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Die Welt · 1902-10-31 · 44 (31.10.1902) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
44 (31.10.1902)
Article
Petersburg [Nachricht]
Date
1902-10-31
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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„pi£ * w$$r Seite 7 Peterjburg. Im Einvernehmen der russischen Ministerien delT^niiern qnd des Äeussern wurde dem russischen ßep eraikpnsjai in London gestattet, der jüdischen Wohltat tgkeits-ö^senscbaft Passierscheine auszufolgen, um die ju4isbhen Emigranten aus Russland, welche ohne Pass ihr Vaterland yverliessen und jetzt dahin zurückkehren wollen, damit'zu versehen. Von dieser Erlaubnis, welche als Versuch erteilt wurde? sind die Gouverneure und das Polizei- Departement in Kenntnis gesetzt worden mit der Beifügung, das s die Passierscheine die rückkehrenden Juden von gerichtlichtlicher Verfolgung wegen heimlicher Ueberschreitüng der Grenze und von Bezahlung der Passsteuer nicht befreien. <* Petersburg. Wie die „Petersburgskija Wjedomosti" melden, werden der Mitte November in Petersburg zusammentretenden Rabbiner - Kommission hauptsächlich Fragen vorgelegt werden, welche Bezug auf das jüdische Eamilienrecht haben, um diese Fragen mit den Bestimmungen des neuen russischen Zivil-Gesetzbuches in Harmonie zu bringen. Unter diesen Fragen befinden sich die Bestimmungen des jüdischen Familienrechtes über „Chaliza" und über „Aguno". Die russische Regierung scheint den Wunsch zu hegen, die jüdischen Bestimmungen über „Chaliza" und „Aguno" von der Rabbiner-Kommission annulliert zu sehen ... Nowomirgorod. Der Erzbischof Nikolai, welcher in Nowpmirgorod die jüdische Synagoge besucht hatte und von den Juden die ihm überreichte heilige Schrift entgegennahm, richtete an die Juden, wie die Zeitschrift „Nowosti Jugä" meldet, folgende Ansprache: „Meinem Gewissen gemäss kann ich sagen, dass ich von den Juden, wo immer ich ihnen Begegnet war, nur Sympathie und Wohlwollen erlebt foab«; einigen Juden, von meinen Schulkollegen aus dem Gymnasium in Slatppol angefangen, bewahre ich noch jetzt d|e besten Erinnerungen." Es ist nur zu bedauern, dass bei weitem nicht alle Menschen in Russland und im Ausland denselben Anschauungen huldigen. * jPetßrsbfurg. Folgenden interessanten, aber herzbeklemmenden Fall vpn Zurückweisung jüdischer, nach Bildung strebender Jünglinge berichten hiesige Blätter: Abraham ß rannst ein, Sohn eines armen Angestellten aus dem gt^d^chen Tschimischlija im Gouvernement Bessarabien, baVohne Lehrer und Hilfe die Prüfungen für die vierte Klasse der Realschule in Kamrot glänzend bestanden. Allein der Direktor der Realschule verlangte von Braunstein die Beibringung einer polizeilichen Bestätigung, dass er das Wohnrecht in Kamrot, welches in einer Entfernung von 50 Werst von der Grenze liegt, geniesse. Die Polizei verweigerte ihm die gewünschte Bestätigung. Er überreichte eine Beschwerde an den Senat. Aber es verstrich inzwischen ein volles Jahr, die Entscheidung blieb noch immer aus! Da meldete sich B r a u n stein zu den Prüfungen für die fünfte Klasse an, er bestand auch diesmal die Prüfungen Ranzend, wurde dennoch zum Besuche der Schule nicht zugelassen. In diesem kritischen Augenblicke langte die Entscheidung des Senates herab, wonach dem Beschwerdeführer der Aufenthalt in Kamrot bis auf Weiteres gestattet wurde. Auch (Jas Ministerium des Innern räumte ihm dieses Recht ein . Allein der Direktor wies auch diesmal den armen Judenknaberi zurück. Die vpn Br aunstein dem Kurator ^es Ödessaer Lehrbezirkes überreichte Beschwerde wurde nun dahin beantwortet, dass der Ukas des Senates noch keinen genügenden Grund bildet, um Braunstein die Pforten der Realschule von Kamrot zu öffnen, weil dazu angeiblich das Recht des beständigen Aufenthaltes nötig sei, wahrend der Senat ihm dieses Recht nur bis auf Weiteres eingeräumt habe. Die Zukunft der rumänischen Juden. „Was soll denn aus den rumänischen Juden werden?" Das ist für viele unserer westeuropäischen Stammesgenossen eine unangenehme Frage. In diesen trüben und unsicheren Tagen des Judenhasses, wo man nicht einmal durch Unterstützung vqn Kirchenbauten zum Ausnahmsjuden emporwächst, kommen diese gemarterten Friedensstörer aus dem Osten und rollen die ganze Judenmisere auf. Die offiziellen Juden, die Leisetreter im Judentum, sehen, sich jetzt in der unangenehmen Lage, endlich einmal etwas zu