Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 46 (14.11.1902)
- Article
- Mainz [Nachricht] / S. S.
- Date
- 1902-11-14
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 „Die .jQt.Welt" Seite 13 Dr. Adolf Friedemann, (Wiesbaden) das Wort. In längerer, oft von Beifall unterbrochener Rede gab er einen umfassenden Ueberblick über den heutigen Stand der zionistischen Bewegung, beleuchtete des Näheren das Verhältnis des Zionismus zu seinen verschiedenen Gegnern und gelangte zu dem Schlüsse, dass die zionistische Sache der tätigen Mithilfe der Frauen nicht entraten könne, Seiner Aufforderung zum Beitritt wurde von den anwesenden Damen in lebhafter Weise entsprochen, so dass die Damenvereinigung nunmehr 40 Mitglieder zählt, während noch eine grössere Anzahl von Anmeldungen für die nächste Zeit zu erwarten steht. Es sprachen in der Versammlung noch die Herren Dr. Schauer als Vorsitzender, Lazarus, Bankdirektor M i c h e 1 s o h n aus Lima, Dr. Freundlich aus Wiesbaden und Herr Lubarsky jr. aus Odessa, dessen französische Ansprache von dem Vorsitzenden Herrn Dr.Schauer in deutscher Sprache wiedergegeben wurde. Alle Anwesenden waren von dem Verlauf der Versammlung befriedigt. Eine vorgenommene Sammlung ergab eine grössere Summe für den Nationalfonds und für Zwecke unserer beabsichtigten Agitation in Rheinhessen. S. S. Feuilleton. (Nachdruck verboten.) In den Bergen Dagestans. Aus den Reiseskizzen des W. N e m ir o w i t s c Ii - D a n t s c h e n k o.*) Frei nach dem Russischen von N. Gr o 1 a n t. I. Wir, ich und mein Wegführer Mahomad-Ögla, näherten uns dem steilen Berge Kaj-Bulag. Ein klaffender Riss hatte den Berg entzweigeschnitten und einen Engpass gebildet. Ein enger und schmaler Pfad schlangelte sich durch diesen Engpass und bildete den einzigen Weg für Fussgänger. Als ich mich bereits in der Nähe des Einganges befand, vernahm ich ein heftiges Rauschen des Wassers, das die riesiggrossen, Felsblöcke vom Platze rühren zu wollen schien. Gleich beim Eingang in den Engpass erhob sich ein Duch&h (Wirtshaus). Seine platte Bedachung stand weit vor und bildete eine Art offener Galerie. Die Säulen, welche die hervorstehende Bedachung stützten, waren von Weinreben umrankt, die sich in wunderlichen Arabesken bis zum Dache hinauf schlängelten. Durch dieses grüne Netz konnte man nichts sehen, als wir aber die Pferde verliessen und cten Duchan betraten, waren wir von dem schönen Anblick dieser Dagestaner Schankstube entzückt. Die Strahlen der untergehenden Sonne drangen durch das Weinrebennetz und spielten auf den Wänden des Hauses mit ihrem opalartigen Glänze. Auf dem Boden, überall, wohin der Blick gelangen konnte, huschten behend Schatten vorüber, welche die poetischen Arabesken erzeugt hatten. Die Sonnenstrahlen beschienen auch unsere Gesichter, den dunklen Teppich und die langen, zylinderförmigen Polster. Sogar auf den mit Wein gefüllten Gefässen spielte die Sonne in grünlichem Abglanze herum. „Wem gehört der Duchan?" fragte ich meinen Wegführer. „Einem kaukasischen Gebirgsjuden namens Benjohu," lautete die Antwort. Ich erinnerte mich sogleich an eine ganze Reihe interessanter ethnographischer Daten über diesen originellen Zweig des semitischen Stammes, welche der. Tifliser Gelehrte Jehuda der Schwarze in seinen Forschungen anführt. Dieser Stamm soll bereits zur Zeit des Bestandes des ersten Tempels nach dem Kaukasus geschleudert worden sein, u. zw. sollen es Nachkommen jener Juden sein, welche Salmanassar nach dem Kaukasus vertrieben hatte» Der Forschungsreisende Jehuda der Sehwarze fand unter den jüdischen Gebirgsbewohnern des Kaukasus Namen vor, welche unter den Juden in der arabischen Wüste, zur Zeit des Königs -■-— . ■ , ::''--^flt| *.) Wessel/ Nemirowitsch-Danschenko gehört zu den hervorragenden Vertretern der modernen russischen Literatur. Seine zahlreichen Romane und Novellen zeichnen sieh durch strengen Realismus, poetischem Schwung und feine Zeichnung der Charaktere aus. Seine Reiseschilderungen aus Spanien, den Balkan- Staaten und dem Kaukasus zählen zu den besten Reisewerken. und der Richter gebräuchlich waren. So fand er unter den Männern