Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 45 (7.11.1902)
- Article
- Paris / T.
- Date
- 1902-11-07
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 45 Die i*£ Welt" Seite 11 Frankreich. Paris. Der Erfolg, den der hiesige Verein „Mebassereth Zion" mit dem auf den 18. v. M. nach, dem grossen Saale der Rue de Lancry (Hötel des Chambres syridicales) einberufenen Vortragsabende unserer hervorragenden Führer DDr. Max Nord au und Ai. Marmorek erzielt hat, überstieg alle geheglen Erwartungen, da lange vor Beginn der Versammlung der weite Saal vom Publikum dicht besetzt war. Erfreulicherweise lieferten diesmal die bisher der zionistischen Bewegung gegenüber halb feindselig, halb gleichmütig gebliebenen Kreise der französischen Juden einen sehr ansehnlichen Bruchteil und wir können behaupten, dass es für den Beobachter eine anziehende Beschäftigung war, die Physiognomien jener Antizionisten in den verschiedenen Phasen des Vortragsabendes zu betrachten. Zuerst jenes selbsthewusste, halb spöttische, halb erzwungene Lächeln, dann ein erstaunter Rundblick über den vollen Saal, in dem ein englischer Schriftkünstler ein aus hebräischen WortQn gebildetes Porträt Dr. H e r z 1 s feilbot und damit reissenden Absatz fand, hierauf, als die beiden den hiesigen Zionisten so theuren Redner mit dem Präsidenten der „Mebassereth Zion% Herrn Schwabsky, auf der Bünne erschienen, eine ersichtliche Befriedigung über den imposanten Kopf Nord au s und die energischen Gesichtszüge des jungen, in den französischen Gelehrtenkreisen so hoch angesehenen Dr. AI. Mar in or e k, denen liie Versammlung eine stürmische Ovation bereitete. Präsident Schwabsky leitete die Versammlung mit einer französischen Ansprache ein, in der er den so zahlreich erschienenen französischen Stammesgenossen den Zweck und die Bestrebungen des Vereines darlegte, die alten Einwände der Unveieinbarkeit patriotischer Gesinnungen mit dem Zionismus widerlegte und zu reger Beteiligung an den Vereinsabenden sowie zur Leistung des Schekel-Beitrages auffordert«. Dr. AI. Marino r e k sprach hierauf deutsch über die Erfolge des Zionismus in dem abgelaufenen Jahre 5662. Obwohl von der Reise noch ermüdet— er war am Morgen desselben Tages aus Wien angekommen — behielt der Redner den och nahezu eine volle Stunde das Wort, um über die wichtigsten Erreignisse eingehend und sachlich zu berichten. Er gedachte der Schöpfung des letzten Baseler Kongresses, des Nationalfonds, dessen Erfolge alle optimistischen Hoffnungen übertreffen und durch den die für die Zukunft des jüdischen Volkes beruhigendsten Kundgebungen zutage gefördert werden. Streng sachlich erörterte er die Tragweite der beiden letzten Reisen Dr. H e r z 1 s nach London und Konstantinopel und widmete sodann dem Minsker Kongresse eine eingehende und enthusiastische Besprechung, die auf die Versammlung einen tiefen Eindruck machte. Er erwähnte sodann des hoffentlich nur provisorischen Verbotes der Einfuhr der Bankaktien nach Russland, der offiziellen Anerkennung der zionistischen Organisation in Südafrika und kam dann auf die sensationelle Predigt des hr chwürdigen und allgemein verehrten Grossrabbiners von Frankreich Zadok-Kahn am Jörn Kippur zu sprechen, die für die zionistische Bewegung einen wahren Triumph bedeutet. Stürmischer Beifall ertönte, als Dr. Marmor ek geendet hatte. Nach einer kurzen Unterbrechung, während welcher zahlreiche Anwesende ihren Beitritt zu dem Verein anmeldeten, erhob sich Dr. Nord au, um in seiner bekannten meisterhaften Weise den gegenwärtigen Stand des Zionismus zu schildern. Dr. Kordau sprach französisch und hielt buchstäblich die Zuhörer unter dem Banne seiner bezaubernden Worte: „Schomer, mi halailah?" Diese Frage richten alle diejenigen, die auf Zion hoffen, an die Führer. Wann dürfen wir, fragen sie, das Anbrechen der Morgenröthe erwarten? Und N o r d a u antwortete auf diese Frage. Er verwies auf den Kongress von Minsk, der selbst den Ungläubigsten und Voreingenommensten den glänzendsten Beweis dafür erbracht, dass die aus den entferntesten Gegenden Russlands herbeigeeilten jüdischen Delegierten mit einem Schlage vollendete Parlamentarier geworden sind. Ist das ein Zeichen des Alters, des Verfalls? Nein! Das jüdische Volk hat so bewiesen, dass es ewig jung, tatkräftig, lebendig ist und ohne jede Mühe modern sein kann. Mit beissender Ironie und grosser Schärfe führte er dann die Nörgler ab, die nach der Reise Dr. H e r z 1 s na^h Konstantinopel schadenfroh den Bankerott des Zionismus verkündigen zu dürfen glaubten. Die Assimilanten, deren