Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 45 (7.11.1902)
- Article
- Zur Geschichte der Kolonisation des heiligen Landes
- Date
- 1902-11-07
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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45 ^.WeW* Seite § Die Briefe, von denen der bekannte jüdische Historiker Dubno w im literarischen Sammelwerke „Pardess" von 1894 und der Schriftsteller B. Kohen in seinem in Jerusalem im Jahre 1897 erschienenen Werke „Chibath-Hoorez" (»pKfi ftrn") Erwähnung getan, sind nunmehr, nach den iß der Bibliothek des asiatischen Museums zu Petersburg liegenden Abschriften hergestellt, in der vor kurzem zur Ausgabe gelangten zweiten Lieferung des literarischen Sammelwerkes „Jerusalem" vollinhaltlich erschienen und bieten ein kostbares Material zur Geschichte der jüdischen Kolonisation des heiligen Landes. Die Verfasser der Briefe, die intimen Jünger des berühmten Magid Beer Von Meseritöch, Rabbi Israel aus Polock, Mendel aus Witebsk und Rabbi Abraham K a tz aus Kaiisch, hatten im Jahre 1776 den Entschluss gefassr, nach Palästina auszuwandern, um dort Kolonien zu gründen, welche den Grund zu der jüdischen Kolonisation des heiligen Landes legen sollteü. An der Spitze jüdischer Gemeinden stehend, welche an die Wiederattfrichtung Zions fest glaubten, predigten die genannten drei Rabbiner die zionistische Idee und Vermochten auch unter den Juden viele Anhänger für diese Idee tu gewinnen. Anfangs 1777 begaben* sich die drei Rabbiner mit ihren Familien in Begleitung von mehr als dreihundert jüdischen Auswanderern nach Palästina und langten wohlbehalten in Saffed (nsa) an* ^on ausschliesslich religiösen Idealen geleitet^ hatten die Auswanderer viele Schwierigkeiten zu bewältigen und Viele Hindernisse zu beseitigen, aber sie wurden in ihrer Liebe zu Zion nicht wankend, in ihrer Hoffnung für die Wiederaufrichtung des heiligen Landes als Domizil für die Juden nicht erschüttert Und schon in den Briefen, welche die Rabbiner von Söffed aus an ihre Gemeinden in Russland gerichtet hatten, drückte sich die grosse Begeisterung aus, welche sich der Auswanderer beim Betreten des heiligen Landes bemächtigt hatte. Das Gefühl der Genugtuung darüber, dass ihr sehnsüchtiger Traum Von der Auswanderung nach dem Lande der Vorahnen nunffiehr Verwirklicht würde, wogte überschäumend in den Briefen, Das Erdbeben, welches die Stadt Saffed kurz nach der Ankunft der drei Rabbi und ihrer Anhänger teilweise zerstört hatte, gab den begeisterten Zionisten aus Kalisch, Polock und Witebsk einen Anlass mehr, um ihre Liebe zu dem heiligen Lande zu vergrössern. In dem ersten Briefe schreibt Rabbi Israel folgendes: „Das heilige Land, welches Gegenstand der Begeisterung unserer Vorfahren war, liegt verwüstet und zertrümmert da und seine Tore stöhnen und weinen. Aber jetzt erglänzt die Sonne wieder und wir hoffen, dass das heilige Land in Bälde wieder bewohnt und bevölkert sein wird. Wir haben auf den Gräbern der Propheten, der Tanaim und Amoreim gebetet, meine Seele war von erhobenen Gefühlen gesättigt; ich dankte dem Allmächtigen für den grössten Genuss, welchen ich empfand, während meine Augen nach langem Leben ausserhalb des geliebten, für uns heiligen Landes erst recht klar und erleuchtet wurden.0 Diese Begeisterung erfuhr eine Steigerung, als Rabbi Israel das Wohlwollen der Behöiden den jüdischen Auswanderern gegenüber bewirkt hatte. Er kam aus einem Lande, wo seine Brüder sich eine ganz andere Behandlung gefallen lassen mussten, so dass die wohlwollende Behandlung der Behörden im heiligen Lande den frommen Rabbi doppelt wohltuend berühren musste. Die Behörden, welche mit dem Wiederaufbaue der durch das Erdbeben zerstörten Stadt Saffed betraut waren, sorgten für die Einwanderer in liebevoller Art und Weise. Wahrhafte Begeisterung entlockten dem Rabbi Israel die Naturschönheiten und die anderen guten Eigenschaften des Landes. Er schreibt darüber unter anderem : „Raum haben wir genug und wenn das Gebiet kolonisiert werden wird, werden auch Mittel zum Leben erstehen. Uns sind nur die Sitten und die Sprache des Landes noch unbekannt. Aber schon jetzt finden wir auf dem Markte alle nötigen Lebensmittel vor." Rabbi Israel berichtet in seinen weiteren Briefen über seine Seereise, welche er als ganz harmlos schildert und erklärt den Mitgliedern seiner ehemaligen Gemeinde, dass die Reise nach dem heiligen Lande gar keine Gefahr biete. Auch die Briefe der anderen zwei Rabbiner, des Rabbi Abraham und des Rabbi Mendl, an