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Die Welt · 1902-10-24 · 43 (24.10.1902) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
43 (24.10.1902)
Article
Ein Wort zur russischen Landes-Konferenz in Minsk
Date
1902-10-24
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 43 Manne, der die Haut des Bären verkaufte, bevor <fägv*Tier erlegt war, davon ab. Vergebens sagte ich mir, dass ein erprobter Schütze mit sicherem Auge und ruhiger Hand, mit jenem Mute, der das Leben in die Schanze zu schlagen wagt, mit genauer Kenntnis der Eigenschaften und Gewohnheiten der Bären, sowie der Gefahren des Waldes, ein Schatze, der schon lange den Spuren des Tieres gefolgt ist und genau weiss, wo es steckt — dass ein solcher Waidmann vielleicht zu entschuldigen wäre, wenn er auf der Jagd einen Augenblick bei dem Gebrauche verweilte, den er von der Haut des todten Bären machen wollte. Vergebens, die Furcht vor dem Scheine der Phantasterei war stärker als die vernünttige Ueberlegung. Gross war daher meine freudige Ueberraschung, als ich die Worte des Herrn Eechtsanwaltes Rosenbaum in Minsk gelesen hatte: „Das vom Kapital des Nationalfonds angekaufte Land ist unveräusserlich und bleibt für ewige Zeiten Eigentum des ganzen jüdischen Volkes. Es kann für kürzere oder längere Zeit verpachtet werden, darf aber niemals Privateigentum werden.* Der Redner hat hier das Richtige getroffen; als Zionist fühle ich mich ihm gegenüber zu Danke verpflichtet und beklage vom Herzen, dass sein Vorschlag nicht einstimmig genehmigt wurde. Herr R. wird aber unserer Sache einen grossen Dienst gleistet haben, wenn dies auf einem allgemeinen Zionisten-Kongresse geschehen sein wird und ich hoffe, dass er nächstens schon Gelegenheit finden wird, seine Gedanken den Delegierten der jüdischen Welt solchermassen darzulegen, dass der Grundsatz von dei Unveräusserlichkeit jeder der Parzellen von Erez Israel seinen Platz in dem einstigen Charter finden werde. Und eine solche Darlegung bietet keine übergrossen^ Schwierigkeiten dar. Das Privateigentumsrecht, die Grundlage der Gesellschaft, umfasst die volle Ausbeute der Arbeit der einzelnen Mitglieder der Gesellschaft. Dies Recht aber derart erweitern, dass es in sich selbst die notwendige Bedingung alier Arbeit schliesse, ist ein Missbrauch, der wie alle Missbräuche sich gerächt hat. Die Mutter Erde ist eine Gabe des Schöpfers der gesamten Menschheit und den verschiedenen Gesellschaften in seinem Namen anvertraut und darf daher von dem Einzelnen nicht monopolisiert werden. Es ist dies ein Uebergriff, der mit dem römischen Rechte über Europa verbreitet worden ist mit teilweiser Ausnahme der sla vischen Länder, namentlich Russlands, und die russische Intelligenz scheint, vielleicht nicht mit Unrecht, in dem „Mir" den Weg zur Hegemonie Russlands zu sehen* Die Geschichte spricht hier nur allzu deutlich zu uns. Denn zu jeder Zeit und überall hat es sich gezeigt, dass das^Prinzip des Privateigentums, auf Grund und Boden angewendet, die Bevölkerung binnen kurzem in zwei Teile gespaltet hat: in Reiche und Proleten. Es waren die Latifundien, die grossen Landgüter, welche den Barbaren den Weg geebnet hatten und der römischen Weltherrschaft ein Ende machten. Es sind die grossen Landgüter, welche Irland entvölkerten und die Nachkommen jener 250.000 Yeomen, welche noch in der Mitte des XVIII. Jahrhunderts der Stolz Englands waren, zwangen, als Taglöhner ihr Brot zu suchen. Und so überall in der zivilisierten Welt, überall hat eine verhältnismässig geringe Minorität, auf diesem Missbrauch fussend, die grosse Masse