner in der Versammlung. Tatsächlich wurde die Versammlung vom fierrn Vizepräsidenten Dr. Stern, der bald nach dem Anfang wegen Unwohlseins des Präsidenten die Leitung übernahm, geschlossen, der Sturm der Entrüstung aber zwang' zur Aufhebung der Massregel. Herr kais. Rat Klinger begrüsste die Anwesenden und führte aus? dass er wünsche, die Anregungen und Beschwerden der Wählerschaft möchten nicht immer vor dem Wahlgange, sondern das ganze Jahr an den Vorstand geleitet werden. (Weiss der Herr Präsident nicht, dass es eine jüdische Presse gibt? Das ist doch ein ewiger Wunschzettel der Judettheit; nicht die hochachtungsvoll ergebene, sondern die Presse des Volkes. Allerdings verlangt sie eine grosszügige und nicht eine Flick wer kpolitik, die ausschliesslich ans gnädigen Bewilligungen von Geld besteht, sondern Sinn für Unsere Zukunft hat.) Nach einander treten jetzt die Kandidaten des offiziellen Wahlkomitees auf und die meisten bringen wörtlich folgende ge^ Hügelte Worte vor: „Ich bin 17« 143 6 Jahre Vorstand, Ich kahtt Ihnen kein Programm entwickeln. Ich bitte um1 Ihr Vertrauen," Sollte man es glauben? Die Wiener jüdische Wählerschaft applaudierte zu ihrer Verhöhnung. In diesen Zeiten, von denen ein bewährter nichtzionistischer Kenner der Verhältnisse sagte, dass sie in Kürze zum Ruin der Wiener Kultusgemeinde führen werden, wissen die offiziellen Kandidaten nicht, was sie tun werden und ernten für dieses Geständnis noch Beifall. Nur die ganz neuen Kandidaten sprachen einige Worte über die Taxe, sprachen z. B. von sozialer Hilfe, zeigten sich aber mit den bestehenden unzureichenden Einrichtungen höchlichst zufrieden. Eine nervöse Unruhe entstand, als unser Kandidat Herr Arch. Marmorek das Wort ergriff. Jedes Wort der Kritik iührte zu Lärm auf der Gegenseite, der Präsident verwahrte sich einmal nach dem ander ennial gegen angebliche Provokationen. Aber unbeirrt führte der Redner die Forderungen unseres Programme« aus, die Forderungen an die Führerschaft der Kultusgemeinde in Fragen der geistigen und wirtschaftlichen Hebung des jüdischen Volkes als Führerin einer Reichsorganisation, als Fürsorgerin eines lawinenartig wachsenden jüdischen Proletariats, und erntete zum Schlüsse den Beifall vieler Ueberzeugter. Da er einiges über die zahlreichen Uebertritte sagte, gab der Präsident eine offizielle Erklärung ab: Es seien gar nicht so viele, als m a n sage. Nur 2 8 34 seit 4 Jahre n. Es sprach hierauf noch ein von den derzeitigen Zuständen entzückter Kandidat, worauf Heri* Dr. Kahn als Bewerber zu Worte kam. Er zog eine Parallele zwischen dem offiziellen und dem Programm der Opposition und unterzieht die Missstände in der Gemeinde einer wuchtigen Kritik. Der beste Beweis dafür, dass er den Nagel auf den Kopf getroffen habe, gab die Aufregung einiger Säulen des bestehenden Systems, die ihn überschrien, als er das Verlangen aussprach, dass absolut reine Wahlen stattfinden mögen, nicht wie vor zwei Jahren. Damit waren jene Demagogen gebrandmarkt, die vor zwei Jahren sicTT im Wahlaufruf den Ausruf, die unerhörte Bemerkung leisteten, dass bei Wahl unserer Kandidaten die Steuerträger für utopistische Zwecke werden zahlen müssen.