Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 41 (10.10.1902)
- Article
- Neilah
- Date
- 1902-10-10
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 „Die # Welt" Seite 15 fühlte er sich glücklich 3 wohl und gemütlich.... Nachher aber brach für ihn die böse Zeit heran. Den Erinner iingen an diese Zeit entströmte eine Todeskälte, welche sein Blut erstarren machte ... Er vergass seinen guten Vater, seine gute Mutter, er verleugnete seine Brüder, um zu „ihnen" zu flüchten und sich für die Opernbühne auszubilden . . . Seine Eltern, seine Vaterstadt, die Synagoge — sie alle erschienen ihm als Etwas, was höchstens verächtliches Mitleid verdient . . . Und er arbeitete emsig, um sein Ziel zu erreichen. Er darbte, er litt Hunger und Mangel an allem, sein Fleiss erlahmte jedoch nicht. Er absolvierte das Konservatorium mit Auszeichnung und fühlte sich unsäglich glücklieh, wenn „sie" ihn den „ihrigen" nannten. — Jene zwei Wesen, welche einst ihn liebkost und tief geliebt hatten, vergass er gänzlich. Und was würden „sie" sagen, wenn „sie" seinen alten Vater zu sehen oder seinen Gesang in der Synagoge zu hören bekommen sollten? . . . Und so flössen die Jahre dahin . . . Er spielte bereits auf der ersten Bühne der Residenz. Aber zu seinem Schrecken begann er wahrzunehmen, dass man in ihm den Juden erkennt und ihn deshalb mit allen möglichen Mitteln zu verdrängen sucht . . . Und völlig Unfähigen gelang es auch stets, ihn durch unsichtbare und völlig unbegreifliche Macht zu besiegen und zu vernichten . . . Noch mehr: sogar jene, welche noch unlängst ihn als den „ihrigen" betrachteten, wurden ihm untreu . . . Anfangs glaubte er, sein Talent sei im Sehwinden begriffen, und er war dem Wahnsinn nahe . . . Aber seine Kunst entfaltete sich immer stärker, und dennoch wurde er von „ihnen" nur verfolgt und verhöhnt . . . Seine Leiden vergrösserten sich immer mehr . . . * Und nun stand er wiederum unter dem Schwibbogen der vatea'stJidtischen Synagoge. Die seinen Augen entströmenden Tränen brachten ihm Erleichterung, er gab sieh den auf ihn einstürmenden Erinnerungen völlig hin . . . Niemand würde ihm hier das „schreckliche Wort" entgegenschleudern, niemand würde ihn beleidigen . .. . Und er fühlte sich glücklich, dass er hier unter den „Seinen" sich befindet . . . Und nun hatte der alte Chasan Rabbi Nachman den „Omed" erreicht. Es herrschte tiefe Stille . . .. Der auf der Empore stehende Bethausdiener kündigte durch drei Sehläge den Beginnn des Gebetes an. Mit zitternder, greisenhafter, aber tief in das Herz dringender Stimme begann Rabbi Nachman, das Schlussgebet vorzutragen.- Und als er, durch den Ort, die Zeit und durch die stummen Zuhörer begeistert, das rührende Gebet „Jaale" begann, verfiel der unbekannte Jüngling mit dem glattrasierten Gesichte in lautes, krampfhaftes Schluchzen, seine Stirne an die massive Eisentür immer fester drückend . . . Und sein Schluchzen schien kein Ende nehmen zu wolllen . . . Und Rabbi Nachman trug das Gebet weiter ATor. Die Melodie des Gebetes schien die gequälte Seele beschwichtigen zu wollen, der Greis selbst schien unter der Wirkung der herrlichen Worte des ,,Neilah"-Gebetes in heftiges Weinen verfallen zu wollen. Aher nicht Rabbi Nachman und der unbekannte Jüngling vor der massiven Eisentür allein, sondern alle, alle im Tempel weinten heftig . . . Und wie nichtig, unbedeutend erschienen dem unbekannten Jüngling alle seine früheren Erfolge! ... Hatte er denn jemals vermocht, der Menge solche aufrichtige Tränen zu entlocken? Nein! Er unterhielt die Menge als Komödiant, die für Geld von ihm verlangte, dass er lache, weine und Possen reisse . . . Hier aber stand ein gramgebeugter Greis vor ihm, der mit zitternder, kraftloser Stimme gleich einem Zauberer die Zuhörer zu entzücken verstand, die ihm ehrfurchtsvoll lauschen . . . Und dieser Greis fürchtet nichts, weder „schreckliche Worte" noch offene und geheime Feinde, er kennt weder falsche Ovationen noch blutige, unverdiente Beleidigungen . . . Plötzlich entstand in der Synagoge grosse Verwirrung: Rabbi Nachman