Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 46 (14.11.1902)
- Article
- Polen m. C.
- Date
- 1902-11-14
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die Welt* Nr. 46 hängen, oder über die Unverschämtheit, mit der sie uns an ihr Judentum glauben machen wollen? Ueber die Inkonsequenz, die darin liegt, dass sie sich selbständig' organisieren, statt in den polnischen Organisationen aufzugehen, oder über die Konsequenz, mit der sie ihren eingangs erwähnten Zielen zustreben? Unleugbare Tatsache ist es nämlich, dass wir es hier mit einem Provisorium, mit einem Fegefeuer Stadium zu tun haben, das von der Hölle des Judentums in das Paradies definitiven, unverfälschten katholischen Polentums hinüberleiten soll. Glück auf den Weg, meine Herren Polen m. CA E. F. Wz. Pressburg. Am 5. Oktober traten die jüdischen Hörer der Pressburger königl. Rechtsakademie im Restaurant Blau zum 1. zionistischen Akademiker-Verein Ungarns zusammen. Um zu bekunden, mit welchem Ernst sie ihre Aufgabe erfassen, bildeten sie gleichzeitig aus ihrer Mitte eine Reisegesellschaft, die schon für den nächsten Sommer eine Palästinafahrt rüstet. Diese soll am 25. Juli 1903 von Triest aus mit einem Separatdampfer des Oesterr. Lloyd zunächst nach Egypten, dann nach Palästina, wo ungefähr zwei Wochen verweilt wird, und zurück nach Konstantinopel führen, worauf mit 25. August die Bahnfahrt den Beschluss macht. Die Fahrt wird zionistische Akademiker, für die sie zunächst bestimmt ist, alles in allem 200 Kr., sonstige Zionisten 400 Kr., ratenweise zahlbar, kosten. Es wurden gewählt: zum Präsidenten der Reisegesellschaft der Sekretär des Pressburger „Ahawath Zion* jur, Norbert Gronich, Pressburg, Venturgasse 18, an den alle Anmeldungen und Anfragen zu richten sind, zum Sekretär jur, Emil Bauer, zum Protokollführer jur. Siegfried Steiner und zum Kassier jir. Desiderius Popper. Diese Nachricht beweist, dass der Zionismus troxz alles Wütens des wackeren „Egyenlöseg" auch in Ungarn seinen Siegeslauf nimmt. Hoffentlich suchen und finden die Pressburger Akademiker Verständigung mit ihren Wiener Kollegen, die bekanntlich gleichfalls für den Sommer 1903 eine Palästinafahrt planen, um so dem denkwürdigen Unternehmen eine desto imposantere Verwirklichung zu sichern. Rumänien. Aus Bukarest wird der „Frankfurter Zeitung" gemeldet, dass bei der Ausführung des Gewerbegesetzes eine unglaubliche Verwirrung entstanden sei, da die Regierung einander widersprechende Instruktionen. erlassen hat. Unter dieser Konfusion leiden natürlich besonders die jüdischen Handwerker, welche sich die zur Fortführung ihres Gewerbes notwendigen Zeugnisse von den Handelskammern verschaffen wollen. Die eine Handelskammer ist der Ansicht, dass diese Schriftstücke auch noch nach dem 1.—14. Oktober ausgestellt werden können; eine andere behauptet, dass dies der letzte Termin sei; eine dritte liefert die Bestellungsbriefe und Arbeitsbücher ohne Vorlegung von Geburtsscheinen, Heimatsscheinen etc. aus, während eine vierte gerade diese als unumgänglich notwendig bezeichnet Die eine Handelskammer verlangt, dass die Handwerker bei ihnen persönlich erscheinen müssen, die andere lässt eine Vertretung zu u. s. w. In dieser Verwirrung ist nur eines sicher: nämlich dass die jüdischen Handwerker häufig lange Fahrten machen müssen, viel Zeit und Geld verlieren — ganz abgesehen von dem oft unvermeidlichen Bakschisch — und schliesslich doch nicht zu einer sicheren Existenz kommen. . Schweiz. Ein Vorfall in Bern. Ein Vorfall, der sich in Bern am letzten Jom-Kippur abgespielt hatte, hat dort unliebsames Aufsehen erregt: Es wurde nämlich in der Speise-Anstalt des dortigen „Akademischen Zionistenvereines" am Vorabend des Festes eine ausserordentliche Generalversammlung einberufen und am Fasttage selbst gekocht und gegessen. Das Baseler Programm, welches das Fundament der zionistischen Bewegung ist, hat die Toleranz zu seinem Grundgesetze gemacht; diese Toleranz muss aber eine gegenseitige sein: Jeder kann und soll nach seiner Facon selig werden, aber keiner, insbesondere keine öffentliche Institution soll etwas tun was öffentliches Aergernis zu erregen geeignet ist. Die „Tat" des Berner „Akademischen Zionistenvereines* ist darum als eine Taktlosigkeit umso eher entschieden zu verdammen, als derselben absichtlich ein