Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 46 (14.11.1902)
- Article
- Nochmals über Jargon
- Date
- 1902-11-14
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3316006-3326146--35680-3326262- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 „Die $ Welfp hatte, Ja geradezu fern von den Seinen ihn stillen urusste. Vielleicht geht's zu weit, aber im gewissen Sinne kann man doch sagen: was man nicht selbst vorgefunden hat, kann man auch nicht den anderen hinterlassen. Nun kommt das Volk selbst, die grosse Masse, die aber wieder jedem literarisch Zurechtgelegten und Herbeigeholten feindlich gegenübersteht; nicht aus Stupidität und Kurzsichtigkeit, aus dem engen Lebensgefühl, das nur den Tag kennt, und nichts mehr — sondern umgekehrt, aus der alten, ihrem Wesen eingefleischten Feindseligkeit, die sie alle Jahrhunderte gegen das Schriftgelehrtentum hegt... Die grosse Masse im jüdischen Volke ist bis zur Stunde noch nicht vom überwucherten Spiritualismus besiegt worden, das machte sie allem Geistigen gegenüber hart und misstrauisch. Und dann ist das Leben so hart und bietet nichts. Das Verurteiltsein zu einem Kraftaufwand, der für andere m Euhm und Sesshaftigkeit gereicht hätte* zum Arbeiten für das tägliche Brot, für den schlechten Brei, für "Weib und Kind, die niemals dem entrinnen werden, erstickt doch jedes Licht und jede Hoffnung. Das ist kein Kampf ums Dasein, sondern ein bodenloses Fristen, ein Nie-heimischniit-sich-werden, ein Gehen auf Krücken. Die religiöse Sehnsucht, in einem dem Volke fremd gewordenen Schrifttum gepflegt, welches ihn in gewissem Sinne mehr mit Schrecken als mit Ehrfurcht erfüllt; und die Liebessehnsucht, jenes Gefühl von Mensch zu Mensch im Nebeneinanderleben und Ineinanderleben ist wohl nie zu ihnen recht gedrungen, richtiger, wurde beizeiten in ihnen erstickt. — Die jungen, trostlosen Heiraten, der völlige Schacher mit dem Schönsten im Leben, die zügellose Ausschweifung mit dem eigenen Weibe, die es mit zwanzig Jahren zur Mutter vieler Kinder macht, die barbarische Sitte, das Frauenhaar zu verstümmeln und sie so unschön als es nur möglich ist, zu machen, haben das gatigp Gefühlsleben taub gemacht. ''U Jetzt frage ich: woher soll der Jargon seine Kräfte zum Gedeihen nehmen, wo ihm in erster Eeihe die grosse eigene Kultur fehlt; eine Kultur, die dem inneren Wesen des Volkes, des ganzen Volkes angepasst ist, alles ihm Wesentliche in sich trägt und umfasst und wieder so gestaltet ist, dass sich alles Neugeborene darauf anbauen lässt; und wieder, wo er keine grosse Zufuhr vom Leben seiner Sprecher hat, weil das Leben eben so dürftig und nichtssagend ist. Nur Seufzer vermochte sie zu erzeugen, endlose Seufzer, zum Teil aus jenen Tagen des neunten Ab, wo die unterirdische Trauer aller Jahrtausende wie eine dämonische Gewalt erwacht und ihren Schlund öffnet, wo alle vom grossen Jammer zu Boden geworfen werden, gross wie Hein, jung wie alt und mit allen Geberden der Seele mittrauern über das Verlorengegangene, über die grosse Schmach . * . Und wieder konnte sie Spässe hervorbringen, die sich ohne weiteres den Ach und Wehs anreihen und nicht selten auf sie folgen, ebenso wie das Volk nach der Stunde des namenlosen Entsetzens sich gleich vom Bethaus auf die Strasse macht und sich dort mit Dornen und Disteln bewirft, aus trübem Schalk, aus Zeitvertreib, Licht und Schatten! Vielleicht strafen sie noch einander Lugen und doch sind sie beide da. Korrespondenzen und Telegramme. Russland. Petersburg. Soeben hat der Petersburger dirigierende Senat eine Entscheidung getroffen, welche vielen jüdischen Handwerkern, wie die „Nowoje Wremja" richtig bemerkt, das ihnen bisher zuerkannte Wohnrecht in ganz Bussland endgiltig abspricht. Die Entscheidung des Senates lautet„Juden, KötÖhe das Handwerk von Strassenpflasterem, Steinklopiern, Damingräbern, Zimmerleuten imd Stukkateuren ausüben und von den Zünften diesbezügliche Zeugnisse besitzen, dürfen sich ausserhalb des jüdischen Mederlassungsgebietes weder niederlassen noch zeitweilig aufharten." Der Beschluss der Gouvernements-Verwaltung von Kiew, jüdische Handwerker dieser Kategorie aus Kiew auszuweisen, wurde vom Senate als gesetzlich befunden Orjechow. Die national-russische Zeitschrift „Jushny Kurjer" enthält in ihrer jüngsten Nummer folgende Notiz: „Wir betrachten es als notwendig, folgende Tatsache bekanntzugeben: Der Inspektor der städtischen Schule von Orjechow lässt hartnäckig Juden zur Ablegung von Prüfungen für den Grad eines yolksschullehrers nicht zu, während er zu gleicher Zeit jedem Kichtjuden das Recht zur Ablegung der bezeichneten Prüfungen einräumt." .