vermochte sich nicht mehr auf den Füssen zu halten und fiel ohnmächtig zu Boden. Die ihm zuhilfe eilenden Personen hoben den alten Chasan vom Boden und trugen ihn ins Freie, um ihn ins Leben zurückzurufen. Aber vergebens waren •ihre Bemühungen: der alte Rabhi Nachman hatte an diesem Ver- Äohmingstage das letzte „Neilah"-Gebet verrichtet. Und als dieses konstatiert wurde*, trat zum „Omed" der unbekannte Jüngling mit dem glattrasierten Gesichte und hub an, das „Kadisch"-Gehet zu sagen, durch seine reizende Stimme und durch die richtige Wiedergahe der durch Jahrhunderte geheiligten Melodie die Zuhörer in Bewunderung versetzend. Und alle erkannten in dem jungen, glattrasierten „Chasan" den Sohn des soeben verschiedenen Rabbi Nachman, denselben, welcher die ganze Gemeinde schon seit vielen Jahren als den „Nichtihrigen'5 zu betrachten sich gewöhnt hatte . . . Und der Sohn des Rabbi Nachman, der einst bei „ihnen'' sein Glück zu finden "glaubte, verliess seine Vaterstadt nicht mehr. Er kehrte zu den „Seinen"' zurück, nicht nur äusserlich, sondern auch innerlieh. Jüdisches Bildungsheim. Mitteilung. „Das jüdische Bildungsheim" wird am 21. Oktober d. J. wieder seine Tätigkeit im alten Lokale, XIV., Denglergasse % 1. Stock, beginnen. Herr Dr. L Schalit wird sie inaugurieren. Das Kuratorium des Bildungsheims ersucht dringend alle Gesinnungsgenossen um Beteiligung und bittet, Anmeldungen jener Herren, welche durch wissenschaftliche, deklamatorische oder musikalische Vorträge uns unterstützen wollen, an Herrn S. M. H ö n i g s b e r g, XV., Krausgasse 20, zu richten. Dieser Aufruf ergeht namentlich an unsere Studentenverbindungen. Mitteilungen des österr. Landeskomitees. Bureaustunden täglich von 6—8 Uhr abends im Bureau, Wien, IX., Türkenstrasse 9, Tür 36. P1 e n a r-S i t z u n g e n jeden Montag im Kongressbureau. Hier sind an diesem Tage alle Mitglieder des L.-K. von halb 7 Uhr abends zu sprechen. Alle Bestellungen auf N.-P.-Marken werden nur gegen bar effektuiert und sind an den Kassier und N.-F.-Kommissär des L.-K. Dr. Hugo Benedikt, L, Tiefer Graben 25, zu richten. Im Hinblick auf die Feiertage fordern wir zu reichlichen Spenden für den N.-F. auf. Diese empfehlen sich besonders beim Aufruf zur Thora und als Ersatz für die üblichen Glückwunschkarten, Versehleissartikel (als Broschüren, Ansichtskarten, Abzeichen) sind bei Sekretär Adolf Po Hak, IX., Türkenstrasse 9, erhältlich. Von den am Bielitzer Parteitage kreierten sieben D.-K. sind sechs konstituiert und vom L.-K. bestätigt, und zwar: 1. Das i n e r ö st er r e i c his c h e D.-K (für Alpen- und Karstländer). Obmann Dr. Max Bernhardt, VII., Neubaugasse 14, erster Schriftführer Josef Hase, IU., Dianagasse 5, erster Kassier Moriz Ehrlich, IX., Hahngasse 33. 2. Das böhmische D.-K., Prag, Heinrichsgasse 9. Obmann Karl Resek, Schriftführer H. Singer. 3. Das mä bris ch-sch lesische D.-K. Obmann Dr. S. Wahrhaftig, Schriftführer Alfred Hers z 1 i k i ewiez, Bielitz, Schiesshausstrasse 1, 4. Das westgalizische D.-K. (für den Sprengel des Oberlandesgerichtes Krakau), Gertrudy 29. Obmann Dr. Ludwig Goldwasser, erster Schriftführer Dr. Hermann Syrop, erster Kassier Henryk Bandet, Grodzka 5. 5. Das Stanislauer D.-K. (für die Kreisgerichtssprengel Stanislau, Kolomea und Stryi, sowie die Stadt Drohobycz). Obmann Dr. Rubin Brau de, Schriftführer Dr. Hillel Sussmann, 6. Das Lemberger D.-K. (für das restliche Ostgalizien), Rynek 12. Obmann Dr. P. P o r d e s, Schriftführer Heinrich Löwenherz. Die Neubildung des Bukowinaer D.-K. ist nach wie vor Herrn Dr. Philipp Menczel in Czernowitz, dem Obmanne des bisherigen D.-K., anvertraut. Das im Auftrage des Bielitzer Parteitages vom L.-K. ausgearbeitete zionistische Kultusge.meinde- Programm ist in Druck gelegt und wird in vorläufig 30.000 Exemplaren verbreitet werden. Anträge und Wünsche für den kleinen Kongress sind an das L.-K., und zwar an den Referenten Alfred Weissberge r, IL, Czemingasse 7, zu leiten. Die österreichischen Parteiblätter werden um ständig e n N a c h d r u ck der Mitteilungen ihres L.-K. ersucht.