provokatorisches Gepräge verliehen wurde. Dem Mainzer „Israelit* bot dieser Vorfall Veranlassung, in seiner Nummer 87 vom 3. November 1902 an leitender Stelle von einem ehemaligen Berner Studenten, Herrn Dr* Seliger, einen Artikel zu bringen, der nach bewährter Methode den Unfug generalisiert und die Zionisten als Feinde der Religion stigmatisiert. Der „Israelit" war so loyal, den Artikel vor dem Drucke unserem Gesinnungsgenossen Herrn Dr. Rud. Schauer in Mainz zur Einsicht vorzulegen, so dass dieser noch in derselben Nummer Gelegenheit hatte, in glänzender Weise die Mitverantwortlichkeit des Zionismus iür Taktlosigkeiten Einzelner abzulehnen und darzutun, dass auch freidenkende Zionisten die Provokation der Gläubigen entschieden verurteilen. Wir werden aus gleichem Anlass um Aufnahme folgenden Protestes ersucht: „Ein trauriger Vorfall ereignete sich hier am Jom-Hakipurim. An diesem der ganzen Judenheit heiligsten Tage wurde in der Speisehalle des hiesigen „Akademischen Zionistenvereines* auf Majoritätsbeschluss gekocht und gespeist. Diese traurige Tatsache empört unser Innerstes. Wir betrachten diese Handlungsweise als grobe Verletzung des Zionismus und der heiligsten Gefühle unseres Volkes und protestieren hiermit im Namen aller hiesigen Zionistenvereine mit aller Schärfe gegen das genannte Institut und dessen Mitglieder, für deren Qualifikation wir nicht genügend Ausdrücke finden. Wir drücken aber zugleich unsere tiefste Verachtung allen Antizionisten aus, die diesen traurigen Vorfall publik gemacht haben, wahrscheinlich mit den verschiedensten Kommentaren und in der Absiebt, daraus eine Waffe gegen unser heiliges Ideal und dessen Anhänger zu schmieden. Jakob Salkind, Drd. phil., Erstchargierter der J.-N. St.-V. „Kadimah*. H. Hauser, , Henri Boneff, i. A. des Vereines „Zion". „Zionistenverein von Bern".* Personalnacbricbren. Herr Dr. O. Kokesch hat seine Advokaturskanzlei (bisher Tuchlauben 17) vom 10. November ab nach dem Durchhause 1., Graben 28, Goldschmidgasse 9 verlegt. Das Mitglied der Königsberger Zionistischen Vereinigung Herr J. Wiernikowski wurde am 24. Oktober zum Dr. phil. promoviert. Seine Arbeit hatte den Titel: „Das Buch Hiob nach der Auffassung des Talmud und Midrasch." Dr. phil. Gedaljahu Bosenmann wurde zum A. H* der Vereinigung „Bar-Kochbatf in Wien ernannt. Wsft-Übi'ooik. Trauerfeier für Dr. Isac Rülf. Am 19. Oktober fand in Bukarest eine Trauerfeier für den verstorbenen Altmeister statt. Sie wurde vom zionistischen Vereine „Dr. Rülf" in der grossen Synagoge veranstaltet, die würdig geschmückt und bis zum letzten Platze gefüllt war. Um 4 Uhr eröffnete der Präsident Herr G. Schapira die Feier, worauf der Kantor S. J. Schwarz mit Chor das Gebet „Ma tauwu" vortrug. Herr Rabbiner Bergler machte dann ein Hesped und schilderte rührend das Leben und die Taten des jüdischen Vorkämpfers. Der Kantor trug hierauf Psalm 113 und 67, sowie „SchiwisiÄ und „El mole rachamim" vor. Herr L. Schwarz würdigte die Verdienste des Verblichenen, worauf die Feier mit Absingung des Liedes: „Dort wo die Zeder" und Dankesworten des Präsidenten ihr Ende fand. Für die Ausschmückung des Tempels hatte H. L. Brunstein gesorgt. Es wurde für den Nationalfonds gesammelt. Die Juden von Marokko. Die englische Presse brachte vorige Woche den Brief eines amerikanischen Missionärs aus Marokko, in welchem dieser ausführt, dass der Gouverneur von Mequinez den Befehl erteilt habe, dass von nun an kein Jude mit Schuhen an den Füssen die Stadt betreten dürfe. Der Missionär führte weiter aus, dass der wachsende Uebermut gegen die Juden jedermann ersichtlich sei. Ein Muster-Assimilant. In der in New-York herausgegebenen „Vereinigte Staaten-Korrespondenz* vom 28. Oktober finden wir folgende Notiz: „Israelitische Probleme. Der durch seine radikalen Anschauungen in weitesten Kreisen bekannte Reform-Rabbiner Dr. Emil G. Hirsch von Chicago benützte die Jahresversammlung der Vereinigten Israelitischen Wohltätigkeitsgesellschaften der Stadt New-York zu einer freimütigen Beleuchtung der israelitischen Probleme in den Vereinigten Staaten. Der Grundton seiner Ausführungen war sehr schwarzseherisch gehalten. So erklärte er: „Es mag auch in diesem Lande einmal der schwarze Tag kommen, wo es heisst, dass der Jude der Störenfried in der ökonomischen Entwicklung ist.