Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 42 (17.10.1902)
- Article
- Sinferopol [Nachricht]
- Date
- 1902-10-17
- Page
- 6 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JHr^ W«i©V Nr. 4fr Simferopol. Die Zeitschrift, Juschny Kraj" teilt folgenden Fall mit: „Eine Dorfgemeinde übergab den Bau ihrer Dorfkirche einem jüdischen Unternehmer, der wegen seiner Redlichkeit überall geachtet wird. Der Er zbisehof Nikolaj, welcher Kenntnis davon erhielt, machte den Göuverneur auf die Ungehörigkeit eines solchen Vertrages zwischen der Dorfgemeinde und dem jüdischen Unternehmer aufmerksam und verlangte die Annullierung des Vertrages. Der Gouverneur sträubte sich, die Forderung des Erzbischofs zu erfüllen, musste jedoch schliesslich nachgeben." ♦ - Warschau. Wie der „Warschawskij Dnewnik" meldet, beginnt mit Eintritt des neuen Jahres 1903 in Warschau in polnischer Sprache ein jüdisches Tagblatt zu erscheinen, das dem Zionismus gewidmet sein wird. Als Herausgeber des neuen Tagblattes gilt der Direktor der Warschauer Eskompte-Bank, Posnanski, als Redakteur der bekannte Publizist K. Herz, * Tschita (Sibirien). Das in Tschita erscheinende rein russische Blatt „Sabaikalje" („Transbaikalien") bringt in seinen letzten Nummern eine Artikelserie über den Zionismus und dessen Bedeutung. Das Blatt, welches die Verhandlungen des jüngsten Baseler Kongresses wörtlich wiedergibt, spricht sich über den Zionismus und dessen Bestrebungen sehr sympathisch aus. Gt. Bukarest. Seit einigen Tagen weilt in Rumänjen d^r englische Abgeordnete Evans Gordon, der vor einigen Wochen die Londoner Regierung über die rumänischen Zustände interpelliert hat. Damals hat der englische Minister des Auessern geantwortet, dass England schon mehrmals bei der rumänischen Regierung wegen der jüdischen Bevölkerung ohne Resultat interveniert habe. Major Gordon, von einem rumänischen Journalisten befragt, erklärte, da er mit der Antwort seiner Regierung unzufrieden war, gab ihm diese den Auftrag, die jüdische Frage in Rumänien einem eingehenderen Studium zu unterwerfen. Bis jetzt habe er nur mit Staatsmännern gesprochen, die man nicht als judenfreundlich bezeichnen kann: von diesen Gesprächen habe er die Ueberzeugung gewonnen, dass die Lage der Juden in Rumänien unprträglich sei. Da er sich mit diesen Erklärungen nicht begnügen wollte, habe er das jüdische Viertel in Bukarest besucht; die dortige jüdische Bevölkerunghabeaufihn^inen sehr guten Eindruck gemacht und er kenne jetzt genau ihre Ansprüche und die Ungerechtigkeiten, denen sie ausgesetzt ist. G o r d o n zeigte eine grosse Mappe voll Notizen, die er für seine nächste Interpellation im eng* lischen Parlament verwenden will. Aus Argentinien. Der Chef d»>s argentinischen Einwanderungs-Amte* fragte jüngst den Landwirtschafts-Minister, was er mit den vielen jüdischen Familien tun solle, welche im „Einwanderer-Hotel" sich befänden. Di« Administration d*r„Ica'', an die sich der Beamte gewendet hatte, erwiderte, sie hatte für dieselben in den Kolonien keinen Platz, aber sie werde sich bemühen, für sie in der Hauptstadt eine Arbeit zu suchen. Ein argentinisches Blatt bemerkt aus diesem Anlasse : „Es ist augenscheinlich etwas faul in der jüdischen Kolonisationsfrage in Argentinien." Ausser den (52 Juden, welche mit der „Umbria" angekommen sind, sind weiter einige vierzig Juden durch die „Washington'" hergebracht worden, und sie alle lagern im Einwanderer-Hotel. Diese Einwanderer sind zumeist Rumänen und sind ins Land gekommen, angelockt durch die Schilderungen der Kolonisationstätigkeit der „Icau, welche in der ganzen Welt verbreitet sind. Es scheint jedoch, dass die „Ica" die versprochene Verwendung ihrer Landsleute nicht erfüllt. Solche Vorfälle hätten sich zu Lebzeiten des Baron Hirsch niemals zugetragen. („Jew. Chronicle'c.) Bericht der jüdischen Delegierten, die an der Venediger Vorkonferenz der „Corda Fratres" teilnahmen. Die Gründe, die uns veranlassten, in den internationalen Studentenbund einzutreten, war nicht das Bedürfnis, an den Festlichkeiten teilzunehmen, sondern wir wollten noch einen Kampfplatz gewinnen, wir wollten als jüdische Nationalität auftreten, dort, wo andere Nationalitäten vertreten sind, wir wollten den Studenten aller Nationen die Ungerechtigkeiten zeigen können, denen unsere Brüder ausgesetzt sind. Wenn wir in der „Corda Fratres" gar keine Tätigkeit zeigen, sondern nur als eine separierte jüdische Abteilung erscheinen wollten wie die anderen Nationalitäten, das würde schon ein ausreichender Grund gewesen sein, um unser Einschreiben in die „Corda