Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 43 (24.10.1902)
- Article
- Moskau
- Date
- 1902-10-24
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 43 „Die # Welt^ Seite 7 zusehen. Der Kongress allein war imstande, die Zulassung jüdischer Delegierter zur Teilnahme an dem Kongresse zu erwirken. Das hat der Kongress nicht tun wollen ... * Kiew. Die Ergebnisse der Aufnahme von Studenten in die Universität zu Kiew sind nunmehr offiziell festgestellt worden. Im ganzen wurden 421 Studenten aufgenommen, darunter 32 Juden, die aber sämtlich, wie die „Nowoje Wremja" konstatiert, das Gymnasium mit der goldenen Medaille absolviert haben. Jüdische Gymnasialschüler, welche nur silberne Medaillen erhielten, wurden über Bord geworfen. Charakteristisch aber ist die Tatsache, dass die aufgenommenen Juden nur sieben Prozent der Gesamtzahl bilden, trotzdem der jüngste Erlas des Universitätsministers S a e n g e r für jüdische Studenten an der Kiewer Universität eine fünfzehnprozentige Norm festgesetzt hat. ** Odessa. Die Pest herrscht gegenwärtig in Odessa. Wie der „Odesskij Listok" meldet, betrafen alle konstatierten 35 Pestfälle, dar anter 13 mit letalem Ausgange, ausschliesslich die armen Juden der Vorstädte. Mehr als 400 Juden stehen unter sanitärer Beobachtung. Sie ersuchten unlängst um Ausfolgung von Talessini behufs Abhaltung der Gottesdienste. Der Rabbiner von Odessa gestattete ihnen aber, den Gottesdienst ohne Talessim abzuhalten. * Odessa. In allen von Juden bewohnten Städten Russlands wurden in den Synagogen anlässlicli des Ablebens von Emile Zola Trauergottesdienste veranstaltet. Fast alle jüdischen Gemeinden der Grossstädte haben an die Witwe Z o 1 a s Kondolenz-Depeschen gerichtet, in dem Zola als Anwalt der Menschlichkeit und der Wahrheit gefeiert und gepriesen wird. * Lodz. Wie der „Lodzinskij Listok" meldet, macht sich unter der jüdischen Bevölkerung von Lodz und Umgebung eine mächtige Bewegung zur Auswanderung nach Südafrika bemerkbar. Rumänische Politik und Politiker. Ueber die Lage der rumänischen Juden sind in den letzten Wochen einige sehr interessante Artikel, erschienen. Die Verfasser derselben, gewesene Minister und aktive Universitätsprolessoren, sind reine Rumänen; einige sogar BNur-Rumänen". So Herr Dissescu, gewesener Justizminister und gegenwärtig Universitätsprofessor in Bukarest, und Herr N. J o r g a, Geschichtsschreiber und Universitätsprofessor und zukünftiger rumänischer Minister; dann militante Antisemiten wie Herr Take Jonescu, opportunistischer Antisemit. Wir wollen uns für heute mit diesen dreien begnügen, denn ihre Geständnisse haben für uns den meisten Wert. Ja, sie machen Geständnisse, die gewesenen und zukünftigen rumänischen GeschichtsLenker* Herr Take Jonescu sagt es förmlich und buchstäblich heraus: „Ich habe gefehlt; wir haben alle gefehlt, und ich rufe es öffentlich aus: Pater peccavi". Der rumänische Minister Take Jonescu gesteht jetzt ein, dass er gegen Rumänien sich schwer versündigt habe, als er im Jahre 1899 die jüdischen Kinder aus den rumänischen Schulen ausgeschlossen hat, da er Unterrichtsmin ister war. Er fährt fort: »Wir haben alle gefehlt, alle rumänischen Politiker, die seit Jahrzehnten die Verfolgungspolitik gegen die Juden betrieben". Herr N. Jorga, antisemitischer Leitartikler der Carp'schen „Epoca", gesteht nach vielem Zögern und nach allerlei Beschönigungen doch endlich zu, dass den Juden ein grosses, grosses Unrecht geschieht, nicht nur weil Herr Take Jonescu ihnen den Eintritt in die Schulen erschwert hat, sondern durch ihre ganze Sonderstellung im Staate und in der Gesellschaft. Also ist die westeuropäische Presse nicht von den rumänischen Auswanderern bestochen, wenn sie seit langem, von dieser Sonderlielotenslellung der rumänischen Juden spricht? Und die rumänischen Juden selbst sind auch keine Vaterlandsverräter, die, nur um Rumänien zu kompromitieren, Haus und Weib und Kind verlassen, und ohne Geld und Schutz sich in die weite Welt wagen? Was ist es dann mit der „Allgemeinen Krisis allein, die die arbeitsscheuen Juden aus Rumänien vertreibt" des Herrn Stourdza und seines diensteifrigen Rabbi? Die Juden sind doch in einer Sonderlage? Die allgemeine Krisis ist auch für sie spezifiziert? Herr Dissescu, der Rechtsgelehrte und rechtsschaffene Mann, findet nach 24 Jahren, und erst nach der H a y'schen