*•••• Smolensk. Im Landesgerichte von Smolensk wurde unlängst über eine Angelegenheit verhandelt, welche die jüdische Bevölkerung mit grossem' Interesse erfüllte. Ein reicher Jude stand unter der Beschuldigung, seine Dampf-Sägemühle in Brand gesteckt zu haben, um die Versicherungsprämie zu erhalten. Alle wussten aber in Smolensk und Umgebung genau, wer der wahre Brandstifter war, wer es zustandebringen konnte, dass der allgemein geachtete und. streng redliche Jude unter der Beschuldigung der Brandstiftung dem Landesgerichte überantwortet wurzle. Der Verteidiger des Juden, der bekannte Moskauer Advokat Ple - w a k o, richtete an die Geschwornen eine zündende Rede, in welcher sie ermahnte, nicht den in Russland allgemein herrschenden antijüdisehen Strömungen zu verfallen und den Klassenhasa nicht in das Gericht zu tragen. Desgleichen tat auch der Präsident in seinem Sehlussworte. Der rein russische „Smolenskij Wiestnik" widmet diesem ausserordentlichen Vorgehen des Präsidenten und' des Advokaten einen längeren Artikel, in welchem der immer zunehmende Judenhass in Russland konstatiert wird. Das Blatt schreibt wörtlich: „Mit blutendem Herzen und unaussprechlichem Kummer müssen wir gestehen, dass bis zu einem gewissen Grade sowohl der Präsident als der Verteidiger im Rechte waren. So sehr wir auch das Geschworenengericht achten und für dasjenige halten, welches allen Verbrechen gegenüber das einzig richtige ist, so erkennen wir doch, dass die Geschworenen mit dem Volksgewissen auch ihre Vorurteile ins Gerichtsgebäude bringen. Das barbarische, unsinnige Rassenvorurteil steht aber bei uns in. voller, wenn auch ungesunder Blüte." * Sasslawl (Gouvernement Minsk). Wie der „Minskij Listok" meldet, wurde die jüdische Bevölkerung von Sasslawl unlängst von den russischen Rekruten der diesjährigen Einberufung überfallen, arg misshandelt und ihr Hab und Gut verwüstet und geplündert. Die Scheiben in den jüdischen Wohnungen wurden zertrümmert, die Türen erbrochen und das Hab und Gut der armen Juden teils vernichtet, teils weggeschleppt. Zwei Juden wurden von den Rekruten schwer verletzt. *: Petersburg. Die „Nöwosti" und die „Petersburgskija Wjedomosti" publizieren folgende Mitteilung: „Das Ministerium des Innern beabsichtigt, allmählich eine Revision der geltenden Gesetze über die Juden vorzunehmen. Zur Zeit ist ein Gesetzprojekt in Vorbereitung, wonach Juden der Landerwerb in sämtlichen Gegenden Russlands gestattet werden soll, mit der Beschränkung indessen, dass das zu erwerbende Landstück gewisse kleine Normen nicht überschreite und der Ankauf in jedem einzelnen Falle die administrative Genehmigung erhalte. Der Ankauf von Landstücken bis zu 30 Dessjatinen soll der Bestätigung des örtlichen Gouverneurs und bis 50 Dessjatinen der des Ministers des Innern unterliegen. Der Erwerb von mehr als 50 Dessjatinen ist nur mit besondererAllerhöchsterGenehmigung gestattet. — Das entsprechende Gesetzprojekt mit den detaillierten Erläuterungen ist bereits den betr. Ministerien zur Begutachtung übersandt. Als Motiv zur Ausarbeitung des Gesetzprojektes dienten unter anderem die im Ministerium des Innern vorliegenden Daten, dass Juden als Besitzer oder Pächter kleiner Landstücke sich auch gegenwärtig als nützliche Elemente in der Landwirtschaft erweisen, da sie sich eifrig mit verschiedenen SpezTalkulturen, wie Hopfen-, Tabak-, Gemüse- und Gartenbau etc. beschäftigen." * Moskau. Der Zionismus hat auf dem Gebiete der Erweckung der jüdischen Individualität und der Selbstachtung schon viele Erfolge zu verzeichnen. Ueber einen interessanten Fall jüdischer Selbstachtung berichten die „Moskowskija Wjedomosti" folgendes: „In der am 16. Oktober stattgefundenen Sitzung des Moskauer Landesgerichtes verweigerte ein Jude die Eidesleistung aus folgenden Gründen. Der Text der Eidesformel für Juden enthält in Russland folgenden Passute: ...Ich will die Wahrheit bezeugen, und zwar nicht in einem von! mir unterschobenen Sinne, sondern