Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 44 (31.10.1902)
- Article
- Wien [Nachricht]
- Date
- 1902-10-31
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 „Die # Welt" Seite 9 blichenen, der als Mensch und Parteigenosse hervorragte, die letzte Ehre. Als Vorstand des Vereines „Zion* in Wien erwarb er sich grosse Verdienste. Herr Rabbiner Doktor Bach widmete dem Verstorbenen am Grabe einen ergreifenden Nachruf. Herr Architekt Marmorek sprach im Namen des A.-K. Herr med. Bogad würdigte den überaus beliebten Freund der Studentenschaft. * Rabbi Elias Menachem Goitein ist in Högyesz (Tolnaer Gomitat) in Ungarn im Alter von 65 Jahren gestorben. Der Verstorbene war ein ausgezeichneter Gelehrter und ein treuer und, begeisterter Anhänger unserer zionistischen Sache. 42 Jahre hindurch übte er sein Amt in derselben Gemeinde ans als Nachfolger seines Vaters und Grossvaters und erfreute sich nicht nur bei den Juden, sondern auch bei der christlichen Bevölkerung höher Achtung und Verehrung. Alle seine Söhne sind treue Freunde ihres Volkes und g?ute Zionisten. Der älteste Sohn Dr. Heinrich Goitein is^ Rabbiner jn Kopenhagen, der zweite Rabbiner in Burgkunstadt; ein anderer Sohn ist Arzt in London und ein vierter der bekannte Kongress-Delegierte J. L. Goitein, Vorsitzender des zionistischen Vereines in Frankfurt a» M. n52Hn - Unser Gesinnungsgenosse Dr. M. K r e b s, bisher Rabbiner der Ackerbau-Kolonien in Südrussland, ist zum Rabbiner von Odessa bestellt worden. W«1t-@bl'ODil{. Briefmarken-Abstempelung in hebräischer Sprache. Bekanntlich hat die türkische Regierung in üblicher Toleranz die Verfügung getroffen, dass das in der Judenstadt von Jerusalem eingerichtete türkische Postamt an den Sabbaten und jüdischen Feiertagen geschlossen bleibt. Einer uds zugekommenen Meldung zufolge trägt der von diesem Postamte gebrauchte Stempel ausser der türkischen Inschrift hoch das Wort a^ttfVT in hebräischen Lettern. Sind die Rumänen Antisemiten? Der Vizebürgermeister von Bukarest, Herr N. Bibicescu, verwahrt sich dagegen. Der Herr fühlte sich nämlich von den Anschuldigungen der Jlay'schen Note so getroffen, dass er den unwiderstehlichen Drang spürte, öffentlich dagegen zu protestieren. Er fand dieser Tage die geeignete Gelegenheit dazu, als er im Rathause die Stelle des abwesenden Bürgermeisters innehatte. Und da sprach er. Wenig, aber gediegen. „Die Juden sind undankbare Geschöpfe/ heisst es. „Wir lieben sie, wir lassen jüdische Leichenzüge frei die Strassen passieren",—Ja noch mehr, einige Freunde des Herrn B i b ieescu lüften die Hüte vor den jüdischen Leichenzügen! „Wir sind um die Juden besorgt, bei uns ist gleiches Recht für alle; werden die Juden denn nicht gleich den Rumänen gegen Pocken und Masern geimpft? (!!) Und sehen Sie meine Herren, da sterben auch weniger Juden an Pocken und Masern, als früher der Fall war." Sie meinen, weil jetzt die meisten an Hunger stürben? Nun, das ist ein natürlicher Tod und „gegen die natürlichen Gesetze dieser Erde sind die Rumänen ohnmächtig/ meint Herr Bibicescu. Ich glaube mich nichtzu täuschen — dieser HerrB i b i c e s cu ist Mitglied der rumänischen Akademie. Cholera in Palästina. Laut einer Reuter-Depesche ist in Gaza und Bydda nächst Jaffa die Cholera ausgebrochen. Jüdische Antisemiten. Ein Sozialisten-Kongress hat vorige Woche in Lyon (Frankreich) getagt. Die Frage der Zulassung einiger Delegierter war der Anlass zu einem Zwischenfalle, der komisch zu nennen wäre, wenn er nicht gar so traurig wäre. Man wollte das Mandat eines Delegierten namens Molina wegen dessen Antisemitismus nicht verifizieren. Da erhob sich Genosse M ol in a und erklärte, dass er — Jude sei. Und nun erhob sich ein anderer Genosse und erklärte, dass der von Molina angeführte Grund durchaus nicht triftig sei, da doch sehr viele Juden bei der reaktionären Presse tätig sind und ihre Stammesgenossen auf das erbittertste und unflätigste beschimpfen und bekämpfen! Molina wurde zum Schlüsse zum Kongresse zugelassen. Gepulverte Milch. Es stellt diese Ueberschrift keinen Druckfehler dar, sondern gibt Kunde von einer Erfindung, welche jüdische Leser nicht bloss vom wissenschaftlichen, sondern auch vom praktischen Standpunkte interessieren dürfte. Herrn Dr. Camp bei l,einem amerikanischenChemiker, ist die Umgestaltung der Milch in diese Form gelungen. Milch in Dampfform umzuwandeln, ist