Note, „dass die Rumänen mit der sukzesiven Einbürgerung der Juden, nicht korrekt vorgegangen sind und dass man es doch einmal besser machen soll". Nach einem Vierteljahrhundert erkennt endlich der Herr Justizminister, dass die Juden sich diese ganze Zeit nicht umsonst beklagt haben! Freilich ist jetzt Herr Dissescu nicht mehr Minister, — aber er möchte es sein, wie auch Herr Take Jonescu. Und eben deshalb, du Naiver! — Nach der Ha y'schen Note schrieben alle rumänischen Zeitungen, auch die Leiborgane der obengenannten Herren : „Die Juden müssen mit uns gegen die Note H a y s protestieren, sonst lassen sie auf sich den Verdacht haften, dass sie mit den Vorwürfen, die die Note Rumänien macht, einverstanden sind. Wir werden dann wissen, wie wir zu handeln haben". Braucht das noch kommentiert zu werden? N. Ein Brief Mr. Robsons* In Beantwortung eines Dankesvotums für seine Teilnahme an dem Liverpooler zionistischen Demonstrationsmeeting richtete das Parlamentsmitglied Mr. W. S, Ro'bson an den Vorsitzenden des Liverpooler zionistischen Zentral - Komitees folgenden Brief: Stardens,Newent, Gloucestershire, 21 Sept. 1902. Lieber Mr. Cohen! Ich habe mit grosser Freude die Resolution zur Kenntnis genommen, die vom Liverpooler Komitee mit Bezug auf meine und meiner Frau Anwesenheit beim Meeting vom 10. d. M. gefasst worden ist. Ich bin glücklich, dass das Komitee der Ansicht ist, dass ich Ihrer Sache einen wenn auch geringen Dienst geleistet habe. Es ist eine grosse Sache und, genau genommen, für jeden Christen, der kein Frömmler ist, bezaubernd. Ich hoffe aufrichtig, dass die wohlhabenden Juden sich endlich ermannen werden, der grossen Organisations-Aufgabe, welche jeder Kolonisation vorangehen und sie begleiten rauss, sowohl ihre Kraft als ihr Geld in reichem Masse zuzuwenden. Meine Frau ersucht mich, ihren Dank für die liebenswürdige Erwähnung ihrer Person in der Resolution Ihnen zu übermitteln. Ihr herzlich ergebener W. S. R o b s o n. Die »hebräische Kolonie von Manicoas" hat ausser ihrem Schekel noch für den Nationalfonds eine Spende von 100 Frcs. (und nicht 10 Frcs. wie in voriger Nummer irrtümlich gedruckt war) eingesendet. Manicoas liegt in einer der westlichsten Provinzen der Vereinigten Staaten von Brasilien, nahe dem Aequator; die Stadt hat eine hauptsächlich indianische Bevölkerung. Es gibt nur wenige Weisse in der Stadt, darunter zirka 300 jüdische Familien, Nachkommen von portugiesischen Juden, die vor 300 Jahren nach Brasilien auswanderten. Dieser vom jüdischen Stamme so weit versprengte Splitter hat sein jüdisches Gefühl nicht verloren. Er bezeichnet sich selbst als,,hebräische Kolonie" und sendet jedes Jahr seinen Schekel, dem diesesmal auch eine Spende für den Nationalfonds beiliegt. Die hebräische Kolonie von Manicoas beschämt damit so viele „gläubige'4 Juden von Europa. Eine Preisausschreibung. Die jüdisch-literarische Gesellschaft in Franfurt a. M. setzt, aus der Schelomoh Jehuda Sachs-Stiftung einen Preis von 300 Mark aus für eine in deutscher Sprache geschriebene, kurzgefasste, streng wissenschaftliche und mit Quellenangaben versehene Geschichte der Geonim. Die Arbeit soll mindestens 5 Bogen umfassen. Die preisgekrönte Arbeit bleibt Eigentum des Autors. Die J. L G. bestreitet die Kosten des Druckes und behält sich eine mit dem Autor zu vereinbarende Anzahl von Exemplaren vor. Die Arbeiten müssen bis zum 1 Ab. 5663 (25. J uli 1903) an den Schriftführer der J. L. G., Herrn Provinzial- Rabbiner Dr. Bamberger in Hanau, eingesandt werden. Jede Arbeit ist mit einem Motto zu versehen, welches auch auf einem verschlossenen, den Namen des Autors enthaltenden Kuvert verzeichnet ist. Vtfelr*übi,ODil<. Assimilationsblüten in Amerika. Der „Jewish World" hat berechnet, dass in New-York jeder vierte Passant ein Jude ist Das druckten die Assimilantenblätter schleunigst nach und schimpften dann wie die Eohrspatzen, dass man so etwas veröffentliche. Denn erstens kenne man in Amerika keinen Unterschied zwischen Christen und Juden, sondern nur Amerikaner, und zweitens könnte eine solche Tatsache Ausnahmsgesetze hervorrufen. Diese Bemerkungen scheinen von der Drehkrankheit eingegeben zu sein. Ausnahmsgesetze gegen wen? Doch nur gegen Amerikaner, da man andere nicht kennt — gegen Amerikaner in Amerika! Erkläret mir, Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur!