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Die Welt · 1902-11-14 · 46 (14.11.1902) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
46 (14.11.1902)
Article
Zionistische Taktik
Date
1902-11-14
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 46 wDie Welt" JSeite 3 Wie bekannt, hat der Zionismus die Administratoren der Iea zu bewegen gesucht, die ihnen anvertrauten Kapitalien ganz oder teilweise für die Besiedelung Palästinas zu verwenden. Von einem Erfolg war bis heute keine Rede. Keine Argumente, und mochten sie noch so überzeugend sein (ich erinnere nur an die letzten Reden Zangwills), konnten die Machthaber der Ica dazu bewegen, den Kurs zu ändern, den sie eingesehlagen haben. Tatsache jedenfalls ist: die Administration der Ica will von einer gross angelegten Besiedelung Palästinas durch die Juden nichts wissen und sie weigert sich, eine solche finanziell zu unterstützen. Doch diese Weigerung berechtigt uns nicht, die Flinte ins Korn zu werfen und auf die Hilfe der Ica definitiv zu verzichten. Wenn die Administratoren der Ica von unserer Politik nichts wissen wollen, wenn sie sich weigern, mit uns eine jüdische Heimstätte in Palästina zu gründen, so müssen wir dafür sorgen, dass andere zionsfreundliche Elemente an ihre Stelle treten. Und wir können, wenn wir wollen, auf die Zusammensetzung der Iea-Administration einen Einfluss ausüben. Die Administration der Iea existiert nicht von Gottes Gnaden; sie bildet gewissermassen einen Ausschuss der Verstände der Allianee israelite, der Anglo Jewish Association und der jüdischen Gemeinden Frankfurt, Berlin und Brüssel. Die beiden grossen Wohltätigkeitsvereine stellen je drei Administratoren, die Gemeinden Berlin und Brüssel je einen., die Gemeinde Frankfurt ZWei.; ', .| Der zunächst liegende Weg wäre nun der, mit den Vorständen aller dieser Korporationen in Verbindung zu treten und sie zu veranlassen, Männer in die Administration der Ica zu wählen, die als Palästinafreunde bekannt sind und die sich bereit erklären, unsere und des jüdischen Volkes Wünsche zu verwirklichen, i 1 , i ..i- Bei allen diesen Vorständen, von dem jetzigen konservativen Berlins abgesehen, werden wir jedoch wenig erreichen. Sie haben " der Ica den Geist eingeflösst, der in ihr lebt; sie wurden unter dem Zeichen der Assimilation gewählt und werden unter diesem Zeichen weiter amtieren. Sie werden uns kein Gehör schenken. Dagegen haben wir die Möglichkeit, die zu gewinnen, die sie wählen und die als Urwähler bei der Wahl von Ica-Administratoren anzusehen sind. Sie sind ein lebendiger Teil des jüdischen Volksorganismus. Wenn sie bis jetzt in den in Betracht kommenden Vereinen und Gemeinden das Interesse unseres Volkes vernachlässigt haben, wTenn sie bei Wahlen untätig blieben oder nur Personenfragen zu entscheiden meinten, ohne sich von höheren nationalen Gesichtspunkten leiten zu lassen, und wenn sie es unserem Protzentuin überliessen, ihre und unsere Geschäfte zu leiten, so ist der Grund darin zu suchen, dass unsere Agitation in den meisten Fällen auf sie keine besondere Rücksicht nahm. Die meisten von ihnen wissen noch nicht, dass ein grosser Teil unseres Volkes alle seine Kräfte dafür einsetzt, einem ruhmlosen Untergange zu entgehen und eine glorreiche Zukunft vorzubereiten, sie wissen auch nicht, dass sie in erster Linie dazu beitragen können, den Traum unseres Volkes zu verwirklichen. Treten wir mit ihnen in Verbindung, zeigen wir ihnen, wie zukunftsschwanger ihr Stimmzettel sein kann. Sie sollen wissen, dass sie den Hebel bilden, der die jüdische Welt bewegen kann. Sie müssen mit allen uns zugebote" stehenden Mitteln über unsere Ziele aufgeklärt werden. Wir dürfen nichts versäumen, um aus ihnen überzeugungstreue Zionisten zu machen. Bei Agitationsvorträgen, bei Versendung von Broschüren und Flugschriften sind sie in erster Linie zu berücksichtigen. Die Technik dieser Agitation zu besprechen, ist hier nicht der Ort, es ist dies Sache unseres Aktions-Komitees und der einzelnen Landes- und Lokal-Komitees. Es sei nur kurz bemerkt, dass eine Liste der Mitglieder dieser Vereine und Gemeinden ebenso wichtig oder' noch wichtiger ist als die Liste der Schekelzahler. Wir müssen mit ihnen allen in Verbindung treten; durch nv' uns sollen sie erfahren, wie schwer das jüdische Volk leidet: durch uns