nicht gelungen; konzentrierte Milch enthält nicht die Elemente der reinen Milch ausser Kasein; in Pulverform umgesetzte Milch scheint dagegen das Problem zu lösen* Die Milch wird mit Hilfe sterilisierter Luft sterilisiert, gekocht und kondensiert, bis sie eine dicke Masse wird, womit dann der Prozess der Trocknung und Körnung vorgenommen wird. Wenn die Masse ganz trocken ist, wird sie in eine Mühle gebracht und zu Pulver gemahlen. In einem Glase Wasser aufgelöst, gibt dieses Pulver die schmackhafteste Milch. Juden als Ruthenen Die Lemberger Zeitungen bringen als Kuriosum die Tatsache, dass bei der Inskription auf der Lemberger Universität sich mehrere Juden als Ruthenen mosaischer Konfession eintragen Hessen. Auch ein Zeichen der Zeit! Zum Andenken an Zo!a. Wie das „Journal de S a. 1 onichi" mitteilt, ist unter den Juden von Salonichi für die Errichtungeines Denkmals fürZolain Paris die Summe von 240 Frcs. gesammelt worden. Die Alliance-Schule in Monastir. Wie die „V Eprea" berichtet, befindet sich die von der „Alliance" in Monastir gegründete Schule in den letzten Zügen. Die „Alliance" schickte auf wiederholtes Ersuchen der Juden Monastirs einen neuen Schuldirektor hin, von dem sie sich die Hebung der Schulzustände verspricht. Eine neue zionistische Synagoge in Kapstadt. In Capetown wurde die neue Synagoge am 24. v. M. durch den Rev. Dr. Herts eingeweiht. Der Rabbiner hielt einen Vortrag, worin er zur Gründung vieler zeitgemässer jüdischer Institutionen mahnte. Sowohl die Rede als auch der Geist, der die Versammlung beseelte, war zionistisch. Nach der Einweihung wurde das Lied: „Dort wo die Zeder" gesungen. Tribüne. Geehrte Redaktion! In einer der letzten Nummern der „Welt" war die Spende der zionistischen Ortsgruppe Zürich für den Nationalfonds zu Ehren HenryDunants erwähnt, wobei bemerkt wurde, dass das Geld durch meine Vermittlung geschickt wurde. Ich bin ein prinzipieller Gegner dessen, dass, wo eine gute Tat einer Organisation erwähnt ist, man auch die Personen, die an der Spitze der Organisation stehen, in den Vordergrund stelle. In der Organisation soll die Mittelsperson verschwinden. Nicht der Mittelsperson, sondern der Organisation gebührt das Verdienst. Sollten aber im vorliegenden Falle Namen von Mittelpersonen erwähnt werden, so sollen in erster Linie die Namen der beiden Vorstandsmitglieder der zionistischen Ortsgruppe Zürich, der Herren techn. et ehem. Fei. Brunschwig und Dr, E. Pinczower genannt werden, die bei der Veranstaltung der Sammlung für den Nationalfonds am meisten gewirkt haben. Ich habe das Geld nur in meiner Eigenschaft als Präsident der zionistischen Ortsgruppe Zürich verschickt. Genehmigen Sie die Ausdrücke meiner vollen Hochachtung. Zürich, im Oktober 1902. Dr. F a r b s t e i n. * Jüdische Stammesgennossen! Samstag den 1. November d. J., 8 Uhr abends, findet imRestaurant „Weilandhof", XX.,Klosterneuburgerstrasse 33, eine allgemein zugängliche Versammlung statt. Tagesordnung: 1. Die bevorstehenden Kultuswahlen (Referent Dr. Leopold Kahn). 2. Diskussion. — Juden! Wer nicht will, dass Kultus Vorsteher, die selbst keinen Funken von Religiosität haben, von denen sogar einer vor kurzem offen seinen Sohn zur Trauung in die Kirche führte, weiterhin vorgeben, bloss für die religiösen Bedürfnisse der Juden zu sorgen, wer nicht will, dass diese reichen Israeliten es fernerhin verhindern, dass die Kultusgemeinde sich auch mit der grossen wirtschaftlichen Not unseres Volkes befasse, wer nicht will, dass dem jüdischen Volke entfremdete Elemente sichüber dienationalenun dkulturellen Interessen unsereresVolkesmitempörenderGleichgiltigkeit hinwegsetzen, kurz, wer nicht einen von Ausnahms- Israeliten ernannten „Kultus"-Vorstand, sondern eine Jüdische Gemeinde haben will, deren Vorstand aus dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht aller Jaden hervorgeht, der komme in die Versammlung und erfahre, wie die Wiener Kultusgemeinde ist und wie sie sein soll. Juden, agitiert und erscheint in Massen! * Parteigenossen! Zum zweitenmale rüsten sieh die Wiener Zionisten zum Wahlkampfe, ifs gilt, in der Wiener Kultus gemeinde die Fahne des Zionismus, des nationalen und demokratischen Judentums aufzupflanzen. Wenn wir schon vor zwei Jahren eine imposante Stimmenzahl trotz mangelhafter Organisation und unzureichender Mittel aufbrachten, so werden und müssen wir heuer — tut