Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 43 (24.10.1902)
- Article
- Jüdische Notabilitäten
- Date
- 1902-10-24
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3316003-3325583--35288-3325693- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 „Die # Weit" Nr. 43 genötigt, unsere jüdischen Brüder — auch die, welche unsere Gegner sind — über die wahre Sachlage aufzuklären. Wählen wir ein typisches Beispiel: Sir Marcus Samuel in London, ein reicher Jude, ist neulich zum Lordmayor der City gewählt worden, Nachdem Sir Marcus so taktvoll war, in seiner Ansprache sich als Juden zu proklamieren und auf den Unterschied in Bezug auf die Behandlung der Juden in England und in den anderen Ländern hinzuweisen, haben wir Juden gewiss Grund, uns dieser Auszeichnung eines Juden zu freuen. Ob es nicht zu viel ist, wenn ein Blatt aus diesem Anlasse sehreibt: „Die Höhen sind erreicht, die Klüfte überbrückt!" wollen wir unseren Lesern überlassen. Allein man sollte wenigstens prüfen, ob der einzelne Ausgezeichnete, dessen Euhm einen Abglanz auf das ganze jüdische Volk werfen soll, auch für sein Volk und seinen Glauben sein Herz bewahrt hat. Da war in Triest Herr M. Luzzatto zum Ehrenbürger der Stadt gewählt worden, was selbstverständlich die jüdischen Gotha-Almanachs mit rauschendem Jubel begrüssten. Sie haben aber die Korrektur des „Corriere Israelitieo" zu reproduzieren vergessen, dass der genannte Herr aus der jüdischen Ileligionsgemeinde längst ausgetreten ist. Eumänien, dies grausame Barbarenland, hat, um Sand in die Augen der jüdischen Börsenjobber zu streuen, einen Juden, Herrn Leopold Dreyfus, zu ihrem Konsul in Paris ernannt und Herr Dreyfus hatte nicht den Mut, Eumänien die angebotene Würde ins Gesieht zu schleudern, was mutatis mutandis ein Angehöriger anderer Nationalität gewiss getan hätte. Da ist ferner Herr Leopold Pollak, kaiserlicher und Kommerzialrat,Präses des Gremiums derWiener Kaufmannschaft undWiener Kultusvorstand, durch dasKommandeurkreuz des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet worden. Selbstverständlich gratulieren wir diesem Herrn herzlich, da doch seine Verdienste um das Vaterland sicherlich gross und wichtig sind. Hat das Judentum aucü allen Grand, sich dieser Auszeichnung zu freuen? Hätte z. B. der kaiserliche Bat Pollak keine andere Grosstat vollbracht, als sein bekanntes antisemitisches Betragen während der Konkurrenz für den Bau des Vereinshauses, hätte er nichts anderes getan, als seinen Sohn so gut wie aus der Taufe zu lieben und doch zugleich Kultusvorstand zu sein (was selbstverständlich die schmeichlerische jüdische Presse verschweigt, obwohl sie gut informiert ist), so wäre es schon hinreichend. Ein drastisches Beispiel sei noch erwähnt: Da wurde neulich der siebzigste Geburtstag einer jüdischen Dame (deren Namen zu erwähnen ich für überflüssig halte), die im öffentlichen Leben eine gewisse Bolle spielt, mit der gewöhnlichen Emphase von den jüdischen Organen gefeiert. Nun trat der merkwürdige Eall ein, dass die Jubilarin gerade* an ihrem siebzigsten Geburtstage den Drang in sich verspürte, sich in den Schoss der aliein seligmachenden Kirche aufnehmenzu lassen^Man wird vielleicht einwerfen: Ja3 woher hätten diese Zeitungen das wissen können? Nun, die Antwort ist sehr einfach: Hätte die Dame ihr ganzes Lebenlang für das Judentum irgendein lebhaftes Gefühl gehabt, dann hätte sie es in ihrem siebzigsten Lebensjahre nicht schnöde von sich geworfen. Und wenn sie ihr: ganzes Lebenlang nichts für das Judentum geleistet hat, so hat auch das Judentum keinen Anlass, sie zu feiern .. Es müssten sonst die Deutschen sich freuen, rlass das hohe Beamtentum in einem der grössten Reiche Osteuropas deutsche Namen trägt und somit