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Die Welt · 1902-11-21 · 47 (21.11.1902) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
47 (21.11.1902)
Article
Rumänische Politik und Politiker
Date
1902-11-21
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 47 „Die # Wclt^ Seite 7 vertragen. Wie kann man denn eine Wahlkampagne in Rumänien sich unter den Augen Europas abspielen lassen? Und die guten alten Keilereien und die traditionellen Judenhetzereien und all die politischen Reden, was geschieht mit diesen? Ja, das ist unangenehm, und so passierte es auch, dass ein liberaler Anhänger des Herrn Stourdza, in die fürchterliche Lage versetzt, entweder schweigen zu müssen oder gegen die Juden etwas Neues zu erfinden, sich genötigt sah, die diplomatischen Interessen seines Chefs zu opfern und unter stürmischen Hochrufen eines entzückten Auditoriums die Juden (die„Allianceisraelite", die jüdischen Millionäre etc.) für die schon bekannten Artikel Take Jonescus verantwortlich zu machen. Das tat Herr C u 1 o g 1 u un d Herr Stourdza, in seiner heuchlerischen Neutralität nicht wenig dadurch gestört, konnte nicht einmal gegen seinen Parteimann protestieren: — c'est l'usage du pays! oder sollte er die schöne Wirkung dieses Wortes der Opposition überlassen und so die Niederlage seiner Partei vorbereiten? Das geht nicht, umsomehr, als Herr Culoglu damit nach zwei Seiten hin wirkte. Er bewies erstens dem P. T. Publikum, wie waschecht der Antisemitismus der liberalen Partei auch jetzt geblieben ist, und zweitens kompromittiert er den Herrn Take J o n e s c u und mit ihm die ganze konservative Partei, die sich der „Finance juive* verkauft hat! Aber besser wäre es doch gewesen, wenn Herr Stourdza und seine Parteimänner sich überhaupt keinen Zwang auferlegen müssten, d. wenn Europa sich nicht mehr mit Rumänien beschäftigen möchte. Wie schön waren doch die Zeiten, als die Bojaren „frei" nach Herzenslust und ohne sich um sogenannte Zivilisationsprinzipien zu kümmern, Herren in ihrem Hause waren, Gesetze machten, politisierten und terrorisierten! Nach dieser »freien* Zeit sich sehnend, ersann Herr Stourdza sein neues politisches Manöver, das dem Lande die erwünschte Dunkelheit zurückgeben solL Es handelt sich um nichts Geringeres als um die Einbürgerung der Juden! Ja, um die Einbürgerung der rumänischen Juden, aber nicht aller rumänischen Juden und nicht jetzt. Und ich muss auch sofort bemerken, dass nicht Herr Stourdza die Verpflichtung, einen Teil der Juden einzubürgern, auf sich nimmt, sondern einige anonyme Redakteure in den Herrn Stourdza befreundeten Zeitungen. Die Sache steht so : Herr Stourdza kann es nicht versprechen, weil die Konservativen das Volk gegen ihn aufhetzen würden; andererseits werden die Juden hoffen und schweigen. Herr Stourdza hat also tatsächlich nichts versprochen, was er im geeigneten Zeitpunkte auch tun wird und hat nun Ruhe seitens der Juden, die die Erfüllung des Versprechens abwarten werden. Und weil Herr Stourdza ein echter rumänischer Politiker ist, so geht sein Plan dahin, nicht nur die Juden für sich zu gewinnen, sondern sie auch zu entzweien* indem er nur einem Teil der Juden die Rechte zu geben verspricht. Es sollen nämlich, so heisst es, die „titrierten*4, die Studierten unter den Juden, eingebürgert werden und die Reichen, die eine Fabrik oder irgend eine an dere grosse Unternehmung in Rumänien haben. So hofft Herr Stourdza mit einemmale sich Ruhe zu verschaffen. Die Reichen werden hoffen und schweigen. Die anderen, die stumme und unkundige Masse der Armen und „Untitrierten*, wird schweigen und sterben. Um die Sache glaubwürdiger zu machen, beauftragt man einige bekanntere rumänische Politiker, deren Woit und Meinung Ansehen besitzen, die aber „Wilde* sind, d. lu, keiner regulären Partei regelrecht angehören, sondern allen Regierungen Dienste leisten, deren Wort also Herrn Stourdza nicht mehr bindet, als die anonymen Artikel in der Parteipresse, sich auch mit der Judenfrage zu beschäftigen und zum selben Schlüsse zu gelangen. So beschäftigte sich vor kurzem Herr G. Pa nu, gewesener Chef der Radikalen und jetzt „Wilder" im Dienste des Herrn S t o u r d z a, in seiner Wochenschrift „Saptamina" mit der Judenfrage und gelangte, wie ausgemacht, auch zu dieser partiellen Einbürgerung in einer nahen Zukunft. Bis dahin, riet er, sollen sich die „Titrierten* beruhigen und schweigen. Es scheint aber, dass die Lüge diesmal niemanden täuschen kann. N. Deutschland. Breslau. (DieKonsequenz der„Schlesischen Zeitung*.) Am 8. November brachte die „Schlesische Zeitung" nach einem objektiven Bericht über eine Versammlung des Breslauer Zionistischen Vereines (Referent: Dr. Th. Zlocisti) folgende Bemerkungen der Redaktion: Der Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen und erfuhr keinerlei Widerspruch. Vom Vorsitzenden war die Versammlung mit einigen dem letzten Tätigkeitsberichte des zionistischen Aktionskomitees entnommenen MttKeilungeE über weitere Fortschritte der zionistischen Bewegung eingeleitet worden- Die männliche