Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 46 (14.11.1902)
- Article
- Ein Muster-Assimilant
- Date
- 1902-11-14
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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tfa 46 „Die & Welt« Seitö 9 Das wird ein böser Tag für dies Land und auch für die Juden sein. Ich habe keine Sympathie für den.kläglichen, habsüchtigen Juden. Aber ich liebe auch diese israelitischen, Politiker nicht, diese jungen Leute, die herumgehen und ein bisschen Geld hergeben, die auf ßazaren und Bällen die jungen Mädchen unter dem Kinn kitzeln und sich nur am Vorabend der Wahl darauf besinnen, dass sie Juden sind. Wir dürfen die Wichtigkeit der uns vorliegenden grossen Frage nicht unterschätzen. Wir wollen nicht haben, dass es in diesem Lande jemals etwas geben soll, was als das israelitische Votum bekannt ist. Wir sind Amerikaner, alle, und niemals soll es ein israelitisches Votum geben/ Die Zuhörerschaft Dr. Hirsch's, die sich aus den ersten israelitischen Familien New-Yorks zusammensetzte, gab während des Vortrages oft Zeichen von Unruhe, durch die sich der Redner aber nicht beirren liess . . Eine Lesser Ury-Ausstellung. Von Adolph Donath. I. Im Kunstsalon Pisko auf dem Parkring ist Mittwoch den 12. d. M. die Kollektiv-Ausstellung der Werke von Lesser Ury eröffnet worden. Die Meinungen der Leute werden hart aneinandersehlagen. Dessen bin ich gewiss. Ury ist ja nichts weniger als einer jener Dutzendkünstler, die man im ersten Momente entweder entsetzlich findet oder entzückend und die man bald nachher wieder vergisst. Wie ein Gewaltiger ist er, wie einer, der uns Welten vorzaubert, die man vielleicht einmal im Leben erträumt hat, wie einer, der uns Schönheiten offenbart, die etwa in Stimmungen seelischer Ekstase zitternd in uns erklungen sind. Man sehe zum Beispiel sein grosses Gemälde „Jeremias". In tiefer Bläue wölbt sich der nächtliche Himmel, von einem Kranz silberweisser Sterne durchleuchtet, über dem dunklen Kamm eines Hügels. Hier liegt die Gestalt eines alten Mannes mit langem, grauem, zerzaustem Haare. Die nervige rechte Hand ist auf den Kopf gestützt, während die linke sieh niedersenkt, die hohe Stirne umglitzert der Schein der Sterne, die Lippen sind geschlossen, aber die grossen, geistvollen Augen glühen durch die Nacht, sinnen in die Ferne, als ob sie das Schicksal des Volkes erschauten, sein nimmer rastendes, immer wiederkehrendes Unglück. Etwas Unaussprechliches, Unf assbar es liegt in diesen Blicken, etwas Entsagendes und doch etwas Siegverheissendes, etwas Mildes und doch etwas Rächendes. Die Gestalt, die da, auf dem Hügel kauert, scheint eins mit Himmel und Erde. Wir fühlen die Einwirkung des Uebermächtigen. Längst erstorbene Zeiten werden in uns wachgerufen, Die alte Geschichte des Volkes wird lebendig, rührt an den zartesten Saiten der Seele, mengt sich mit den uns bewegenden Gedanken von heute . . . Nun stehen wir vollends im tia'nnkreise Lesser Ury's. Nicht nur der malende Dichter und Denker interessiert uns* an ihm, sondern auch der malende Sprecher seines Volkes, der kraftvolle Schilderer des jüdischen Volkstypus und Volkscharakters. Ausser den Studien zu seinem berühmten Gemälde „Jerusalem das sich in Züricher Privatbesitz befindet, stellt Ury den Entwurf zu seinem „Moses" aus. Schon die Auffassung des Bildes ist eine geniale. Moses steigt vom Berge herab, während sich am Horizonte die Wolken immer drohender zusammenballen. Und wie der Führer das Volk, das am Fusse des Berges seiner harrt, erschaut, schleudert er die Gesetzestafeln unter die Verderbten und Hadernden, dass sie entsetzt auseinander stieben. Seme Haltung ist die des Verachtenden, des Strafenden, des Richtenden, sein Blick flammend vor Zorn und Empörung. Man hat die Empfindung, als müsse die Gestalt des Zürnenden ins Riesenhafte wachsen, ins Raum- und Zeitlose, als griffe sie in Jahrhunderte, Jahrtausende hinüber, als verfolgte sie so manche verderbte Rotte des heutigen Volkes ... Lesser LTry hat einen unendlichen Reichtum an Ideen. Diese haucht er gleichsam seinen Figuren ein, gibt ihnen ein Fünkchen seines künstlerischen Geistes. Je länger man diese Gestalten betrachtet, desto inniger scheinen sie