Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 43 (24.10.1902)
- Article
- Christliche Staatsmänner und Gelehrte über den Zionismus
- Date
- 1902-10-24
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3316003-3325584--35291-3325694- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 43 „Die £ Welt" Seite 3 zunächst zweier Staatsmänner, die an der Spitze der Regierungen ihrer Heimat gestanden sind, reproduziert. Der gewesene englische Premierminister Lord S'aIisbxiry-schreibt folgendes: »Der Zionismus dürfte Erfolg haben, trotz der Opposition, der er begegnet. Die Juden haben die Fähigkeit, ein Musterregiment in Palästina zu etablieren und den Handel von Kleinasien zu unerreichter Höhe zubringen. Wenn 40 Perzent der Juden sich zum Projekte bekehren würden, dann hätte es eine gesicherte Zukunft (an assured reality). Es gibt keinen Grund, warum der Sultan sich der Errichtung eines autonomen jüdischen Gemeinwesens unter seiner Oberherrschaft widersetzen sollte. In der Rasse, die 2000jährigern Drucke widerstanden hat, ist genug Energie und Ausdauer vorhanden, um die vom Zionismus gesteckten Ziele zu vollbringen." Leon ßourg eois, französischer Ex-Premier und gegenwärtiger Kammerpräsident, gibt folgender Ansicht Ausdruck: „Das jüdische Volk ist zu sehr individuell, zu sehr von anderen Nationen verschieden, um sich selbst in Assimilation zu verlieren, Zionismus ist hauptsächlich Krieg gegen den Antisemitismus — gegen eine Erscheinung, die schimpflicher ist für die herrschenden Völker als für die Juden selbst, denn der Antisemitismus übt eine demoralisierende Wirkung, indem erderfHass fördert und die Ausbreitung des liberalen Geistes behindert. Die Juden machen jetzt eine Wiedergeburt als Nation durch, indem sie sich nachdrücklich als solche bekennen. Wir können von ihnen viel erwarten, da sie viele intellektuelle Kräfte besitzen, Zionismus ist als das Lösungsmittel des Antisemitismus zu begrüssen, welcher seine Existenzbedingung (raison d'etre) in dem Augenblicke der Einigung und Rehabilitierung der verfolgten und unterdrückten Rasse verlieren wird." Wir wollen nun noch folgende Meinungen hinzufugen : Prof. Masaryk-Prag schreibt: „Der Zionismus hat meine ganze Sympathie errungen und ich schätze ihn viel höher, als das was im modernen Frankreich Nationalismus genannt wird. Er ist eine fortschrittliche Bewegung, ein Wiedererwachen, von dem ich mir sehr viel für die ganze Zivilisation verspreche.u Prof. F. Herman-Basel: „Wenn die Juden mit ihrer glorreichen historischen Vergangenheit ihre nationalen Aspirationen aufgeben würden, wäre es gleichbedeutend mit dem Selbstmorde einer Nation. Sie haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, für die Wiederherstellung ihrer nationalen Selbständigkeit zu kämpfen. Zionismus ist kein blosser Traum. Die Geschichte gibt andere Beispiele der Wiedergeburt und Wiederbelebung anscheinend toter Nationen, und warum sollte dies nicht bei einem so reich ausgestatteten Volke, wie es die Juden sind, möglich sein? Ihre Sache wäre hoffnungslos, wenn sie auf gewalttätigem und kriegerischem Wege ihr Ziel erreichen wollten, da sie aber friedliche und moralische Wege einschlagen, ist der Erfolg durchaus nicht unmöglich/ Max Liebermann Uber den Zionismus. Von Adolph Donath. Ihre Frage zu beantworten^ ob Max Liebermann, dessen Persönlichkeit und dessen Berliner Atelier ich kürzlich an anderer Stelle besprach, mir gegenüber auch des