Hörerschaft in den hiesigen Versammlungen, an denen sich stets auch zahlreiche Damen beteiligten, besteht vorwiegend aus jüngeren Leuten, die den verschiedensten Berufsständen angehören. Die refferen Lebensalter sind nur spärlich vertreten- Die wirklich im praktischen Leben stehende jüdische Bürgerschaft Breslaus scheint also der Bewegung kaum ein Interesse zuzuwenden. Bleibt aber die zionistische Agitation, die über anerkennenswerte rednerische Kräfte verfügt, auf die Dauer wirksam, dann vermag sie in nicht zu ferner Zukunft tiefgehende Differenzen zu erzeugen: sowohl innerhalb der jüdischen Bevölkerung selbst, deren mehr zu deutschem als zu jüdischem Wesen hinneigende Mitglieder von den Zionisten als „Assimilationsjuden" gehasst und "bespöttelt werden, wie auch zwischen den Zionisten und den Deutschen überhaupt, die vielleicht nicht immer geneigt sein werden, eine solche Reorientalisierung, eine immer aufdringlicher werdende Betonung jüdischen Nationalbewusstseins als mit dem Besitze der deutschen Staatsbürgerrechte verträglich anzusehen. Am 16. November bringt das Blatt folgenden Artikel: Der in Nr. 787 d. Ztg. veröffentlichte Bericht über den in einer Versammlung des Breslauer Zionistenvereins gehaltenen Werbevortrag des Dr. Zlocisti hat zu einigen Zuschriften an uns * Veranlassung gegeben, die wir nicht vollinhaltlich hier wiedergeben können, da dies — so interessant diese symptomatische Bewegung im Judentum auch ist — uns doch zu weit führen würde, angesichts ihrer verhältnismässig geringen praktischen Bedeutung. Immerhin sind in den Zuschriften einige Bemerkungen enthalten, auf die hier mit einigen Worten eingegangen werden soll. Die eine Zuschrift, von der hiesigen zionistischen Vereinigung ausgehend, wirft zunächst der „Schles. Ztg." Wankelmütigkeit in der Behandlung des Zionismus vor. Sie habe diesen früher objektiv betrachtet, ihm einen günstigen Fortgang gewünscht und ihn mit der „Kons. Korr." als praktisch und theoretisch billigenswert bezeichnet. Nun werde auf einmal im Zionismus eine Reorientalisierung erblickt und die Betonung jüdischen Nationalbewusstseins als mit dem Besitze des deutschen Staatsbürger rechtes unvereinbar angesehen. Der Einsender vergisst, dass die Reorientalisierung nicht unsere Erfindung, sondern von dem Redner des Abends (Dr. Zlocisti) proklamiert und dass der Betonung der jüdischen Nationalität ebenfalls eine bisher nicht beobachtete Schärfe gegeben worden war. Hierauf bezogen sich die Schlussbemerkungen in Nr. 787 d. Ztg. Es ist daher durchaus deplaziert, wenn der Einsender der Zuschrift weiterhin schreibt: „Die „Schles. Ztg." vergisst ganz, dass die deutschen Juden doch nur recht papierene Staatsbürgerrechte haben oder haben sollen. Sie vergisst aber vor allem, dass der Zionismus hauptsächlich ein grosses Hülfswerk sei, dass der Zionismus in erster Linie für die osteuropäischen Juden da ist, dass die deutschen Juden erst in zweiter Reihe hierbei in Frage kommen. Allerdings, wird es gelingen, ein Heim den ruhelos Wandernden zu schaffen, eine Vereinigung dieser in einem Gemeinwesen irgendwelcher Art, so werden wohl auch deutsehe Juden, insbesondere deutschjüdische Akademiker, auch solche, die heute noch dem Zionismus feindlich gegenüberstehen, zu jenen ihren Brüdern gehen und für jene wirken und arbeiten und dort die Anerkennung finden, <lie ihrem Wirken hierzulande versagt bleibt. Soll das etwa unpätriotisch sein, während das Auswandern nach Amerika usw. es nicht ist? Oder fürchtet etwa die „Schles. Ztg." den Verlust dieser für die Kultur? Dann weiss sie wohl nicht, dass die deutschen Juden schon seit dem frühesten Mittelalter Träger deutscher Kultur waren, allerdings sehr unfreiwillige, als sie nämlich aus Deutschland grausam vertrieben wurden. So strebt auch heute der Zionismus keineswegs eine Reorientalisierung an, sondern er will westeuropäische Kultur nach dem Osten tragen. Ünd dann: heute können Juden nur in beschränktem Masse Kulturwerte schaffen, da sie durch antisemitische Anfeindung überall ciaran gehindert werden, da ihnen nicht all die öffentlichen Mittel, die dazu nötig sind, zur Verfügung gestellt werden; es sei denn, sie lassen sich taufen." In diesen Sätzen vermengt sich das positiv-wirtschaftliche Ziel des Zionismus mit den Tendenzen, wie sie im „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" zu Hause sind, in einer Weise, die der Sache des Zionismus kaum neue Sympathien verschaffen wird. Dass die Juden in Deutschland nur „recht papierene Staatsbürgerrechte haben oder haben sollen", ist eine Behauptung, die nicht verfehlen wird, einiges Staunen hervorzurufen, denn bisher wurde nicht bloss von christlicher, sondern auch auf jüdischer Seite angenommen, dass die jüdische Bevölkerung recht erhebliche Rechte besitze und dieselben sich auch zunutze zu machen verstehe. Ganz anders als das vorstehend erwähnte Schreiben klingt eine andere, von einem jüdischen Leser aus der Provinz uns zugegangene Meinungsäusserung, in der es u. a. heisst: . ,

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