Fratres" zu motivieren. Wenn man aber bedenkt, däös wir Gelegenheit haben, auf den Kongressen unsere Idee vor derjenigen Jugend zu vertreten, die ein reiches Kontingent in den leitenden Teil der Gesellschaft abgibt, so wird man erkennen, dass unser Eintreten in die „Corda Fratres* nicht nur nicht überflüssig, sondern sogar notwendig ist. Mit diesem Gedanken erfüllt, rüsteten wir uns auch für den Budapester Kongress, da dieser aber abgesagt wurde, so war unsere Beteiligung an der Venediger Vorkonferenz meistens aus pekuniären Grün'den unsicher. In letzter Stunde löste sich auch diese Frage, dank der Unterstützung seitens einiger zionistischer Korporationen und einiger Gesinnungsgenossen, denen wir auch hier bestens danken. Nachdem der Vizepräsident der „Section speciale" Dr. Friedmann, den Kollegen Librescu ersucht hat, ihn in Venedig zu vertreten, wurde dieser und Kollege Kauf zur Vorkonferenz delegiert. Die Aufgabe .derselben war so verteilt: Kauf sollte unsere Resolution, betreffend die Bildung der „Section juive", begründen, Librescu sollte eine Motion vorlegen und motivieren, durch welche die Konferenz den rumänischen Studenten ihr Bedauern über deren Verhalten gegenüber den Juden ausdrücken sollte. Was den ersten Antrag betriffr, ist er in diesem Blatte ausführlich besprochen worden, so dass wir nur von denjenigen Teilen der Diskussion sprechen werden, die nicht genügend erörtert wurden. Io der Eröffnungssitzung bei Festsetzung der Tagesordnung, zu der wir mit w eissblauen Bändern geschmückt erschienen, mussten wir schon kämpfen. Man verlangte speziell vo n uns Aufklärungen, worüber wir zu sprechen gedenken. Als Librescu dagegen energisch protestierte, dass man nur von der „Section speciale" im vorhinein Mitteilungen verlange und Kauf erklärte, dass man sich das Wort mit aller Macht zu verschaffen wissen werde, einigte man sich nach längerer Debatte, dass alle Sektionen mitzuteilen haben, worüber sie zu sprechen gedenken. Jetzt erklärte K a u f, was die „Section speciale" vorbringen wolle und dies war die Kriegserklärung gegenüber den Rumänen. In der ersten Sitzung sprach Librescu, welcher Italien und Venedig im Namen der jüdischen Studenten begrüsste und sich den Worten anschloss, die die Vorredner über den Tod Zolas vorgebracht hatten. Die zweite Sitzung überzeugte uns schon am Anfang, dass die Mehrheit der Anwesenden unserer Sache sympathisch war; dieRumänen wollten nämlich die Diskussion auf die letzte Sitzung verschieben, wogegen sich Librescu entschieden verwahrte. Nach längerer Debatte wurde der Antrageines italienischen Studenten, wonach die Referenten sogleich zu sprechen haben, angenommen, hingegen der Antrag der Rumänen verworfen. Nun verlangten die Rumänen, man möge sie zuerst anhören, worauf K au f die Absicht der Rumänen, die jüdischen Delegierten zum Worte nicht kommen zu lassen, klarlegte und es wurde ihm deshalb sofort das Wort erteilt. Das Referat des Kollegen Kauf wurde in der „Welt* schon besprochen. Wir bemerken nur, dass. obwohl unser Antrag abgelehnt wurde, wir die blosse ausführliche Darstellung unserer Idee schon als einen Sieg betrachten können. Ausserdem bedeutet das Votum einen Schlag für die Rumänen, von denen nachher wegen dieses Votums einer ihrer Führer, Herr Visoiu, samt seinen Anhängern demissionierte. Während der Debatte sprach auch unter anderen der italienische Jude, unser Gesinnungsgenosse Angelo S u 1 a m, Verfasser der Broschüre „R i t o r n a n d o aiMedioevo" über die Lage der rumänischen Juden. Er konnte aber seine Ausführungen nicht beenden, da die Versammlung, am meisten die rumänischen Studenten, angeblich von Politik nichts hören wollte. Da seitens des Vorsitzenden die ,jSection speciale" befragt wurde, warum die rumänischen Juden nicht in die „Section roumaine" aufgenommen werden wollen, begann Librescu seine Rede, in der er auf die antisemitische Agitation und das ganze unzivilisierte Gehaben der rumänischen Studenten in der Judenfrage hinwies. Er konnte aber seine Rede nicht vollenden, da ein Teil der Zuhörer schrie, sie wollen keine Politik hören, während ein anderer Teil (die Rumänen) Obstruktion trieben und fortwährend über Ermüdung klagten. Jedoch gelang es Librescu, alle Anklagen gegen dieRumänen, wenn nicht in einer geordneten Rede, so doch bei seinem Eingreifen während der Debatte über unseren ersten Antrag, wie auch bei anderen Diskussionen zu erheben und auseinanderzusetzen. (Es werden die Reden der Delegierten später in einem Bulletin veröffentlicht werden.) Die Erörterung der rumänischen Judenfrage war unser zweiter, grosser Sieg.