einem, desto leidenschaftlicher, feuriger, bald wieder auch etwas schmerzerfüllter, verschlossener. Das ewig wechselnde Geschick der Menschheit spiegelt sich in ihren Mienen. ^Natürlich, Mw-ijrjS/ es viele gehen, die dieser Art feinster seelischer Kunst keine Freude abgewinnen können. Urys Kunst geht eben weitab von der grossen Heerstrasse, Man wird sie vielleicht erst dann richtig zu schätzen wissen, wenn der stumpfe Realismus von heute verflogen ist, wenn sich eine idealere, abgeklärtere Weltanschauung durchgekämpft hat. Dann wird man auch Urys durchgeistigtem Werke „Das verlorene Paradies", das die grosse, rosige Sehnsucht der ersten Menschen in lichtvoller visionärer Weise darstellt, die verdiente Palme reichen. Von den Landschaften Urys, „in dessen Flammen färben Jehovah lebt" (wie ^sich, Franz Servaes einmal so wundervoll ausgedrückt hat), soll hier das nächstemal gesprochen werden. Zur Wiener Kultuswahl. Der Verein zur Hebung der Gewerbe unter den Juden hielt Montag den 10. November eine Plen arver Sammlung ab, die der Stellungnahme des Vereines zu den bevorstehenden Kultuswahlen galt. Es ist für den Wiener Kultusvorstand bezeichnend, dass von den geladenen Vorständen sechs in der Versammlung der Gewerbetreiben den fehlten und nur sechs anwesend waren. Der Kernpunkt der Debatte war eine vielsagende Neuheit, die uns Zionisten besonders interessiert. Wenn wir in früheren Jahren von der Kultusgemeinde verlangten, dass sie in den Fragen der geistigen, körperlichen oder wirtschaftlichen Hebung eine führende Rolle übernehmen möge, wurde dieser Vorschlag von den Vorständen, den Totenwächtern der seligen freisinnigen Partei, in grösster Aufregung zurückgewiessn und es wurde betont, dass sie nur Funktionen als Verwaltungsbehörde und Hüterin des Kultus habe. (Anm.: Siehe Defizit und Tempelmisere.) Diese Ansicht konnte unter dem Applaus der schläfrigen Wiener Juden so lange verteidigt werden, als die Forderungen der Not nicht weckend und gebieterisch auftraten. Aber „der kleine Mann wird täglich kleiner", sagte Montag der Präsident und obwohl die Leistungen des jüdischen Gewerbes anerkannt vorzügliche sind, rührt in der berufenen Behörde niemand für ihn einen Finger. Daher klang aus der Mitte der montägigen Fachversammlung wie ein Sturm der Ruf nach einer gewerbefreündlichen Tätigkeit der Gemeinde hervor. Wie schwere Sünden gegen den jüdischen kleinen Mann bis jetzt gemacht wurden, das geht aus folgenden unglaublichen Tatsachen hervor, denen in der Versammlung nui zum kleinsten Teile widersprochen wurde und die einen schmutzigen Fleck für ewige Zeiten bedeuten/ Ein Wähler, Herr Friedmann, brachte vor, dass in den humanitären Instituten, die teilweise der Gemeinde gehören, teilweise von ihr mit hohen Subventionen bedacht werden (Taubstumme n-,Blindeninstitu t,R othschil d-S pital), die Lieferungen von Brot und Gebäck ein gewisser Schamburek, der hervorragendste Agitator der Christlich - Sozialen im 18. Bezirk, die Lieferung von Zucker ein gewisser Wagner, der bei Prozessionen das Kreuz voranträgt, die Lieferungen von Kaffee der bekannte Antisemit Julius Meinl innehat. Auch die Buchbinderarbeiten in der Kultusgemeinde hat, wenigstens bis in die letzte Zeit, ein gewisser Klos s, ebenfalls ein A n ti s e m i t, au s g e f ü hr t. Die Entschuldigung, dass die Kultusgemeinde auf mehrere der erwähnten Institute nicht direkten Einfluss hat, ist lendenlahm. Jeder Kenner der Verhältnisse weiss, dass ein Wort genügt hätte, um Wandel zu schaffen. Aber da im Rothschild-Spital, das der Gemeinde gehört, dasselbe geschieht, so kann und wahrscheinlich will man nichts reden. Ein anderes hervorragendes Moment der Dehatte war, dass seitens einzelner Kultusräte zugegeben wurde, dass die Opposition der.nationaJjüdischen Parteien das treibende Element der Kultusgemeinde sei und ihr so; manche gute Einrichtungen und Projekte zu verdanken seien. Auch das vielverdrehte Wort von der Korruption (s. unser Programm) das nur böswilliger Unsinn auf die Kultusräte richten kann, wurde von Herrn Dr. Kahn mit dem richtigen Hinweis, mit dem Trinkgeldersystem bei bekannten Gelegenheiten (zum Beispiel bei Tempelbesuch an hohen Feiertagen, Begräbnissen u.a. m.) erläutert.