Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 41 (10.10.1902)
- Article
- Eli
- Date
- 1902-10-10
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite Ii ^Die & Welt*« m. m Sein Einziger, sein Eli, Sein Stolz und seine Krön', Der hat sein Volk verrathen, — Da fluchte er dem Sohn. Und heute, am Jörn Kipur, Es ist zur Mussaphzeit, Steht in der Priestergruppe Zu segnen er bereit. Tief beugen sich die Beter, „Kohanim" tönt es laut. Blind wird, so geht die Sage, Wer sie beim Segnen schaut. Nun hebt die alte Weise An der Kohanim Chor, Des greisen Kohen Stimme Tönt jetzt so tief hervor. Da wirft sich vor die Priester Ein Mann zu Boden hin, Sein Haupt ruht auf den Steinen, Ein Schluchzen schüttelt ihn. Die Priester aber singen : „Der Herr, er segne dich, Er möge dich behüten Für immer gnädiglich. Hell leuchte dir sein Antlitz, Voll Güte, stets hienieden, Er lass' dich Leben trinken Und gebe dir den Frieden!" Und nach des Segens Ende, Da schreiten sie hinab, Voran dei greise Kohen, Dem man die Ehre gab. Da sieht er vor den Stufen, Das Haupt auf kaltem Stein, Den Büsser, bitter schluchzend In namenloser Pein. So büssten die Gebannten, Die's draussen nicht mehr litt: Zum Estrich ward ihr Körper Für ihrer Brüder Schritt. In reinstem Mitleid beugt sich Der Greis zum Büsser tief* Und „Eli, Eli!" tönt es, Und „Vater, Vater!" rief Der Büsser. Und am Herzen Des Vaters still er lag. Nun trank er endlich Schönheit — Es war Versöhnungstag. Ernst Erdmann. (Nachdruck verboten.) NeTlali. Mit Benützung eines russischen Stoffes von N. Golant. Der Tag ging zur Neige. Das trübe Licht der Wachskerzen fiel auf den weissen Samt des feiertäglichen „Paroches" und warf seinen schwachen Schein auf die in der Nähe stehenden Personen. Es schien, dass hinter dem ..Paroches" sich ein unbekanntes, heiliges, göttliches - Geheimnis verberge . . . Und unwillkürlich tauchten heilige Erinnerungen längstentschwundener Zeiten des Ruhmes auf, Erinnerungen an den Hohepriester, an das Allerheiligste, an den Weihrauch, an die heiligen Opfer der Allverzeihung und an dein harmonischen Gesang der Leviten «. . . Weissverhüllt standen alle Andächtigen in tiefe Gedanken versunken, und jeder von ihnen schien schon durch seine .Tracht seine Bereitwilligkeit kundzugeben, in jedem Augenblicke seine sündige Seele dem Willen des Allmächtigen zu überlassen . . . Das war ein aufregendes Schauspiel, welches das phantastische Märchen von den Toten, die in ihren Totenkleidern um Mitternacht in den Mauern der Synagoge ihren Gottesdienst abhalten, zu verwirklichen schien . . . Dumpfes, wehmütiges Schluchzen erfüllte den Baum, aufrichtige, heisse Tränen fielen zu Boden . . Vor diesem erhabenen Kummer . aufrichtiger Reue schienen alle gleich zu sein: der Millionär, welcher über unzählige Reichtümer verfügt, und der Arme, welcher heute die Hand nach einem Almosen ausgestreckt, sie alle sind heute gleich . . . Aber allmählich verstummten die Stimmen, das Schluchzen, verhallte . . . Nur hie und da ertönte noch ein leiser Seufzer oder das leise Flüstern eines Betenden . . . Aber noch wenige Augenblicke — und es trat völlige, lautlose Stille ein . . . Alle seheinen in Erwartung von etwas Feierlichem, etwas ausserordentlich Grossem dazustehen. Und von dem langen Fasttag ermüdet, von der Schwüle im Tempel und von den vielen Gebeten ermattet, Hessen sich die Andächtigen bald auf ihre Plätze, bald auf dem heubedeekten Boden nieder, um wenige Augenblicke der Ruhe zu gemessen. Und bald, bald wird der bedeutungsvolle Augenblick eintreten, wo die Andächtigen ihr Schlussgebet zum Allmächtigen empor senden, um vor der Sperre der Himmelspforte die Gnade des Schöpfers nochmals anzurufen und Glück, Lieben und Gesundheit zu erflehen. Aber während alle Andächtigen in Erwartung des grossen Augenblickes in ihren Gebeten und in ihrem Schluchzen innehielten, stand ein junger Mann im Tempeleingange, die Stirn an das kalte Eisen der massiven Tempeltür gelehnt, und weinte bitterlich, am ganzen Körper nervös bebend. Seiner Kleidung nach schien der junge Mann dem im Tempel versammelten Volke ganz fremd zu sein . . . Sein glattrasiertes Gesicht bildete unter den im Tempel versammelten langbärtigen Figuren mit bleichen und kummervollen Gesichtern einen grellen Misston . . . Woher kam er, dieser Mann, welcher zu schluchzen nicht aufhört, wiewohl alle anderen sich fast beruhigt hatten? Welcher Schmerz, welcher Kummer bedrückt sein Herz? O, das ist eine gar zu traurige Geschichte! Fünfzehn Jahre sind seit jener denkwürdigen Nacht verstrichen, die Leiden dieser langen Zeit aber hielten in dem jungen Manne noch immer an und schienen ihn schwer zu bedrücken. Unentwegt blickte er kummervoll auf einen weisshaarigen Greis, der, mit einem dicken Gebetbuche in den Händen, sich langsam dem „Omed" näherte. Die für ihn nahen und teuren Züge des verwandten Antlitzes weckten in ihm einen ganzen Schwärm von Erinnerungen ... Er wollte sich hinstürzen, laut „Vater!" rufen', diesen schwachen Greis umhalsen, sieh an dessen Brust schmiegen und weinen, unaufhörlich weinen. Er machte jedoch eine sichtliche Anstrengung und blieb auf seinem Platze stehen . . . Der Greis, der alte Chasan Rabbi Nachman, schleppte sich indessen mühsam zu dem ,,Omed", um das Versöhnungs-Schlussgebet zu beginnen. Und der Jüngling mit dem glattrasierten Gesichte erinnerte sieh beim Anblicke dieses hinfälligen Greises an die Vergangenheit. — Auch er stand einst vor diesem „Omed", auch er hatte vor diesem wundervollen „Paroehes" den Gesängen seines Vaters gelauscht und mit seiner silberhellen Kinderstimme dem Chor sekundiert . . . Und die Andächtigen pflegten jedesmal nach Schluss des Gottesdienstes ihn für den schönen Gesang zu loben und zu Rabbi Nachman zu sagen: ..Gott hat Sie mit einem Schatz gesegnet . . . Aus ihm wird ein berühmter Kantor werden." Dabei pflegten sie das lockige Haupt des Kindes zu streicheln und seine weichen Wangen zu küssen. Das Antlitz seines Vaters strahlte bei diesen Worten vor Glück. Und er erinnerte sich, wie lustig es im Tempel an dem ,,Simchas-Thora"-Feste zuging. Die buntfarbige papierene Fahne in die Höhe schwingend, lief er mit den Knaben seines Alters im Tempel herum, an seine Kinderbrust die kleine Thoraro^lle festpressend. Unter den hohen Schwibbogen der Synagoge strichen die besseren Tage seiner Kindheit dahin, hier atmete er frei, hier