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Die Welt · 1902-11-07 · 45 (7.11.1902) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
45 (7.11.1902)
Article
Jüdischer Studenten-Tag in Lemberg
Date
1902-11-07
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 45 ,Dle # W«Mt^ Seite 7 Jüdischer Studenten-Tag in Lemberg. Zum zweitenmale traten heuer die jüdischen Hochschüler Galiziens zusammen, um in Ausführung des im vorigen Jahre gefassten Beschlusses zu den wichtigsten) sie angehenden Fragen des akademischen und des öffentlichen Lebens in offizieller und einiger Weise Stellung zu nehmen. Der Verlauf des „Tages" erbrachte die erfreuliche Tatsache der Superiorität der Zionisten über die allenfalls vertretenen anderen Parteischattierungen der jüdischen Studentenschaft. Die von vereinzelten sozialistischen und assimilatorischen Stimmen erhobene Opposition konnte den kräftig und zielbewusst vorgebrachten zionistischen Argumenten nicht standhalten. Im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses stand das Hauptreferat „Ueber die Anerkennung der jüdischem Nationalität*, das jur. Leon. Reich übernommen hat. Derselbe entledigte sich seiner Aufgabe in ausführlicher und ausgezeichneter Weise. Unter Hinweis auf die zahlreichen historischen Quellen, ferner unter Anführung wichtiger Resultate wissenschaftlicher Forschung und der Aussprüche anerkannter Autoritäten erbrachte er einen gelungenen Beweis der Existenzberechtigung des in der jüdischen Volksseele immer stärker zum Bewusstsein gelangenden nationalen Willens. In Ansehung des in letzter Zeit sehr starken Interesses, welches die polnische Presse der zionistischen Bewegung schenkt und das eine ganze Reihe teils gehässiger, teils unrichtiger Artikel gezeitigt hatte, gab Referent in treffender Weise Aufklärung über Mittel und Ziele des Zionismus. Seine Resolution, dahingehend, die galizischen Mittel- und Hochschulbehörden in geeigneter energischer Weise zur Anerkennung der jüdischen Nationalität zu vermögen, wurde von den Versammelten unter lebhaftem Applaus angenommen und der ständigen Repräsentanz <ies„Tagestf zur Ausführung überwiesen. Für Nichtkenner galizischer Verhältnisse sei hier bemerkt, dass an den beiden galizischen Universitäten die Hörer zu Beginn jedes Schuljahres ihre Nationalität deklarieren müssen. Die Juden werden gezwungen, sich entweder als Polen oder als Ruthenen einzutragen. Es braucht wohl kaum hinzugefügt zu werden, wie unmoralisch undjverlogen dieses System ist und was dann, nachdem auch auf anderen Gebieten analog verfahren wird, vom Wahrheitswerte offizieller statistischer Darstellungen zu halten ist. Ueber die ökonomische Lage der judischen Studenten in Galizien brachte das Referat des Advokaturskonzipienten B. Honigmann wertvolle Informationen. Die Juristen sind gezwungen, für kärgliche Bezahlung in Advokaturskanzleien geisttötende Schreiberdienste zu tun. die Di meren Mediziner und Pnilosophen sind auf (hlechtbezahlte Lektionen angewiesen. Viele haben keinen ai deren Ausweg aus der drängenden Not des Lebens, als den unwürdigen der sogenannten „Raten-Heiraten". Diesen tristen Verhältnissen gegenüber erweise sich, infolge ier Teilnamslosigkeit der massgebenden jüdischen Kreise, die Hilfe der akademischen Unterstützungs-Vereine, wie zum Beispiel des „Ognisko", als unzulänglich. Ueber die Aufgaben der jüdischen Jugend gegenüber dem jüdischen Volke referierte jur. Jakob Thon. Der Kontakt der gebildeten Jugend mit der Masse des Volkes war aus vielen Gründen in den letzten Zeiten ein sehr loser. Referent hofft von der nationalen Bewegung Besserung dieser Verhältnisse. Ferner mögen geeignete Anstalten getroffen werden, den jungen, im Chassidismus schlummernden Talenten den Weg zur Aufklärung und Bildung zu ebnen. Es folgen noch die Referate der Akademiker Pomer an z, Spiegl, Löwen herz und eine fruchtbare Diskussion, die, wie bereits eingangs erwähnt, einen Sieg desZionismus auf derganzenLinie ergab. Die neugewählte ständige Repräsentanz des „Tages" kam, wie im Vorjahre, wieder in zionistische Hände. M. B. * Krakau, Dem. Beschlüsse des Bielitzer Zionisten-Parteitages gemäss bildeten die Mitglieder des.hiesigen akademischen Vereines „Przedswit-Haschachar" im Einverständnis mit der jüdischakademischen Jugend in Lemberg ein Komitee (zu dem auch Nichtzionisten gehören), dessen Aufgabe ist, dahin zu wirken, dass in den. Universitätsdokumenten die jüdische Nationalität offiziell anerkannt werde. Zu diesem Zwecke beschloss das Komitee, zuerst einen aligemeinen Studententag der Krakauer akademischen Jugend in der Jagellonischen Universität einzuberufen. Die