zweifelsohne germanischer Abstammung ist* Und was verbindet uns sonst mit solchen Juden, die weder an unserem Leben teilnehmen, mit uns weder Leid und Weh noch unsere Hoffnungen und den harten Kampf für unsere Ideale mit uns teilen? Brauchen wir überhaupt auf solche Juden stolz zu sein, die auf irgendeine Weise zu einer gewissen hervorragenden Stellung gelangt sind und uns meiden? Mit nichten. Nach Anerkennung von aussen jagt nur derjenige, der sich selbst nicht achtet, kein eigenes „Ich" hat. Wir aber haben eine Volkspsyche, die höher steht als das vereinzelte Individuum, wir haben unser nationales Selbstbewusstsein und wollen uns nicht jenen aufdrängen, die von uns geschieden leben. Wir nationale Juden sind konsequent und befolgen unsere Lehre vom Volke als ein organisches Ganzes und der untergeordneten Stellung des Individuums der Gemeinschaft gegenüber, die dem Denken unseres Volkes von den ältesten Weisen bis auf die neuesten: Steinthal und Lazarus, entspricht, und stehen somit auch auf einer wissenschaftlichen Basis. Jüdische Kultur, jüdischer Geist und zivilisierte Juden, geistvolle Juden sind nicht immer sich deckende Begriffe . . . * „Die Höhen sind erreicht, die Klüfte überbrückt", ruft jenes Hlattaus. Welche Logik! Schon fünfmal sind Juden zu derselben Würde, der des Lordmayors, erhoben worden, und nichtsdestoweniger, trotz der „erreichten Höhen und überbrückten Klüfte" wird gerade jetzt in England der Antisemitismus wach, gerade jetzt regt sich eine Bewegung, die Tore Englands vor den jüdischen Einwanderern zu sperren, gerade jetzt droht man im East-End von London mit „riots", d. h. mit Krawallen gegen Juden! Und als ob solche Fälle in der jüdischen Geschichte so selten wären! Zur Zeit Ludwigs XVI., des Ailerkatholischesten, war ein Jude namens S. Bernard zu hohen Ehren gelangt, da er stockreich war; ja, der stolze König selbst zog den Hut vor dem jüdischen Krösus. In Oesterreich und Deutschland gab es -Hof juden, und sogar im Königreich Polen seligen Andenkens gab es Schutzjuden, die zuweilen einen grossen Einfluss ausübten, wie z. B. der berühmte Meyer Jesofowicz. Hatte die bevorzugte Stellung dieser einzelnen Männer irgendwelche Wirkung, durchgreifenden Einfluss auf das Geschick des gesamten jüdischen Volkes? Darüber belehrt uns die ganze jüdische Martyriologie. Und nun heissen die Herren Bothschild, Cassel, Samuel nicht schlechthin Sehutzjuden, man sagt's ihnen auch nicht ins Gesicht, dass man nur dem Mammon huldige, dessen Priester sie sind, dafür ist das zwanzigste Jahrhundert zu wohlerzogen und taktvoll. Aber: „Tant plus que Qa ehange, tant plus est la meme chose", meint der Franzose. (Je mehr es sich ändert, desto mehr bleibt sich/s gleich.) Ueberall Judenuot, wie sie nur wenige Zeiten unserer Leidensgeschichte kannten, überall stöhnen und darben die Juden, lechzen nach materieller und geistiger Nahrung, schwärmen herum ohne Obdach und Kuhe; hier ist eine Judenmetzelei in Czenstochau, dort eine judenfeindliehe Demonstration in New-York — aber was macht das? Herr X. hat doch einen hohen Orden erhalten und Sir Ernestus Cassel (1er nebenbei getauft ist) i-t ("ieheimrat geworden! Haben denn die Millionen Enterbten in Osteuropa usw. nicht Grund, sich glücklich zu preisen, dass sie so grosse „Glaubensbrüder" haben? Wenn nicht, desto schlimmer für sie! Wien. Comlnilc. Christliche Staatsmänner und Gelehrte Uber den Zionismus. Wir haben in Nummer 35 der „Welt" (vom 29, August 1902) die Ansichten hervorragender Russen über den Zionismus wiedergegeben, welche die angesehene russische Revue „Russkaja Mysl" (Russischer Gedanke) gesammelt hat. Anknöpfend daran seien die vom selben Blatte eingeholten Aeusserungen einiger nichtrussischer christlicher Autoritäten, und zwar