die Namen: Mamra, Gamliel, Aminodaw, Nachschon, Eldot. unter den Frauen die Nänieli: Awigail, Schulamith, Joel, Awischag u. a. vor. Die Erforscher des Kaukasus sind in neuester Zeit überhaupt zu der Ueberzeugung gekommen, dass Kartalinien und Kachetien noch vor Salmanassar von einem semitischen Stamme bevölkert waren. In den Sitten und Gebräuehen der kaukasischen Gebirgsbewohner sind jetzt noch Spuren dieses Stammes vorhanden. Dem Gewohnheitsrechte der Ossetiner gemäss ist ein Bruder verpflichtet, die kinderlose Witwe nach seinem verstorbenen Bruder zu heiraten. Auch das Aeussere, die Bewegungen und die Sprache der Ossetiner erinnern an die der Juden, die Beerdigungszeremonien dieses kaukasischen Volksstammes gleichen denen bei den alten Juden. Selbst der Name Benjohu, welchen der Besitzer des Duchan trug, der uns gastfreundlich aufgenommen, verriet etwas Patriarchalisches, Semitoarabisches, Anziehendes, ebenso wie die jüdischen Gebirgsbewohner des Kaukasus überhaupt in hohem Masse sympathisch und anziehend erschienen. Wir Hessen uns auf den am Fussboden liegenden Teppich nieder, um auszuruhen. Mahomad brachte noch einige Teppiche und richtete ein weiches Lager her, um sich hierauf in den Hof zu begeben und die Pferde zu füttern. Die Sonne leuchtete durch das Netz der Weinreben hell hinein, ein zarter Geruch mir unbekannter Blumen drang herüber, hart neben meinem Ohr sangen Vögel ein neckisches und lautes Lied und ich stand im Begriffe, den originellen Volksstamm, unter dessen Söhnen ich mich befand, und die historischen Forschungen der Gelehrten zu vergessen. Der wohltuende Frühlingsschlaf im Freien begann schon meine Äugenlieder niederzudrücken, eine gesunde Ruhe, voll Trägheit und Süssigkeit, ergriff mich gänzlich, da wurde ich plötzlich vor Entzücken und Staunen in die Höhe geschnellt und ich erhob mich von meiner Lagerstätte. Aus der Türe der Saklja (Hütte) trat ein Mädchen, das man wirklich als Fee ansehen konnte. Wäre Heine hier gewesen, wäre ihm dieses entzückende Traumgebild begegnet, wir hätten eine wunderschöne Gebirgslegende. Ich selbst empfand eine gewisse Verlegenheit darüber, dass ich vor der schönen Tochter der Wildnis mit weitgeöffnetem Munde sprach- und regungslos dastand. Man vergegenwärtige sich das sehmale Oval eines feinen und liebreizenden Gesichtes. Grosse schwarze Augen in Mandelform blickten schüchtern und Gehorsam, wie bei allen Frauen des Orientes. Die schwarzen Augenbrauen schienen von einem Pinsel zart gestrichen zu sein, so regelmässig war deren Biegung; eine reizende Nase mit dünnen rosafarbenen Nasenlöchern, welche sogar beim gewöhnlichen Atmen sich ein wenig aufblähten, und ein kleiner Mund; ein wenig angelaufene hellrote Lippen, deren obere kaum bemerkbar aufgestülpt ist, nur so viel, um die entzückenden kleinen Perlenzähne zum Vorschein kommen zu lassen. Das Haar war zwar von einem Seidentuch umhüllt, aber einige Haarbüschel drangen hervor und umrahmten mit kleinen Locken die feinen rosafarbenen Ohren. Fügt man hinzu, dass die matte, Leidenschaft verratende Farbe des Gesichtes an der Stelle der Wangen eine gewinnende Röte aufwies, so wird man leicht begreifen, warum die Gestalt dieses Judenmädchens mich so hingerissen hatte. Das schmale hübsche Handgelenk war so ideal schön, dass man über die Ringe mit den billigen persischen Steinen erbost war, welche die reizenden Finger der schönen Jüdin schmückten, Sie hub mit ihrer angenehmen, süssen Stimme zu sprechen an. Ich verstand sie nicht, nickte aber selbstverständlich mit dem Kopfe. Ein ironisches Lächeln bedeckte auf einen Augenblick ihr Antlitz, um alsbald zu verschwinden. Und wiederum blickten ihre ausdrucksvollen Augen schüchtern und gehorsam. Machlass — so hiess das wunderschöne Mädchen — war clie Tochter Benjohus und zählte erst zwölf Jahre. Aber sie hatte schon einen Bräutigam und die Hochzeit sollte auch demnächst stattfinden. Bereits im Alter von zwei Jahren wurde sie verlobt, und seit damals schickte sie, der Sitte der kaukasischen Juden gemäss, ihrem Bräutigam an jedem Samstag Früchte und Näschereien. Der Bräutigam beschenkte sie ebenfalls mit Früchten.