sollen sie wissen, dass, wenn die Iea den Leiden dieses Volkes >; kein Ende macht, sie vor der Geschichte die Verantwortung zu '"" tragen haben. Unsere Agitation darf nicht erst beginnen, wenn Vorstandswahlen in Sicht sind, sondern sofort. Bei Wahlen sind unsere Anstrengungen zu verdoppeln. Die Siege, die wir dann erringen werden, werden einen Wendepunkt bedeuten in der jüdischen Geschichte. , _____ Das deutsche Judentum und der Zionismus. Von Dr. J eremias, Posen, Während wir die Schar unserer Anhänger in aller Welt stetig und beträchtlich zunehmen sehen, ist in Deutschland noch immer weiten jüdischen Kreisen vom Zionismus nicht viel mehr als der Name bekannt. Den ausserdeutschen Gesinnungsgenossen ist das geradezu rätselhaft. Sie weisen darauf hin, dass das deutsche Judentum seit Jahrhunderten in der ideellen Entwicklung des Golusjudentums die Führung gehabt habe — zuletzt wieder so markant in der Emanzipations-Aera — das» dennoch die deutschen Juden im Zuge des Zionismus so zurückbleiben, weiss man ausserhalb Deutschlands nicht anders zu erklären, als dass eben von deutschen Zionisten „nichts getan werde". Das stimmt einmal nicht mit den Tatsachen; aber wäre es so, dann dürfte es zumeist eine sekundäre Erscheinung sein: eine Folge der entmutigenden Hemmung, welche die anfänglich siegesgewiss losstürmende Agitation erfuhr, als sie auf unerwartete Schwierigkeiten stiess. Man muss in die psychologischen Tiefen des deutsehen Judentums hinableuchten und da die Ursachen aufzeigen, warum dieser Ackerboden so wenig aufnahmefähig ist. Wie immer bei solchen Dingen, müssen wir unser Augenmerk auf innere und äussere Ursachen richten. Die äusseren, weil sie einfacher und durchsichtiger sind, mögen hier zunächst ihre Stelle finden. Da ist es denn in erster Linie die günstige soziale Lage der deutschen Juden, welche unserem Vordringen entgegenwirkt. Zwar ist trotz Rothschild, Bleichröder und Baron Hirsch das Gemunkel der Antisemiten von den unerschöpflichen Millionenschätzen der deutschen Juden eitel Geschwätz. Unbestreitbar aber ist, dass die überwiegende Zahl sieh einer menschenwürdigen Existenz, ein nicht unbedeutender Bruchteil sogar behaglichen Wohlstandes erfreut; nur ein kleiner Prozentsatz ist dem Proletariat zuzurechnen. Selbst diese Proletarier gehören noch der obersten Schichte des jüdischen WTeltproletariates an. Nirgends in Deutschland bekommt man das grausige Elend galizischer „Luftmenschen" oder russischer Hungerleider zu sehen. Man wende nicht ein, dass trotz günstiger materieller Verhältnisse die englischen und amerikanischen Juden die Empfänglichkeit für unsere Idee nicht eingebüsst hätten. Diese haben eben dauernd eine stetig steigende Masse eingewanderter Juden in ihrer Mitte, welche ihnen täglich das ganze Golusschicksal vor Augen führen. Diese ständige, lebendige Demonstration unsteter Flüchtigkeit wirkt denn doch viel eindringlicher und nachhaltiger als das Auftauchen russischer, galizischer, rumänischer Jammergestalten auf der deutschen Durchzugsstrasse. Der deutsehe Jude, wenn er ihrer ansichtig wird, denkt eben dabei nur an den Geldbeutel und er tut ihn weit und gern auf, um das wandelnde Elend möglichst rasch aus seinem Gesichtskreis zu bringen. Wenn der „fremde" Bettler gesättigt, gesäubert, frisch gekleidet als Zwischendeck-Passagier plaziert ist, dann wähnt der einheimische Jude seiner Menschen- und Bruderpflicht vollauf Genüge getan zu haben. Selbst die „Repatriierung" dieser Aermsten, wenn sie im Auslande keine neue Existenz gefunden haben oder gar schon im ersten Hafen zurückgewiesen wurden, hält der deutsche Jude für eine Tat, die des Schweisses der Edlen wert ist, und konstatiert sogar besondere Komitees zur Durchführung dieser vornehmen Aufgabe. Jedenfalls haben die deutschen Juden es immer verstanden, sieh das Einwanderer-Proletariat vom Halse zu halten und aus ihrem Gewissen ein Ruhekissen zu bereiten. Von dem Einwandererstrom nicht überflutet, von den liberalen Parteien, denen sie Geldmittel und Wahlstimmen zuführen, in ihren gewerblichen Interessen möglichst geschlitzt, fühlen sich so die deutschen Juden in ganz überwiegender .Zahl wirtschaftlich ^sicher, Und 53ubi bene, ibi patria" ist für den sonst Heimatlosen -eine gar begreifliche Devise«

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