tun, eine Tat,, sie, die immer nur „gewartet" h#ben und das „Warten" auch den anderen gepredigt Mixen. Öie Wanderung der rumänischen Juden war der förmliche Krach der Politik der „Klugen" unter den Juden, das Ende der Leisetreter und Lautschreier. Aber wie eine bankerotte Handelsfirma sich immer noch an den Schein irgend eines Besitztums klammert, um zu retten, was zu retten möglich ist, klammern sich die „führenden" Juden, deren Zeit jetzt völlig vorbei ist, an den Schein einer Aktivität — sie heissen uns hoffen! Sie trauen sich, uns die altbekannte Augensalbe als einzige Rettung aus allen modernen Uebeln : das politische W a r t e n, wieder aufzutischen. „Warten wir die Zukunft ab!* Die Zukunft muss uns alles das ersetzen, was die Gegenwart an uns verbrochen hat, wie wenn es je eine gute Zukunft gegeben hätte, die nicht durch tatkräftige Einwirkung auf die Gegenwart sich entwickelt hätte. Und die amerikanische Note als Anknüpfungspunkt benützend und einige Winkreden rumänischer Politiker als Beweise bringend, versuchen diese Propheten rosiger Tage, die politische Atmosphäre Rumäniens für die Zukunft zu prophezeien. Natürlich heisst es darüber: Sonnig und heiter. * Der „philosemitischeste" unter den rumänischen Politikern ist Herr P. P. Carp. Er ist der einzige, der den bekannten Artikel 7 der rumänischen Konstitution als „barbarisch" bezeichnet hat und auf Herrn P. P. Carp baut das Ausland grosse Stücke. Wir wollen uns die Antwort auf diese Frage von Herrn Carps Leiborgan „Epoca" holen. In Nr. 2556 dieses Blattes finden wir einen Leitartikel, „Die Judenfrage", der die Meinungen dieser „philosemitischen* rumänischen Partei enthält. vWie lösen wir die Judenfrage?" fragt sich der Verfasser des Artikels, Herr Universitätsprofessor N. J o r g a. „Es gibt mehrere Lösungen," heisst es dort. „Die erste ist leider nicht ausführbar. Diese leider nicht ausführbare Lösung ist das Heraustreiben der 300.000 Juden aus Rumänien. Nicht ausführbar, weil an den Grenzen Rumäniens die Grenzen anderer bewaffneter Staaten sind und weil es nicht 300.000 Rumänen gibt, die zum Ersätze nach Rumänien einwandern könnten. Die Rumänen müssen sich also in ihr Schicksal fügen; es wird in Rumänien immer Juden geben." Die zweite Lösung ist die Einbürgerung der Juden. „Das wollen wir nicht," sagt Herr N. Jorga. Das ist die kategorische Antwort der „philosemitischen" Partei in Rumänien. Wie könnte es auch anders sein? Könnte man glauben, nach alledem, was sich in Rumänien zugetragen bat. dass in den Seelen der rumänischen Politiker die unlöschbare Flamme der Judenliebe brennt, die nur eine Gelegenheit sucht, um sich frei und warm zu entfachen? — „Ja, man wird sie zwingen, die Rumänen, sagen die Juden. Wer? Die Vereinigten Staaten? Europa? Das führt erstens zu nichts, wie die Note Hay bewiesen hat, und nehmen wir den Fall an, dass wir gezwungen sind, den Juden die Rechte zu geben, werden sie davon etwas haben?" „Nein," sagt Herr N. Jorga. Das wird alles totes Gesetz bleiben, wir werden immer die Herren bleiben und wenn die Juden es wagen, ihre Rechte jemals zu benützen, dann werden „die jetzigen blutigen Phantasien der ausländischen jüdischen Journalisten zur Wirklichkeit werden". Ist die Zukunft der Juden in Rumänien gar so .sonnig und heiter"? A. N. Zangwill über amerikanisches „Reform''-Judentiim. Rev. Dr. Jacob Voorsan ger, Reform-Rabbiner in San Franzisko (Kalifornien), ist einer der enragiertesten Antizionisten und das von ihm herausgegebene Blatt „Emanu-el" überbietet alle seine Kollegen in blinder Zionistenfresserei: Anlässlich des Rosch-Haschono gab die Zeitung eine übrigens sehr reich und geschmackvoll ausgestattete Festnummer heraus. Unser grosser Freund Israel Z a n g w i 11 wurde ebenfalls eingeladen, einen Beitrag beizusteuern, und er entsprach dieser Aufforderung mit folgendem Briefe: „Dr. Jacob Voorsanger, San Francisco. Geehrter Herr! Wenn ich Ihrer schmeichelhaften Einladung,Ihre Leser zum Neuen Jahre wieder anzureden, Folge leiste, so geschieht es mit Hinblick auf das Aufhören dieser Neujahrsgewohnheit, deren Fortbestand den Beigeschmack von Arroganz hätte. Ich bin bloss ein Laie und ein Schriftsteller und.wremand kann weniger Glaubenin die Wirksamkeit dessen, was ich vorbiinge, hegen, als ich selbst. In einer Rede beim Abschiedpbankett meines Freundes Dr. Sehe cht er*) , dessen Anwesenheit jetzt die ameri-

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