die Vorsteher der jüdischen Gemeinden in Lithauen und Wolhynien sind voll des Lobes über die Schönheiten und über die Bequemlichkeiten des heiligen Landes. Sie wandten sich deshalb in hassen und inbrünstigen Worten an die Vorsteher aller jüdischen Gemeinden, einig vorzugehen, um die allgemeine heilige Sache zu verteidigen und sie der Verwirklichung zuzuführen. Ein interessantes und bedeutungsvolles Moment bildei in diesen Briefen die Reise der drei Rabbiner nach Konstantinopel, um die dortige Judenschaft für die Organisation der Niederlassung der Einwanderer im heiligen Lande zu gewinnen. Diese Reise war von Erfolg gekrönt* Die Vertreter der Judengemeinde von Konstantinopel mit dein bekannten Rabbi Baruch Ananj ew empfingen die Führer der jüdischen Auswanderer aus Russland mit grosser Herzlichkeit und händigten ihnen dreitausend Piaster ein, schickten aber gleichzeitig dem Pascha von Safied zweitausend Piaster, um für die Einwanderer, welche sich dort niederliessen, die nötigen Steuern zu bezahlen. Ueber das fernere Schicksal der Einwanderer und ihrer Ansiedlungen geben die Briefe keinen Aufschluss. Aber sie sind als historisches Aktenstück von grosser Bedeutung. Diese dreihundert Zionisten. welche vor" 125 Jahren, von Liebe zum Lande ihrer Vorfahren getrieben, nach Palästina gingen, um sieh dort niederzulassen, haben ihre materiellen Sorgen zu bekämpfen und durch d»e Kraft ihrer Einigkeit ihr Ziel zu erreichen verstanden. Ein heiliges Feuer lodert noch jetzt in diesen Briefen, deren Schreiber vor 125 Jahren von einer Heimat für die Juden im heiligen Lande geträumt hatten. Und wer weiss? vielleicht geht dieser Traum der Frommen aus dem Jahre 1777 seiner baldigen Verwirklichung entgegen. Die Geschichte liebt Wiederholungen. Gt Major Evans Gordon Uber die Judei. Major Ev.ans-Gordon. Mitglied dos englischen Iniei-hause*. ist der hervorragendste Führer der englischen Urinier-Liga, welche die Beschränkung der Fremden-Kiuwauderung fordert. Kr ist. Mitglied der Kommission, welche das Parlament zu im Studium dieser Frage eingesetzt hat. und zwar eines der führenden. Eine scharfe', energische Art bekundete sich in den Fragen, die er stellte. Man beschuldigte ihn des Antisemitismus. Doch wie unterscheidet er sich von den bornierten, rohen Antisemiten deutschen Bodens! Ist er doch ein Engländer und ein tJentleman. Die Eindrücke, die er bei der Enquete der l-'remdeii-Kinwanderungs-Kommission von den Juden empfing, waren so mächtige, dass er beschloss, in der Heimat der nach England einwandernden Juden deren Lage zu studieren. Am Tage nach Sehluss der Parlanients-Session reiste Major Görden nach Uusslaud und. am Vortage der Wiedereröffnung ist er zurückgekehrt. Mehr als zwei. Monate währte die »Studienreise. Von St. Petersburg, wo er seine Empfehlungsbriefe bei der Regierung abgab, die ihm alle Tore und Wege auf seiner Heise öffneten, besuchte der Major" die her vorragendsten Judenstädte im Ansicd 1 uiigsgebiete, machte einen Absteeher nach Riga und Li hau und ging dann nach Polen, wo er sich lange Zeit aufhielt. Von da wieder leiste (Jordori nach Krakau und informierte sieh in den hervorragendsten Orten <b< liziens über den Stand in diesem Laude, um endlich Rumänien aufzusuchen. Ein Mitarbeiter des ..dewish ('hroiiielc" interviewte den Major in London und erzählt, wie sehr die Anschauungen demselben über die Juden sich nun verschoben haben. Seine Kind rucke und Folgerungen will Evans Oordon in einer demnächst erscheinenden Rroschüre niederlegen. ...Ich habe eine .Menge Material mit£(v bracht," sagte Major Gordon seinem Interviewer. ..und habe di*1 einflussreichsten Personen Ihres Stammes in den Städten, die ich besucht habe, kennen gelernt. In Kowno sprach ich viel mit dem dortigen Rabbi, dem Sohne seines berühmten Vaters. In Warschau traf ich mit Herrn S o k o i o w , dem Herausgeber der ..Hazefiralf *, zusammen — ich hoffe sagen zu dürfen, dass ich mit ihm befreundet worden bin. Es ist das einer der reizendsten und gebildetsten Mensehen, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe ..." Ueber Rumänien «äusserte sich Major < Jordon wie folgt: „Die Lage der. Dinge in Rumänien ist skandalös. Ich wünsche darüber im Unterhause eine Debatte zu provozieren. Das muss geschehen. Der Effekt einer solchen Parlaments-Debüt te. worin alles gesagt werde» soll und mit den Worten, die b*h zu gebrauchen gewillt bin, ist ein grosser und wird auf Rumänien von Kiufluss sein. Als ich dort war. sprach ich mit mehreren leitend*"