Zionismus Erwähnung getan habe, fällt mir nicht schwer. Lieber mann hängt an seinem Judentum. Das sagt er oft und jedem. Auch bleibt er nicht im alten Fahrwasser stecken, das heisst: er verfolgt genau alle Vorgänge, alle Bewegungen innerhalb der den Juden gezogenen Grenze. Da fallen mir unwillkürlich ein paar Worte ein, die er in seiner Schrift über den Impressionisten Degas niedergeschrieben hat — Liebermann ist nämlich nicht nur ein Meister des Pinsels, er spricht und schreibt auch famos. In der erwähnten Schrift sagt er also: „Der Philister sieht im Bilde nur das Kunststück, nicht das Kunstwerk, nur die Mache; die Empfindung versteht er nicht/ Der Extrakt dieses Satzes lässt sich wunderbar auf alles anwenden, was schön und erhaben ist, also nicht etwa nur auf Kunstwerke der Malerei oder der Plastik, sondern auch auf grosse Lebensprobleme, auf mächtige Volksideen. Der Philister, oder sagen wir hier, um auf unser Thema zu kommen, der seiner Rasse sich entfremdende Judev der sich assimilierende, sieht im Zionismus nur ein Schlagwort, die Mache; die Empfindung versteht er nicht. Vielleicht will er sie nicht verstehen. Manche nehmen es wenigstens so an. Der Künstler aber, mag er nun Maler oder Plastiker, Dichter" oder Tonsetzer sein, fasst die Sache anders auf. Er sieht viel weiter, viel tiefer, vorausgesetzt, dass ersieh äusserlich nicht losgelöst hat von seinem Volkstum. Dieses innerlich abzustreifen, ist kaum denkbar. Rasse bleibt eben Rasse ... Max Li ebermann widmet dem Zionismus grosses Interesse. „Das ist etwas unerhört Ideales. Mag nun," sagte er ungefähr zu mir, „die Idee durchgeführt werden oder nicht, der moralische Effekt ist schon heute sehr gross. Wenn man bedenkt, dass das Band zwischen den Juden, die in der ganzen Welt zerstreut sind, seit Jahrtausenden zerrissen war, und dass es heute gleichsam restauriert und dann immer fester gespannt wird, muss man der zionistischen Bewegung seine Aufmerksamkeit schenken. Die Idee ist fascinierend. Orthodoxer Jude binj ich nicht. Nichts weniger als das. Aber das wollen die Zionisten ja auch nicht, das fällt ja hier gar nicht ins Gewicht. Die Hauptsache bleibt, dass ich Jude bin und mich als solcher deklariere. Daran halte ich fest. Ich kenne sehr gut die Schwächen der Juden, die mitunter gar nicht so klein sind, weiss aber auch ihre Vorzüge zu schätzen. Nie aber hätte ich geglaubt, dass Leute kommen werden, welche sagen: Wir müssen das Judentum in neue Bahnen lenken... Der culturelle Fortschritt, welcher mit dem Zionismus verbunden ist, lässt sich heute noch nicht bemessen. Gering wird er sicher nicht sein!" Liebermann findet immer neue Anknüpfungspunkte. Er freut sich, dass es unter den nichtjüdischen Dichtern und Künstlern auch Leute gibt, welche jüdische Stoffe behandeln. Dann erzählt er mir unter anderem, dass Detlev v. Liliencron, der grösste unter den Lyrikern von heute, in letzter Zeit ein paar Balladen aus dem jüdischen Leben geschrieben hat. Liebermann hat nämlich starke Fühlung mit der Literatur. Die jungjüdische Kunstbewegung interessiert ihn sehr. Ein Wort zur russischen Landes-Konferenz in Minsk,1 Motto: Latifundia peräidere Italiam, Mehrmals beschäftigte mich der Gedanke an die zweckmässig&tö Organisierung der agrarischen Verhältnisse in Palästina, weön unser seit so lange mit Beschlag be^ legtes Erbgut wiederihein Gesetz von Zion aus empfangen werde. Jedesmal r ab erhielt mich die alte Parabel vom