Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 44 (31.10.1902)
- Article
- Zangwill über amerikanisches "Reform"-Judentum
- Date
- 1902-10-31
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die 4 Welt*, Nr. 44 kanische Judenheit bereichert, während wir dadurch ärmer geworden sind, beschrieb ich das amerikanische Judentum als ein unlogisches Chaos. Die Phrase erregte Unwillen, wurde als herausfordernd bezeichnet, verneint — alles im Uebermass. Was sie sagen will, ist, dass der „Reform" nicht eine kritische Analyse der jüdischen Idee und Begriffe vorausgegangen ist und sie demgemäss dem Gelegenheits-Zufall und der individuellen Willkür der führenden Geister ihre Entstehung verdankt Meine Beleuchtung war einfach und klar. Die Abschaffung der Speisegesetze war willkürlich; die Prüfung und Verwerfung der Theorie der offenbarten Gesetzgebung ging ihr nicht voraus und begründete sie nicht. Das Dilemma ist augenfällig: Entweder Gott gab die Gesetze auf dem Berge Sinai, oder er gab sie nicht. Wenn es der Fall war, wie dürft ihr so viel abschaffen? Wenn es nicht der Fall war. warum schafft ihr nicht mehr ab, oder lieber, warum modelt und legt ihr nicht aus im Geiste Mosis' und seiner reformierenden Nachfolger, der Rabbis? Um meine bescheidene Instanz zu zitieren: Wenn ihr schon Austern erlaubt, warum verbietet ihr nicht Hummern, aus dem Grunde, weil sie lebend gesotten werden? Mendelssohn hat die Bibel ins Deutsche übersetzt, aber niemand hat sie ins praktische Leben übersetzt. Eure Reform opfert die Kontinuität der Geschichte blossen mechanischen Aenderungen, ohne irgend welche philosophische Idee zugrunde zu legen, immer mit Ausnahme der Formel „Washington ist unser Zion", welche übrigens angenehm kontrastiert gegen die feige Verwirrung unserer hiesigen „Priester", welche die Bewegung für die Verwirklichung dessen, wofür sie beten, missbilligen. Glauben Sie nicht, dass ich das Heil in einer bloss mechanischen Reaktion zum Orthodoxismus sehe. Auch dieser müsste eine kritische Untersuchung vorausgehen und eine neue Bibelkritik schaffen, die aber nicht eine Text- und Datenfrage wäre, die durch die Archäologie beantwortet werden kann, sondern eine Frage der Psychologie und Philosophie. Ohne diese aufrichtige Betrachtung bleibt das Judentum ebenso ein Aberglaube wie das Christentum, und die Orthodoxie wird ebenso eine Mode bleiben und vergehen, wie alles, was nicht auf ewigem Fels begründet ist. Mit den besten Neujahswünschen an Sie und Ihre Leser und Grüsse an meine zionistischen Freunde Ihr ergebener Israel Zangwill." Aus dem englischen Hause der Gemeinen. Sir Howard Vincent unterbreitete vorige Woche folgenden Antrag: „Ich möchte die Aufmerksamkeit des Hauses auf das Anwachsen und die Gefahren einer unbeschränkten Einwanderung mittelloser und gemeingefährlicher Fremden vom Kontinent nach Grossbritannien lenken — die grosse Zahl der Jurisdiktionen seitens der hierortigen Kriminal- Gerichtsbarkeit gegenüber Fremden ist Beweis hierfür — und beantrage, zu beschliessen: dass nach der Ansicht dieses Hauses die Arbeit nicht bloss durch Tarife, sondern so weit als möglich auch dadurch geschützt werden soll, dass die Landung von Arbeitern verboten werden solle, welche auf Grund von Kontrakten oder auch solcher, welche frei herüberkommen, aber ein so niedriges Mass der Lebensbedürfnisse repräsentieren, dass sie die heimischen Arbeiter auf dem Arbeitsmarkt unterbieten und auf ein tieferes Niveau hinab drücken;* Major Evans-Gordon fragt den Ersten Lord des Schatzes, ob die Korrespondenz über die Note der amerikanischen Regierung betreffs der Behandlung der Juden in Rumänien veröffentlicht werden wird und ob dem Hause Gelegenheit gegeben werden wird, die Frage zu diskutieren. Antwort Mr. Balfours: Die Korrespondenz, auf welche sich mein verehrter Freund beruft, ist nicht vollständig und ich bin deshalb nicht in der Lage, diese Frage zu beantworten. Hamburg. Wie gemeldet wird, ist der hiesigen „ Talmud - Thöra-Schule* durch das königl. Kriegsministerium die Berechtigung zugesprochen worden, das Reifezeugnis zum Einjahrig- Freiwilligen-Dienst zu erteilen. Wiener jüdische Toynbee-Halle. Die jüdische Toynbee-Halle, XX., Karajangasse 20, hat das dritte Vereinsjahr letzten Samstag mit dem ersten Vereinsabend begonnen. Das Vereinslokal war bis auf das letzte Plätzchen besetzt, und vielen Gästen musste wegen Raummangels der Zutritt verwehrt werden. Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, dass auch die offiziellen Kreise der Wiener Judengemeinde der Toynbee-Halle ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden beginnen. Unter den zahlreichen Honorationen bemerkte man unter anderem den Vizepräsidenten der Wiener Kultusgemeinde Landesschulrat Dr. Gustav K o h n, Bezirksschulrat Dr. Markus Spitzer, Baurat S t i a s s n y, kais. Rat Dr. L i e b e n, die meisten Rabbiner der Gemeinde u. s. w. Die Eröffnungsrede hielt der Obmann der Toynbee-Halle, Seminar-Rektor Prof. Dr. Adolf Schwarz. Redner legt dar, dass die moderne Institution der Toynbee- Halle mit einem Piinzip des ältesten Judentums verwandt ist, und zwar mit dem Prinzip des. Ausgleiches der sozialen Gegensätze. Weil das jüdische Volk von jeher eine festgeschlossene Einheit bilden sollte, suchte es die gesellschaftlichen Unterschiede in seiner Mitte zu überbrücken. Das geschichtliche Judentum kennt keine Enterbten und auch der ärmste Jude brauchi^nicfek den Vergleich mit dem auf derselben sozialen Stufe, -stehenden Nichtjuden zu fürchten. Es soll gewiss nicht geleugnet werden, dass wir einige Reiche in unserer Mitte haben, auf die wir mit Stolz bücken können; aber wenn man den Unterschied, welcher zwischen dem jüdischen Volke und den anderen Nationen nun einmal besteht und jede Assimilation unmöglich macht, in seinem Wesen erkennen will, dann darf man nicht den reichen Juden mit dem reichen Nichtjuden, dann muss man die armen Juden mit den armen Nichtjuden vergleichen. Die unzerstörbaren, triebkräftigsten Wurzeln des jüdischen Stammes liegen in jenen Volksschichten, die zu unterst gebettet sind. Das Streben, in geistiger Hinsicht zur Höhe emporzukommen, gewährleistet uns auf die Dauer die Verjüngungsfähigkeit des jüdischen Stammes. Das sinaitische Grundgesetz mit seiner demokratischen Unterlage, die jüdische Staatsverfassung, welche keinen Unterschied zwischen Mensch und Mensch kennt, hat dafür Sorge getragen, dass auch der, welcher nichts hat, etwas ist. Die jüdische „Zedakah" ist mehr als Wohl- und Mildtätigkeit, mehr als werktätige Menschenliebe, denn das jüdische Geben war ein gegenseitiges. Durch das Prinzip der Gegenseitigkeit sollte das jüdische Stammesbewusstsein gesteigert werden. Das Ziel Arnold Toynbees, die Errungenschaften und Schöpfungen von Wissenschaft und Kunst zum Gemeinbesitz aller Stände zu machen, weist viele verwandte Züge auf mit jenem, welches die Juden seit Jahrtausenden anstreben. Deshalb muss unsere Toynbee-Halle vor allem und nach allem eine jüdische Institution sein. Das ist sie durch den Geist und das Gemüt des Mannes, der sie hier in Wien ins Lehen gerufen hat und der trotz aller Bescheidenheit, mit welcher er sich zurückzieht, an ihrer Spitze steht und ihre eigentliche Seele bildet. (Lebhafter Beifall.) (Redner meint mit dieser Apostrophe den Gründer der Wiener jüdischen Toynbee - Halle Herrn Professor Kellner. Anmerkung des Berichterstatters.) Das ist sie durch das harmonische Zusammenwirken fein- und kunstsinniger jüdischer Frauen mit willens starken, tatkräftigen jüdischen Männern von jeher gewesen, und das wird sie auch in Zukunft bleiben. Sie will die sozialen Gegensätze in unserer Volksgemeinschaft ausgleichen, umsomehr, als, wie es scheint, in den letzten Jahrzehnten bei dieser Ausgleichung nicht immer die rechte Methode angewendet wurde. Sie ist zwar von einer zielbewussten Partei gegründet worden, hat sich aber von vorneherein dem Wohle der Gesamtheit ohne Unterschied der Partei gewidmet. Sie muss, um ihre Aufgaben ganz zu lösen, sich zu einer Gemeindeinstitution im altjüdischen Sinne ausgestalten. Nach der mit ungeteiltem lebhaften Beifall aufgenommenen Rede des Prof, Dr. Schwarz folgten gesangliche und musikalische Vorträge des Oberkantors Bela G u t m a n n, der Komponisten Ignaz Brüll und Josef Sulzer (Klavier und Gello), des Oberkanters Don Fuchs und des Cellisten J. Auber, die sich sämtlich stürmischen Beifalles erfreuten. Zum Schlüsse nahm Landesschulrat Dr. Gustav K o h n das Wort, um an die Versammlung einen warmen Appell zu richten, dahingehend, die menschenfreundlichen Ziele und Zwecke der Toynbee-Halle geistig und materiell zu fördern und in Bekanntenkreisen ausserdem auch Propaganda zu machen, damit die Absicht, Zweigfilialen auch "in anderen Bezirken zu errichten, möglichst bald zur Ausführung gelangen könne. Wohl könne, so fügte Dr. Kohn bei, eine Subvention des Vorstandes der Kultusgemeinde in Aussicht genommen werden, allein die weitesten Kreise des Judentums, müssen tatkräftig mitwirken, soll die. Toynbee-Halle imstande sein, den an sie gestellten Anforderungen auch gerecht werden zu können. f^psooaloacbFicbrei). Wien. Montag, den 26. Oktober wurde unser wackerer Gesinnungsgenosse Her J. Lu Deiner zu Grabe getragen. Ein stattlicher Zug trauernder Freunde erwies dem Ver-