Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 46 (14.11.1902)
- Article
- Moskau
- Date
- 1902-11-14
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 46 „Die, j$ Wettft Seite T im Sinne derjenigen Personen,welche mich beeidigten." Der jüdische Zeuge erklärte nun, er halte diese Worte für beleidigend, weil sie zur Voraussetzung haben, dass die zu beeidigende Person ein sittenloser und unlauterer Charakter sei. Und deshalb verweigerte der Jude die Eidesleistung. Der Gerichtshof zog sieh zur Beratung zurück und verkündete hierauf den Beschluss, dem Zeugen das feierliche Versprechen abzunehmen, die Wahrheit zu bezeugen. ■* W a r scha u. Wie der halbamtliche „Warschawskij Dnewnik" meldet, fand vor kurzem in Warschau die erste Zionisten- Versammlung statt, die von mehr als 700 Zionisten, darunter auch Chassidim, besucht war. Die Hauptredner in der Versammlung waren Advokaten und Studenten: einige Reden wurden in hebräischer Sprache gehall i und entfesselten den Enthusiasmus der Zuhörer. Fast alk Re Iner brandmarkten in den schärfsten Worten die Assimilanten und deren Bestrebungen und wiesen auf die schädlichen Polgen hin, welche dem jüdischen Volke von derartigen Bestrebungen erwachsen. * Minsk. Der Minsker zionistische Arbeiterverein hat vor wenigen Tagen unter dem neuen Minsker Gouverneur Graf Mussin- Puschkin die Feier seines dreijährigen Bestandes abgehalten. Der grosse Saal des Arbeitervereins war prächtig dekoriert, mit den Bildnissen der Führer des Zionismus, mit Nationalfahnen und versehiedenfarbenen Lampions geschmückt. Die Sitzung wurde durch eine warme Rede des Vorsitzenden eröffnet, in welcher die Aufgaben des Zionismus geschildert wurden. Nach Verlesung vieler Begrüssungsdepeschen aus allen Städten Russlands demonstrierte das Vereinsmitglied Lapidus an der Hand einer grossen Laterna magica folgende Bilder aus Palästina: 1. die geographische Karte von Palästina und Umgebung; 2. Jaffa; 3. die Kolonien bei Jerusalem; 4. die Ansicht von Jerusalem; 5. Jerusalem bei Beleuchtung; 6. das Tote Meer; 7. den Jordanfluss; 8. die Jerusalem bewohnenden Nationalitäten. Die Erklärungen zu den Bildern gab Vereinsmitglied Kaplan. $in aus 40 Personen, dreissig weiblichen und zehn männlichen Geschlechtes bestehender Chor trug nationale Lieder vor. Der Abend schloss mit der Absingimg der jüdischen Nationalhymne, welche unter den Anwesenden grosse Begeisterung hervorrief. * P e t e r ts b u r g. Die „Nowiosti" enthalten an leitender Stelle eine interessante Korrespondenz aus Bukarest, in welcher (Tie verhängnisvollen Folgen der bekannten Note der Regierung der *, Vereinigten Staaten von Nordamerika an Rumänien wegen (Ter rumänischen Juden geschildert wird. Die Regierung von Bukarest, schreibt der Gewährsmann der „Nowosti", habe allsogleich den wahren Sinn der amerikanischen Note begriffen und auch verstanden, dass der Onkel aus Amerika keinesfalls gesonnen ist, seine hilfsbereite Hand über den Ozean hinweg den rumänischen Juden zu reichen. Und sie verfolgen jetzt die Juden um die Wette; ihr Hass gegen die Juden hat sich verschärft, die Hilflosigkeit der Juden aber ist die frühere geblieben. Aber sie haben den Juden noch ein Recht genommen: das Recht der Auswanderung, und Hessen ihnen nur ein Recht zurück: das Recht des Todes... Gt. Oesterreich-Ungarn. Polen m. C. Lies: Polen mosaischer Konfession. Die Spezies ist von Warschau her sattsam bekannt. Ihre Ziele (für gewöhnlich) : Würden, arische Gesellschaft. Taufe. Als Schulbeispiel dieser Art kann jener Pole Ornstein hingestellt werden, dessen journalistische Tätigkeit darin besteht, dass er in antisemitischen polnischen Blättern (gibt es andere?) gegen den Zionismus loszieht. Ueber das Verhältnis dieser Sorte zum Judentum lässt sich wohl schwerlich diskutieren. Polen m. C. gab es auch in Galizien von jeher. Ein Mann, wie der verstorbene Landtagsabgeordnete Dr. Bernhard Goldmann, an dessen ehrlicher Absicht hier nicht gezweifelt werden soll, erblickte das Heil der gaiizischen Judenheit in ihrer nationalen Polonisierung. Ein politischer Verein „Agudas Achim", der eine rege Propaganda betrieb, wurde zu diesem Zwecke gegründet. An dem Niedergange und Verschwinden dieses Vereines hatten die Matadore der Bewegung Gelegenheit, die agitatorische Kraft und Fruchtbarkeit ihrer Idee zu ermessen. Nach zwanzigjähriger Pause, indes der Zionismus auftauchte,, die jüdischen Massen ergriff" — ein nicht genug zu würdigendes Verdienst des seligen Braudes — und gross und stark wurde, beginnt der alte Wahn sich wieder zu regen. Doch hat sich der Verbrüderungsruf des „Agudas Achim" in einen Kriegsruf verwandelt, aus der Chamade ist eine Fanfare geworden. Nicht mehr lautet die Parole: der Pole ist dein Freund, sondern: der Zionismus ist dein Feind. Seit einem Jahre ungefähr, seitdem der Wreschener Prozess die Gemüter der Polen, aufregte, kehrt in der polnischen Presse immer die Behauptung wieder, .der.