des Volkes erblos machen können. Nun weiss ich ja, dass Grund und Boden nicht mehr der einzige Reichtum des Volkes ist, dass hingegen das fliessende .Kapital in i;ns er er Zeit, die, wichtigste Rolle in. der Oekonomie der Völker spielt; ich weiss auch, dass das Kapital es ist," welches durch Pfandbriefe und Prioritäten der ^eigentliche Eigentümer der Aecker und Wälder'.,g£- worften ist. Dies ändert ja aber an der Sache nichts, indem es dem kleinen Ackersmann gieichgiltig sein muss, ob sein Acker dem nächsten Edelmann oder der Hypothekenbank der ferneren Hauptstadt gehört. Ohne jene präventive Massregel würde es im neuen Erez Israel hergehen, wie es im alten gegangen ist. Es gelang ja nicht der agrarischen Gesetzgebung Moses*, die unheilschwangeren Folgen des Missbrauchs eines an und für sich naturwüchsigen Prinzips abzulenken; dafür zeugen die Strafpredigten der Propheten gegen die Reichen, sowie unsere heiligen Schriften überhaupt. Denn jene Gesetzgebung war doch nur eine Halbheit, das private Eigentumsrecht an Grund und Boden war stärker als alle Gesetze und hat auch bald "Israel in Arm und Reich gespalten. Und alles was eine humane Gesetzgebung des XVIII. und XIX. Jahrhunderts hat ausfindig machen können, in der Absicht, dem kleinen Ackerbauer seine kleine Scholle zu bewahren, blieb gleicher Weise nur Surrogat und daher ist die Zeit nicht mehr fern, wo die „Nationalisierung* der Scholle das Privateigentumsrecht wird abgelöst haben und der verstorbene Henry George als der Heros, der er ist, geehrt werden wird. * Selbst aber abgesehen von dem prächtigen Verlauf der zionistischen Verbrüderung in Minsk, ist das nächste Faktum, das blosse Zusammentreten dieser Versammlung .zugleich eine Verheissuhg und ein Fingerzeig. Denn eine ^Repräsentation dieser Art russischer Untertanen auf russischem Boden mit Genehmigung russischer Autoritäten '•'ist ja etwas vollkommen Neues und einzig, so lange Juden -in Russland gelebt. Und dass es eben Juden waren, mit welchen das Experiment gemacht worden ist, und dass der Versuch einen glücklichen Verlauf und Ausgang gehabt ";hat, enthält die Verheissung davon, dass die Stimme der Juden geduldet und gehört sein wird auch über Dinge, die die Stellung der Juden im Lande selbst berühren. Und di«se Legalisierung der jüdischen Initiative ist auf der anderen Seite , ein Fingerzeig dafür, dass die russischen Autoritäten zum Ersatz — do ut des — fernerhin erwarten, dass die junge jüdische Intelligenz und die jüdischen Arbeiter ihren Sinn auf die jüdische Zukunft richten fort von der russischen Gegenwart und den inneren russischen Bewegungen, die schon Tränen genug gekostet hat, ohne die Stellung der Juden zu bessern, sondern in vielen zu verschlechtern. Jene Intelligenz und die arbeitenden Brüder werden, wie Sokolow sagt, sich nicht verpflichten, fremden Völkern — Völkern die unserem Volk unrecht getan und tun — zugefügtes Unrecht zu rügen, sondern sich immer erinnern, dass charity begins at home und dass ein Volk immer sich selbst am nächsten ist. Die russischen Autoritäten haben unserem Volke die Hand gereicht, es steht uns zu, diese Hand dankbar.zu ergreifen in der berechtigten Hoffnung, dass jene starke Hand uns schützen wird in unserem Streben und für den Auftrag, der uns erwartet: den Aufbau des eigenen Hauses auf eigener Scholle geschickt zu machen. Die russische Aristokratie ist nicht des Juden ärgster Feind und Ausserdem —. lass den Stein stecken! sagte der Bauer, er sah sein Kind den Turm puffen! Kopenhagen. Josef Michaelsen.

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