Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 42 (17.10.1902)
- Article
- Bodenreform und jüdische Sozialpolitik
- Date
- 1902-10-17
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 42 „Die Welt" Seite 13 Erträgnisse der Boden-Mehrwerte und kommt zu dem Schlüsse, dass die Einhebung dieser einzigen Steuer nicht nur für das bisherige Budget vollständig genügen würde, sondern dass man auch all jene so dringend notwendigen Massnahmen für die Hebung des sozialen und kulturellen Lebens treffen könnte, die bisher an den mangelnden Mitteln scheiterten. Diese Besteuerung des Boden-Wertzuwachses würde die Terrainspekulation empfindlich treffen. Es läge kein Anreiz mehr vor, Boden auf Spekulation anzukaufen; und dort, wo nur durch künstliche Mittel der Preis des Bodens hinaufgetrieben war, würde das natürliche Preisniveau sofort erreicht werden, was, die Besitzabsicht der Gemeinde vorausgesetzt, für die Gesamtheit sehr vorteilhaft wäre. Die Bodenreformer haben bereits manchen Erfolg aufzuweisen. Ueberall, wo sie ihre Grundsätze zur Anerkennung bringen, haben sie Ehrungen, besonders in England, Australien, Amerika, und in der jüngsten Zeit auch in Deutschland, und nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in moralischer Beziehung bedeutende Erfolge aufzuweisen. Die Bodenreform»^ finden in der römischen und griechischen Geschichte die negative, in der mosaischen Gesetzgebung die positive Basis ihrer Lehre. Moses ist ihnen Pfadfinder und Lehrer und seine Gesetze über die Art der Bodenb^handlung, über die Ruheheiligung des Sabbatjahres, namentlich aber die gigantische Idee des Jubeljahres mit seinen ausgezeichneten Tendenzen finden bei ihnen Verständnis und edelste Würdigung. Waren doch dem Geiste des Gesetzes nach im alten Juda fast alle modernen sozialen Ideale erfüllt. Arbeit und Kapital trugen den ihnen zukommenden subjektiven Charakter und fanden ihren auskömmlichen Gewinn, der Boden aber war dem Volke nur zur Nutzniessung gegeben und das unter strengen Bestimmungen, welche für die gute Erhaltung des Bodens, für die Vorbeugung des Raubbaues Sorge trugen. Nach dieser Richtung hin werden wir keiner besonderen Gesetze bedürfen, für den Fall, als wir auf Grund des Charters an die Errichtung autonomer Gemeinden zu schreiten haben werden. Wir werden uns nur unsere weitausschauende, wunderbare mosaische Gesetzgebung vor Augen führen müssen, um mustergiltige Institutionen zu schaffen. Die Zuwachssteuer aber würde ein Mittel sein, um der Bodenspekulation, die sich mit der zunehmenden Wahrscheinlichkeit der Realisierbarkeit unserer Idee zweifellos eines Teiles des palästinensischen Bodens bemächtigen wird, ein entsprechendes Gegengewicht bieten zu können. So berühren sich die modernste Sozialreformerische Bewegung und unsere klassische altjüdische Wissenschaft, so werden wir fast auf jedem Gebiete des Fortschrittes organisch auf unserer alten Gesetzgebung weiterbauen können und dabei aus unseren Schätzen noch manches kostbare Körnchen hervorholen, das heute brach liegt, weil unsere freie Entwicklung gehindert und unterbunden wurde. Alfred Weissberger. bank genannt werden, auch ist eben diese Benennung hier allgemein im Gebrauch. Die Kasse hat den Zweck, dem Handwerker und dem Kleinhändler im Notfalle zu helfen und seine kleinen Ersparnisse zu sammeln und aufzubewahren. Laut den vom Finanzministerium bestätigten Statuten ist der Mitgliedsbeitrag auf 10 Rubel festgesetzt worden, der aber in Teilraten ä 1 Rubel 25 Kopeken eingezahlt werden kann. Jedes Mitglied ist berechtigt, eine Anleihe, die den sechsfachen Mitgliedsbeitrag nicht übersteigen darf, also 60 Rubel zu erlangen; diese wird durch Teilzahlungen unter möglichst günstigen Bedingungen zurückgezahlt. Schon nach den ersten acht Monaten ihrer Tätigkeit, am 1. Jänner dieses Jahres (die Kasse wurde im Mai 1901 eröffnet) zählte die Kasse 562 Mitglieder, An 417 von ihnen sind Anleihen in der