>$ionism,us >werde von Prcussen favorisiert, um gegen die Polen ausgespielt zu werden. Dass diese lügenhafte Behauptung jeder vernünftigen Begründung entbehrt, ficht ihre Kolporteure nicht an, sie operieren ja nicht mit Tatsachen, sondern mit Instinkten: gibt's ein besseres Universalbegründungsmittel als den Juclenhass? Hasst man den Preussen, so muss der Jude sein Freund sein, um gehasst werden zu können.' Aehnliche Kommentare fand das Entgegenkommen, das die1 russische Regierung der Minsker- Konferenz bewies. Diese Kombination von Preussen-, Russen- und Judenhass gab der polnischen Presse seit Jahresfrist Stoff zu spaltenlangen Artikeln., die von Gehässigkeit gegen den Zionismus trieften. Die gebrechlichen Vermutungen und lendenlahmen Schlüsse fanden im Wege der Presse Eingang in die Kreise der polnischen Intelligenz. Es kam so weit, dass der Professor der Zoologie an der Lemberger Universität Dr. Dybowski sich nicht entblödete, im „Kurjer Lwowski" drei Artikel zu veröffentlichen, worin er den Zionisten riet, auf "die alldeutschen Millionen zu verzichten und keine deutsche Universität (!) in ^Lemberg anzustreben. Auf diesen hübschen Gedanken brachten Herrn Dybowski die Bestrebungen der zionistischen akademischen Jugend um Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Hochschulen. Die Juden sprechen ein Jüdisch-Deutsch — argumentierte der Herr Professor — somit sei als letztes Ziel ihres Strebens die deutsche Universität anzusehen. Würdiger und ernster konnte man darauf schwerlich antworten, als es der Jurist R e i c Ii am 19. Oktober d. J. gelegentlich des jüdischen Studententages tat. Diese Tagung erwies übrigens imposanter denn je die geistige und numerische Ucherlegenheit der Zionisten. Trotz der allgemeinen Zugänglichkeit hatten die Zionisten fast Zweidrittel majorität. Ganz ausser sich über diesen Erfolg* der Zionisten. beschlossen die Polen m. C. eine Gegendemonstration, wobei sie von den ,.offiziellen" Kreisen unterstützt wurden. Für den 31. Oktober wurde ein Studententag der "polnischen Juden ,.m. C." in einen Universitütssaal einberufen. Zutritt hatten nur geladene Gäste. An den Verhandlungen nahmen auch drei .Universitätsprofessoren und einige stadtbekannte ..Grössen" mosaischer Konfession teil. Es referierten die , .Polen" : La n d a u , Koliane u n d Herschthal. Ihre Ausführungen gipfelten darin, man müsse den Zionismus bekämpfen, weil er das ^.Polentum" schädigt. Da verfassen aber die Herren wohlweislich., das übliche ..in. C." hinzuzufügen, denn nur dieses Polen tum kann der Zionismus schädigen, während er dem echten nichts anhat. Mit ^Verachtung" wurden die Verdächtigungen der Zionisten puncto der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit der „polnisch-mosaischen" Intentionen zurückgewiesen. Die Regel, dass man im Hause des Gehenkten nicht vom Strick sprechen soll, gilt, scheint's, für diese Herren von — Konfession, nicht. Ein junger Herr verstieg sich dazu, in dieser Gesellschaft über den Talmud herzufallen., ihn als das Gift hinzustellen, das den jungen Juden eingeträufelt wird, und eine Aenderung. gewisser Abschnitte im Talmud vorzuschlagen. Weder die Abschnitte noch die Reform wurden angegeben, es war nur ein vager Versuch, den anwesenden Ariern zu gefallen. Lüge darin nicht eine bodenlose Verrnessenheit, wir wären versucht, es geschmacklos zu nennen. Die Arier zeigten sich erkenntlich für diese Anbiederungsversuche und bald konnte der Vorsitzende „Pole" Biegeleisen den Versammelten den Beschluss der arischen Studenten vereine zur Kenntnis bringen, dass sie gerne (!) Juden aufnehmen. Es sollte aber noch schöner kommen. Ein gewisser Fogl hatte einen originellen Einfall und stellte den Antrag, der Senat möge die "Jüdische Nationalität anerkennen und so eine reinliche Scheidung der Böcke von den Schafen ermöglichen. Das ging d»m Herren doch über die Hutschnur. So viel Mut konnten sie nicht aufbringen. Der Antrag wurde abgelehnt. Unter den Teilnehmern befanden sich auch einige Sozialisten. Für das Unnatürliche dieser Tagung ist wohl nichts so bezeichnend als der Umstand, dass die Sozialiston die einzigen waren, die ihr Judentum bewusst zum Ausdruck brachten. Ein Sozialist warf den arischen Studentenvereinen verkappten Antisemitismus vor, ein Sozialist — horribile dictu — verteidigte den Talmud. Schliesslich beschloss man die Gründung eines Vereines polnischer Hochschiiler mosaischer Konfession und man wählte eine eigene fünfgliedrige Repräsentanz, die der seit vorigem Jahre bestehenden zionistischen akademischen Repräsentanz nachgebildet ist. Also werden wir es nächstens erleben, dass in Lemberg ein ..Verein polnischer Hochschüler m. 0 " ins Leben tritt. „Polen m. C"! Wohl wissen wir, was sie zum Polentum hinzieht; was sie mit der mosaischen Konfession gemein haben, bleibt uns ein Rätsel. „Polen m. C"! Worüber soll man da früher staunen: über die Verschämtheit,. mit der sie ihrem Polentum ein „m. C." an-