diesbezügliche Bitte wurde schon an den akademischen Senat eingereicht. Wir warten auf seinen ßeschluss. Für das Komitee S. Gottlieb, Obmann. S. Feldblum, Sekretär. Paris. Der edle Gaston Polonais, dieser saubere Patron, der im „Gaulois" die ärgsten Beschimpfungen gegen die Juden vorbringt, hat erst jetzt nach dem Tode seines Vaters den jüdischen Glauben abgeschworen. VM^bPooik. Ahasver. In Pearl-City, auf der Insel Oahu, nächst Honolulu (Sandwichs-Inseln) ist kürzlich ein jüdischer Friedhof eröffnet worden. „Rumänischer Bürger!" Die rumänische Regierung hat gegen die Hay'sche Note, die ihr die Nichterfüllung der vom Berliner Kongresse beschlossenen „Einbürgerung der Juden* vorwarf, als letztes Argument den diplomatischen Kniff der »individuellen Einbürgerung* gebracht. Ein Jude also, der rumänischer Bürger werden will, hat diesbezüglich an das Abgeordnetenhaus eine Petition zu richten, weiters eine Taxe zu bezahlen und — dann ruhitr die „Einbürgerung" abzuwarten. Und sie warten auch. 249.922 Juden warten seit bald 25 Jahren auf diese ,,individuelle Einbürgerung". Es sind in nahezu 25 Jahren kaum 78 Juden in Rumänien eingebürgert worden. Von diesen 78 sechs im vorigen Jahre und die anderen im Jahre nach dem Siebenundsiebziger Kriege, das heisst in den zwei Zeitperioden, in welchen Europa damals wegen des Berliner Kongresses, jetzt wegen der Auswanderung sich mit Rumänien beschäftigt hat. Die Bedingungen, nach welchen man die Juden einbürgert, sind sehr interessant. So sollen einige rumänische Abgeordnete die Zahlungsfähigkeit des Petenten als Kriterium betrachten. Herr Ministerpräsident S tu r dza sagt es: „Die Abgeordneten lassen sich dafür bezahlen!" (Der Tarif ist wahrscheinlich hoch, denn es sind so wenig Zahlungsfähige!) Aber auch andere Verdienste können zur Erlangung der rumänischen Rechte verhelfen. So zum Beispiel tiat einer von den letzten sechs rumänischen Bürgern (erzählt ,»Chronica israelita") seine Einbürgerung von einem rumänischen Politiker erhalten, dem er eine Nasenblutung gestillt hat. Ein anderer verdankt seine Rechte dem glucklichen Zufall, dass der Diener eines rumänischen Politikers sich heim Rennen eine schwere Verletzung zugezogen hat. Ins Spital gebracht, ist er vom jetzigen Bürger, damals Studierenden der Medizin, so liebevoll behandelt worden, dass der gerührte Diener von seinem Herrn, dem Politiker, die politischen Rechte des jüdischen Mediziners verlangte und — erlangte. Natürlich haben die genannten Herren bei dieser Gelegenheit ihre jüdischen Namen abgelegt. Der samaritanische Hohepriester in London. London beherbergt seit einigen Tagen und wohl zum erstenmale einen sehr interessanten Gast in seinen Mauern, den Hohepriester der Satnaritaner, Ishak ben Amram ben Schalma Hakohen. Es ist dies ein Mann von 45 Jahren mit mächtigem rotem Barte. Er hat diese Reise unternommen, um bei der Anglo Jewish Association Hilfe für seine Gemeinde (Nablus) zu erbitten. Dieselbe ist auf 260 Seelen reduziert und kann infolgedessen die Lasten der Selbstverwaltung nicht tragen, insbesondere eine gute Schule für die Kinder nicht erhalten. „Juden und Ungarn ausgenommen!" Aus Bukarest wird der „N. Fr. Pr.ß gemeldet: Im hiesigen Amtsblatte wurden unter Gegenzeichnung des Tribunals von Dimboviza die Statuten eines lokalen Spar- und Kreditvereines veröffentlicht. Ein Paragraph dieser Statuten besagt wörtlich: „ Vereinsraitglied kann jedes menschliche Wesen werden, Juden und Ungarn ausgenommen." Selbstmord eines russisch-jüdischen Arbeiters. In Bialystok (Russland) beging vor kurzem ein hervorragender Agitator des „Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes", Mojssej-Lejb Lewkowits ch, Selbstmord. Der Grund dazu war ein bis ins Krankhafte gesteigerter Pessimismus. Lewkowitsch war noch jung, hatte sich aber, von einem ungestümen Wissensdurst getrieben, umfangreiche Kenntnisse angeeignet und war seit längerer Zeit eines der tätigsten Mitglieder der Lodzer Organisation des „Bundes". Ein bettelarmer Arbeiter, der 12—13 Stunden in der Fabrik frohnden musste, hatte er sich nicht nur in der klassischen sozialistischen Literatur, sondern auch auf philosophischem Gebiete reiche Kenntnisse erworben und las die deutschen Philosophen im Original. Bautätigkeit in Jerusalem. Der eben von dem bekannten Jerusalemer Publizisten, dem erblindeten Gelehrten Ahraham Moses Luncz in Jerusalem herausgegebene 8. Jahrgang des „Luach Erez-Israel" für das Jahr 5663 enthält nebst zahlreichem statistischen und sonstigen wissenswerten Material einige interessante Nachrichten über die Vor-

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