Gesamtsumme von 17716 Rubel verteilt worden; die mittlere Anleihe war 42 Rubel 48 Kopeken. Die eingelegten Ersparnisse hingegen haben keine nennenswerte Summe erreicht, da die Leute nur sehr wenig aus ihrem kümmerlichen Budget sparen können. Unter den Mitgliedern waren ihrer Beschäftigung nach 52 Schneider, 20 Schuhmacher, 22 Tischler, 20 Metzger, 16 Fuhrleute, 199 Kleinhändler, 99 Kaufleute u. s. w. Im laufenden Jahre hat sich die Tätigkeit der Kasse weiter entwickelt; die Zahl der Mitglieder ist am 1. Sept. dieses Jahres auf 835 gestiegen, von denen 695 die stattliche Summe von 30287 Rubel der Kasse schuldig sind. Die ganze Bedeutung dieser Daten wird erst dann klar, wenn man bedenkt, dass diese 695 Handwerker und Kleinhändler ohne die rechtzeitige Hilfe unserer Volksbank unbedingt in die Hände von Wucherern gefallen wären, die sie vollständig ruiniert hätten. Solche Beispiele sehen wir täglich unter aVn zahlreichen Bettlern, die nur durch Wucherer zu Bettlern wurden und für die wieder eine selbständige Existenz zu schaffen kaum möglich ist. Noch einer vif lversprech enden Erweiterung ihres Wirkungfigebietes sieht unsere Bank entgegen; in den nächsten Monaten wird sie die Vermittlung des Ankaufes von Rohmaterialien für ihre Mitglieder und des Verkaufes der von ihnen hergestellten Produkte übernehmen können. Es ist bemerkenswert, dass unter den 835 Mitgliedern, die unsere Bank zur Zeit zählt, nur ein Nichtjude ist, obwohl die Statuten keine konfessionellen Unterschiede beim Beitritte machen. Es kommt vielleicht daher, dass die Zahl der nichtjüdischen Handwerker und Kleinhändler hier verschwindend klein ist und im Verhältnisse zu den jüdischen Vertretern dieser schlechtsituierten Bevölkerungsklassen gar nicht in Betracht kommt. Auch kann es daher rühren, dass die Bedürfnisse der Nichtjuden aus anderen Quellen (und wahrscheinlich viel besseren) bestritten werden. Jedenfalls aber klingt unter diesen Umständen die neueste Verordnung des Ministeriums sehr originell, das künftighin im Vorstande der Spar- und Leihkassen nur ein Drittel Juden sein dürfen und der Vorsteher ein Nichtjude sein muss. Woher nimmt man aber die Nichtjuden? Wir sind schon gezwungen, Nichtjuden zu finden, die gütigst gewillt wären, die Lehranstalten zu besuchen. Jetzt werden wir solche auch für unseren billigen Kredit suchen müssen ... N. B. Jüdisches Bildungsheim. Mitteilung. „Das jüdische Bildungsheim" wird am 21. Oktober d. J. wieder seine Tätigkeit im alten Lokale, XIV., Denglergasse 2, 1. Stock, beginnen. Herr Dr. 1. Schalit wird sie inaugurieren. Das Kuratorium des Bildungsheims ersucht dringend alle Gesinnungsgenossen um Beteiligung und bittet, Anmeldungen jener Herren, welche durch wissenschaftliche, deklamatorische oder musikalische Vorträge uns unterstützen wollen, an Herrn S. M. Hönigsberg, XV., Krausgasse 20, zu richten. Dieser Aufruf ergeht namentlich an unsere Studentenverbindungen. Jüdische Volksbank in Hornel. Dank der tatkräftigen Initiative und unermüdlichen Tätigkeit eines der hiesigen Zionisten, der leider seinen Wirkungs- und Wohnungsort seinem Berufe folgend in eine andere Stadt übertragen hat, hat sich hier im vorigen Jahre eine Spar- und Leihkasse gegründet, die für gewisse ärmere Schichten der jüdischen Bevölkerung von grosser Bedeutung ist. Dem Kreise und den Bedingungen ihrer Wirksamkeit nach kann diese Kasse mit vollem Rechte eine Volks- Mitteilungen des ihner-österr. Distrikts-Komitees. Für den Wahlfonds sind weiter eingegangen: Von einer Distrikts-Versammlung K 8.80, Liebermann —.40, Körpner —.40, Dr, Egon M. Zweig, Sammlung Pressburger Ausflug 3.20, Jos. Haas Sammlung beim Schwager Bär 5.70, Doktor H. B. —.60. Dr.Egon Zweig —.40, Gehorsam —.30, H. Schaefer —.30, E. T. 4.—, Sammlung im D. K. 4.40, Hugo Zuckermann 3.—, Max der Turner —.60, Z. Sammlung 1.60, Verein „Zion", Nadworna —.50, Eliaser Förster, Nadworna, —.50, Meier Hübner, Nadworna —.50.