erbärmliche Haltung der Redner mit Meisterhand durchhechelte, sind wohl noch nie so gründlich zerzaust worden und die langen Gesichter, die einige der Versammlung beiwohnende Exemplare jener Spezies schnitten, bewiesen, dass N o rd au wie gewöhnlieh, auch diesmal den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Nicht minder gelungen war die Darstellung des biologischen Wunders, das die zionistisch gesinnte Jugend antizionistischer Eitern darstellt, die ihren Augen und Ohren kaum trauen, wenn sie ihre Nachkommenschaft mit so flammender Begeisterung von Zion sprechen hören, von Dingen, die sie nie kannten und nie kennen wollten, von Bestrebungen, die sie nie verfolgten und dennoch ihren Nachkommen überlieferten. Dr. N o r d a u befasste sich dann noch mit der neuen Methode, die die Zionisten jetzt ihren offenen und verkappten Gegnern gegenüber angenommen haben: Statt die guten, lebendigen Kräfte in unnützen Polemiken zu vergeuden, gilt es jetzt, sich zu organisieren, zu sammeln, zu handeln. Die Organisation muss so energisch betrieben, so rasch gefördert werden, da das jüdische Volk jederzeit bereit sein muss, an die Lösung der höchsten Aufgabe heranzutreten, da niemand weiss, wann für Juda die erlösende Stunde schlagen wird. Wenn die Wächter des jüdischen Volkes, die von den Zinnen herab den Horizont ununterbrochen erforschen, auf die Frage: „Schomer mi halailah?' antworten: „Die Morgenröte bricht an!a dann muss das jüdische Volk der seiner harrenden Aufgabe gewachsen sein, da es sonst auf Jahrzehnte, vielleicht auf Jahrhunderte hinaus unter einem Misserfolge zu leiden haben wird. Welchen Enthusiasmus die männlichen Worte Nordaus unter den Anwesenden hervorriefen, das lässt sich in Wirklichkeit nicht mit Worten sagen. Die Versammlung teilte die edle Begeisteiung des Redners für den hohen Zweck und das war offenbar der schönste Lohn, den N o r d a u lür seine zündende Rede erhoffen konnte. T. Feuilleton. Eine national-jüdische Hochschule. Als seinerzeit unter den konvulsivischen Anstrengungen des gewaltigsten Militärstaates des Alteitums der noch übrig gebliebene Schatten eines jüdischen Reiches zusammenbrach, nicht ohne zuletzt durch seinen Fall eine Erschütterung beinahe der ganzen damals bekannten Kulturwelt herbeizuführen, da steuerten die standhaften Lenker der moralischen Geschicke des jüdischen Volkes mit scheinbar ungetrübter Gemütsruhe auf ein Ziel zu, das alle Verluste in der Vergangenheit tausendfach zu ersetzen und die sicherste Gewähr für die Verwii klichung der Hoffnungen in der Zukunft zu bieten versprach. War auch das selbständige Staatswesen gestürzt so sollte gleichwohl vor aller Augen der Beweis erbracht werden, dass eine Nation, in der sittliche Impulse stetig wirken, eine Nation, deren Sinn aus vererbter Neigung und beständiger Schulung auf reinste Wahrheit in der Erkenntnis und strengste Gerechtigkeit im Lebenswandel ausgeht, noch lange nicht dem Untergange verfallen ist, wenn auch die jeweilige Form, in der sie sich zu betätigen pflegte, in Trümmer sinkt. Wie der Weltschöpfer den Mikrokosmos aus sich selbst, so erschafft sich auch jeder fruchtbare Geist seinen Mikrokosmos, seine kleine Welt, als Organ, in dem er sich selbst Kurzsichtigen offenbart. Dieser Ueberzeugung folgten Jochanan ben Sakkai und seine Genossen unentwegt, den Blick von den hinter ihnen tobenden Elementen des Hasses, der Wut, der Zerstörungssucht abgekehrt, nach dem friedlicheren, dem ärgsten Kampfgewühl entrückten Jabneh. Unbekümmert um den rings um sie hei um entfesselten Krieg alier gegen alle, hielten die W7ackeren an ihrem, die schwersten Opfer heischenden Vorsatze fest, mit allen Kräften die Wiedergeburt ihrer Nation in veredelter Gestalt anzubahnen. Ihren redlichen Willen belohnte der Erfolg. Denn in der hohen Schule von Jabneh und ihren Pflanzstätten ging das Judentum, durch das Feuer der Wissenschaft und der Forschung von den halbheidnisch-sadducäischen Schlacken des selbstsüchtigen Kastenwesens geläutert, gleich dem Phönix aus seiner Asche hervor, um, neu gekräftigt und gestählt, Aeonen und abermals Aeonen zu trotzen. An jenes verheissungsvolle und in der Folge so segensreiche Beginnen knüpft eine jüngst im .Jüdischen Verlag" in Berlin erschienene, an Umfang kleine, doch an Inhalt sehr belangreiche Schrift mit ihrem Motto : jrösrn *b „Gib mir Jabneh mit seinen Gelehrten" an. In diskreter Weise, wie die ganze Abhandlung gehalten ist, will sie offenbar damit ihren Ausgangspunkt andeuten, dass ihr die gegenwärtige Lage so verhängnisvoll für unser Volkstum